Vor 80 Jahren endete der Krieg

Paul Breins aus Urlau verlor seinen Vater im Zweiten Weltkrieg

Er war noch ein Kind als der Zweite Weltkrieg in der Region Bodensee-Oberschwaben endete. Besonders schmerzt Paul Breins bis heute, dass sein Vater nie aus dem Krieg heimkehrte.

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Von Autor/in Martin Hattenberger

Am 8. Mai 1945 endete auch in der Region Bodensee-Oberschwaben der Zweite Weltkrieg. Paul Breins erlebte das Kriegsende in seinem Heimatort Urlau bei Leutkirch im Allgäu (Kreis Ravensburg). Mit dem Kriegsende verbindet er auch schöne Erinnerungen, etwa dass er zum ersten Mal Schokolade aß. Aber auch den schmerzlichen Verlust seines Vaters, der nie wieder heimkehrte.

Kindheit im kleinen Urlau

Paul Breins ist am 21.6.1938 in Urlau geboren. Seine Eltern waren "kleine Leute", wie er heute sagt. Der Vater ist selbstständiger Schreinermeister, die Mutter arbeitet auf einem landwirtschaftlichen Betrieb mit. Kurz nach der Geburt von Paul Breins wird sein Vater eingezogen für den Bau des militärischen Verteidigungssystems an der Grenze zu Frankreich, dem sogenannten Westwall. Dort arbeitet er bis zum Kriegsbeginn. Dann wird er sofort eingezogen. Paul Breins sieht seinen Vater nur beim Heimaturlaub.

Die letzte Erinnerung ist die Abreise nach einem Urlaub 1944 am Bahnhof in Leutkirch. "Da sind wir gelaufen und mit dem Zug nach Leutkirch gefahren, um den Vater auf den Zug zu bringen. Alles war voller Soldaten", erinnert sich Paul Breins. "Der Vater hat dann zum Abschied die Hand meiner Mutter aus dem Zug heraus festgehalten und sie nicht losgelassen. Die lief bestimmt 50 Meter mit, bis wir Kinder ängstlich riefen: 'Mama komm zurück'."

Das ist die letzte Erinnerung an den Vater.

Der Vater kehrt nie wieder heim. Die Familie hofft jahrelang. 1957 wird der Vater schließlich für tot erklärt, damit die Mutter eine Witwenrente bekommt. "Das war für uns eine Sache des Überlebens, dass wir ihn für tot erklärt haben", erinnert sich Paul Breins.

Erst Jahrzehnte später erfährt er von einem Kriegskameraden, dass sein Vater auf der Halbinsel Hela im heutigen Polen auf eine Miene getreten und sofort tot war.

Große Gefahr durch eine Sprengung der "Muna Urlau"

Vom Krieg bekommt man in Urlau zu Beginn wenig mit, erzählt der heute 86-Jährige. Doch Paul Breins erinnert sich, woran er bemerkte, dass Krieg war: "Bei Beerdigungen in dem kleinen Ort spielte normalerweise die Musikkapelle am Grab. Als der Krieg weiter fortgeschritten war, hat es keine Kapelle mehr gegeben, weil es keine Männer mehr gab, die spielen konnten."

Später erlebten die Urlauer einen Fliegerangriff. Am Tag vorher entdecken Paul Breins und weitere Kinder ein Flugzeug am Himmel. Dann erfolgt der Angriff. "Das Haus neben der Kirche ist zusammengeschossen worden. Insgesamt sind drei Häuser beschädigt gewesen, aber zum Glück ist niemand ums Leben gekommen."

Urlau ist ein potenzielles Ziel für die Alliierten, denn dort gibt es eine große Heeresmunitionsanstalt, im Volksmund nur "Muna" genannt. Dort wurden chemische Kampfstoffe und Munition gelagert. Als das Ende des Zweiten Weltkriegs näher kommt, gibt es den Befehl Hitlers, die "Muna" zu sprengen. Paul Breins erinnert sich an mehrere Meldungen einer bevorstehenden Sprengung: "Da hieß es, wir sollen hinter einen Berg gehen, die 'Muna' würde gesprengt. Aber dann ist nichts passiert. Beim zweiten Mal haben wir das noch gemacht, beim dritten Mal sind wir einfach daheimgeblieben."

Am Ende wird die "Muna" nicht gesprengt. Der Kommandant Günther Zöller verweigert den Befehl. Er übergibt das Lager kampflos an die Franzosen. Ein Glück für alle Einwohner. Eine Sprengung hätte die gesamte Gegend betroffen und verseucht.

Die Sieger bringen Schokolade

Als der Krieg auch in Urlau endet, steht der damals 6-jährige Paul Breins an der Straße und schaut zu, wie die Franzosen durch den Ort fahren. "Es war ein regnerischer Tag. Trotzdem sind die Menschen an der Straße gestanden und haben den Franzosen zugejubelt. Und die haben mir und meiner Schwester Schokolade geschenkt. Sowas kannten wir vorher gar nicht."

Der Großteil der Menschen war froh, dass es vorbei war.

Bei der Familie zieht daraufhin ein französischer Offizier ein. "Der hat als Erstes verlangt, dass ein Bild von meinem Vater in Uniform aus dem Zimmer weg muss", erinnert sich der 86-Jährige. Die Zeit der Besatzung durch die Franzosen erlebt er als spannend. Immer wieder wurde der Familie geholfen: "Wir waren als Kinder oft im Casino der Franzosen und haben da Essensreste bekommen. Da gab es auch mal Gulasch." So habe die Familie auch in der Nachkriegszeit keinen Hunger leiden müssen.

Schwere Jahre für die Familie

Die Nachkriegszeit ist eine schwere Zeit für die Familie. Die Mutter muss fortan als Alleinerziehende für Paul und seine Schwester sorgen. Das Geld ist knapp. Es mangelt an vielem. Paul Breins erinnert sich an den Tauschhandel. "Wir haben mit allem getauscht: mit Butter, Zigaretten, Brot. Die Bauern haben Fleisch getauscht. So ist man durchgekommen." Erst als die Mutter eine Anstellung als Handarbeitslehrerin bekommt, entspannt sich die Lage etwas.

Trotzdem beschreibt er seine Kindheit als glücklich. "Wir hatten ein freies Leben. Wir haben am Bach gespielt und sind durch die Gegend gestreift."

Wir hatten keine Not gespürt und eine gute Mutter, die für uns gesorgt hat.

Als Elektriker im ganzen Land unterwegs

In der Schule, erinnert sich Paul Breins, herrschten nach dem Krieg primitive Verhältnisse. "Wir hatten nur ein dünnes Lernheft. Sonst gab es kaum Lehrmaterial." Nach der Schule bekam Paul Breins eine Lehrstelle als Elektriker.

Später arbeitet er zuerst in der Freileitungsmontage. Er verlässt Urlau, arbeitet für Siemens und andere Unternehmen. Kommt durch seine Arbeit viel herum. Ob Ludwigsburg, Berlin, Heidelberg oder Frankreich. Er hat einen Führerschein, ist ein guter Arbeiter und findet schnell Anschluss bei den Kollegen, erzählt er. "Das war die schönste Zeit", sagt Breins im Nachhinein.

1963 kehrt er nach Urlau zurück, weil die Mutter ihn darum bittet. Er heiratet und bekommt drei Kinder. Ein Sohn verunglückt tödlich in den Bergen. Trotz der Kindheit im Krieg, in der Nachkriegszeit und ohne Vater, ist er zufrieden, wie sein Leben verlaufen ist.

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