Kriegsende vor 80 Jahren

Alois Thoma aus Baienfurt kämpfte als Jugendlicher im Zweiten Weltkrieg

Das Kiegsende hat der Baienfurter Alois Thoma kämpfend in Regensburg erlebt. Dort wurde er gefangen genommen. Nach dem Krieg wurde er, weil er Kommunist war, weiter überwacht.

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Von Autor/in Martin Hattenberger

Vor 80 Jahren ist auch in der Region Bodensee-Oberschwaben der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen. Alois Thoma aus Baienfurt (Kreis Ravensburg) erlebte das Kriegsende aber nicht zu Hause, sondern in Regensburg. Dort war der damals 16-Jährige bis zuletzt im Kampfeinsatz, um einen Militärflughafen zu verteidigen. Bis er schließlich gefangen genommen wurde. Damit war auch für ihn der Krieg zu Ende und er froh, dass er mit dem Leben davongekommen war.

Eine Kindheit im Nationalsozialismus

1927 wird er in Baienfurt geboren. Als Hitler im Jahr 1933 an die Macht kommt, ist er fünf Jahre alt. Nahezu seine gesamte Kindheit und Jugend erlebt er unter dem Naziregime. Für Thoma, dessen Vater seit 1922 Kommunist und in der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), eine prägende und nicht einfache Zeit. "Mein Vater war einfacher Arbeiter und ein Gegner der Nazis", so Thoma. Als Kind sei ihm aber nicht so bewusst gewesen, dass der Vater unter Beobachtung stand.

Wir haben immer unter der Drohung gelebt, dass der Vater geholt wird. Die Nazis haben immer wieder gesagt: Dich haben wir vergessen.

Andere Kommunisten aus Baienfurt hatten weniger Glück. Sie kamen in die Konzentrationslager nach Dachau oder auf den Heuberg. Nach dem Krieg hätten die Genossen von den Gräueltaten erzählt, die sie dort erlebt haben, sagt Thoma.

Baienfurt war damals eine Hochburg der Kommunistischen Partei. "Die KPD hatte vor der Machtergreifung bei Wahlen mehr Stimmen als die SPD bekommen, deshalb hat man vom 'roten Baienfurt' gesprochen", so Thoma.

Weil es keine anderen Jugendorganisationen gegeben habe, sei Alois Thoma in die Hitlerjugend gegangen, sagt er. "Da ging man pro forma hin. Da haben wir Lagerfeuer und Nachtmärsche gemacht", erinnert sich Thoma an die Zeit. Das sei im Endeffekt auch eine militärische Vorbereitung gewesen.

Keine Euphorie in Baienfurt als Krieg beginnt

Zu Kriegsbeginn September 1939 war Alois Thoma elf Jahre alt. Obwohl es schon so lange her ist, erinnert sich der heute 97-Jährige noch genau: "Im Dritten Reich hatte jeder einen Volksempfänger. Auch in der Schule haben wir zugehört, wie Hitler über den Volksempfänger gesprochen hat." In Baienfurt sei die Stimmung damals nicht gut gewesen, so Alois Thoma.

Die Leute waren bedrückt. Da war keine Begeisterung vorhanden.

In der Schule erlebt er Lehrer, die überzeugte Nazis sind. Die kommen auch in Uniform in den Unterricht. Und sie vermitteln die Propaganda direkt an die Schülerinnen und Schüler weiter, erinnert sich Thoma. "Da wurde immer erklärt, dass es ein gerechter Krieg ist: Weil er den Nazis aufgezwungen wurde durch die ungerechtfertigten Zahlungen durch den Versailler Vertrag."

So hat Alois Thoma den Beginn des Zweiten Weltkrieges erlebt:

Im beschaulichen Oberschwaben selbst bekommt er den Kriegsbeginn nur durch große Truppenbewegungen mit. Und schon bald kommen die ersten Siegesmeldungen aus Polen und Frankreich. "Da war eine große Siegeseuphorie", erinnert sich Thoma. "In der Wochenschau wurde jeden Tag Propaganda für den Krieg gemacht."

Als die deutsche Wehrmacht bei Stalingrad geschlagen wird, kippt die Stimmung. "Nach Stalingrad waren alle betrübt. Es war unvorstellbar, dass sowas möglich war. Auch der Winter vor Moskau. Die Soldaten haben ja gefroren. Und die Familien daheim haben dann Pullover und Schals gestrickt für die Soldaten."

