Ein dicker schwarzer Balken wie auf geschwärzten Geheimdokumenten - das ist alles, was auf den Plakaten und Texten zur neuen Ausstellung im Kunsthaus zu finden ist. Das soll die Besucherinnen und Besucher darüber nachdenken lassen, wie sehr sie sonst auf den Namen und die Lebensgeschichte von Künstlerinnen und Künstlern setzen, um deren Werke zu verstehen. Dabei geht es dem renommierten Ausstellungshaus am Bodensee nicht darum, eine Art Jagd auf einen "Banksy am Bodensee" zu starten.
Es kommt nicht darauf an zu raten, wer die Person ist, sondern sich Fragen zu stellen, wie Autorschaft zustande kommt und was Autorschaft mit einem macht, wenn man Rezipient oder Rezipientin wird.
"Die Person" wird vom Kunsthaus Bregenz geheim gehalten
Zur Pressekonferenz vor der Eröffnung wird "die Person", wie Kunsthauschef Trummer ihn oder sie nennt, per Telefon zugeschaltet. Sie spricht Englisch, der Dolmetscher hört sie über Kopfhörer, damit niemand mit KI die Stimme identifizieren kann. Auch haben alle Mitarbeitenden des Kunsthauses unterschrieben, Stillschweigen zu wahren. Ob das viele Besucherinnen und Besucher anlockt, wenn kein bekannter Name, keine interessante Biografie hinter der Ausstellung steht? Trummer ist entspannt.
Vielleicht ist es weniger bedeutsam, diese Ausstellung zu sehen, aber Sie werden sehen, dass Sie zukünftige andere Ausstellungen ganz anders sehen werden.
Anonyme Ausstellung zeigt kleines Haus aus Aluminium
Zu sehen ist in der anonymen Ausstellung eine Art Tiny House im obersten Stockwerk: eine Ein-Raum-Wohnung aus Aluminium, dicke Wände, Toilette, Dusche, Küchenzeile und ein dicker weißer Futon in der Ecke. Das Haus im Kunsthaus ist wie ein Parasit, erklärt "die Person". Leitungen für Wasser, Abwasser und Strom verbinden beide Häuser. Nach der Ausstellung soll das Haus als Atelier oder Rückzugsort für Kunstschaffende dienen, irgendwo. Es darf nie archiviert oder verkauft werden.
Wenn das Kunstwerk nicht an die Identität einer Künstlerperson gebunden ist, wenn man dieses Kunstwerk nicht verkaufen kann, wenn dieses Kunstwerk nicht im normalen Kunstmarkt zirkulieren kann, was passiert dann? Es stellt sich die Frage, warum existiert dieses Ding und wie existiert es? Und für wen existiert das Kunstwerk?
Bis Mitte Januar existiert das Kunstwerk für die Besucherinnen und Besucher in Bregenz. Sie sind aufgefordert, sich im Alu-Haus niederzulassen, zu duschen oder sich Kaffee zu kochen.