Von der Lehrwerkstatt in den Krieg

Nach der Schule beginnt Alois Thoma eine Lehre zum Modellschreiner. Auch dort trifft er auf fanatische Nazis. "Mein Ausbilder hat mir mal eine Backenschelle gegeben, weil ich angeblich den Hitlergruß nicht richtig gemacht habe", so Thoma. Weil er nicht zur SS will, meldet er sich zur Luftwaffe und wird noch vor Ende seiner Lehre eingezogen. Als Flak-Helfer kommt er zu einem Flugplatz nach Herzogenaurach und schießt auf feindliche Flugzeuge. "Wir waren begeistert und wollten Heldentaten vollbringen. Das wurde uns durch die Propaganda so eingetrichtert. Das war eine große psychologische Kriegsführung", erinnert sich Alois Thoma. Doch die Realität des Krieges sieht schnell anders aus.

Ich hab nur Angst gehabt. Todesangst.

In Regensburg gefangen genommen

Kurz vor Kriegsende wird er noch nach Regensburg versetzt. Dort wird der Flugplatz täglich angegriffen, erinnert sich der heute 97-Jährige. Und dann wird der Flugplatz Ende April eingenommen. Alois Thoma wird gefangen genommen. "Da hieß es, wir sollen noch in den Erdkampf gehen, aber dann hat ein Leutnant mit dem Bürgermeister und Dorfschullehrer verhandelt und gesagt: Die Jungs bring ich noch gesund nach Hause. Und dann haben wir uns ergeben." Der Krieg ist für ihn vorbei.

Alois Thoma kommt als Kriegsgefangener ins Rheinwiesenlager. Dort erlebt er furchtbare Situationen: "Da haben 100.000 Mann auf dem blanken Boden gelebt. Es gab nur einen Laib Brot für 50 Mann. Die Ruhr-Krankheit ging rum und wir hatten Läuse." Als er entlassen wird, wiegt er nur noch 44 Kilogramm. "Da hatte ich Glück, dass ich davongekommen bin."

Alois Thoma beschreibt im Interview mit dem SWR, wie er gefangen genommen wurde:

Zurück in Baienfurt wird Alois Thoma politisch

Das kleine Baienfurt habe den Krieg unbeschadet überstanden. "Wir hatten keinerlei Schäden", erinnert sich Alois Thoma. "Man hat auch geschaut, dass 1945 nichts passiert, weil in der Papierfabrik Chlorgas gelagert war. Da haben sich die Offiziellen dafür eingesetzt, dass Baienfurt friedlich übergeben wurde. Sonst hätte das eine Katastrophe geben können."

Als Alois Thoma zurückkehrt, wird er zuerst in der Gewerkschaft IG Metall später auch politisch aktiv. 1951 tritt er in die Kommunistische Partei Deutschlands ein. Seine Kriegserfahrungen machen ihn zum Friedensaktivisten, wie er selbst sagt. Wegen seines politischen Engagements wird er auch in der Bundesrepublik überwacht und immer wieder verhaftet. Es habe auch Hausdurchsuchungen gegeben, sagt er. Doch in Baienfurt halten die Menschen zu ihm: "Die Leute haben uns Lebensmittel gebracht und meine Frau unterstützt, während ich in Haft saß", so Thoma. Sogar sein Betrieb habe sich für ihn eingesetzt.

"Die Kriegsindustrie war wieder vorhanden und die Politik hat weitergemacht wie zuvor. Da hat man nie gewusst, wann es zur Auseinandersetzung geht", so Alois Thoma. Er organisiert Friedens- und Ostermärsche.

Beruflich reist er später um die ganze Welt. In Polen arbeitet er einmal als Handwerker im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz. "Das war einfach nur grausam", erinnert er sich an seine Erlebnisse dort. Privat hingegen baut er sich im oberschwäbischen Baienfurt eine typische Nachkriegs-Existenz auf: Er kauft ein Haus und gründet eine Familie.

Buch über sein Leben

Im vergangenen Jahr erschien ein Buch über sein Leben. "Sie machen weite Reisen, Herr Thoma! - ein politisches Leben in Oberschwaben" des Historikers Werner Heinz erzählt Thomas Leben und seine Kämpfe, die er nahezu ein ganzes Jahrhundert lang führte. Für Alois Thoma eine spannende Erfahrung: "Am Buch zu arbeiten, hat mir geholfen, mich wieder an die ganzen Ereignisse zu erinnern", sagt der 97-Jährige im SWR-Interview. Bis heute befasst er sich mit aktuellen politischen Themen und ist in der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes VVN BdA Ravensburg" und der Friedensbewegung aktiv.

Über sein Leben und seine Kindheit in den Kriegsjahren sagt Thoma heute: "Ich kann nicht klagen. Wenn ich mich daran erinnere, dann lebt das wieder auf."

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