Gehen Hausärzte auf dem Land in den Ruhestand, bedeutet das meist das Ende für deren Praxis. Denn sie finden oft keine Nachfolger. Das Praktizieren außerhalb von Städten scheint für viele junge Mediziner nicht attraktiv zu sein.
Landarztpraxis gerettet: Junge Ärztinnen gehören jetzt zum Team
Anders in Horgenzell (Kreis Ravensburg): In die dortige Landarztpraxis sind zwei junge Ärztinnen eingestiegen, um sie einmal zu übernehmen. Seit Montag behandeln sie Patienten, zusammen mit Landarzt Johannes Paul Lambrecht, der seit 40 Jahren in Horgenzell praktiziert.
Denn auch für den 73-Jährigen soll der wohlverdiente Ruhestand irgendwann kommen, auch wenn er nicht weiß, wann. Klar war ihm: Ist es soweit, könnte seine Praxis in Horgenzell für immer schließen. Die Patienten des 5.500-Einwohner-Ortes sowie umliegender Höfe, Weiler und Dörfer müssten dann woanders hin.
Sollen Nachfolger kommen, muss eine neue Praxis her
Lambrecht wusste: Soll irgendjemand seine Praxis übernehmen, muss sie Platz für mindestens zwei weitere Ärzte bieten. Seine bisherige Praxis war zu klein. "Ich hab mich dann entschlossen, mit bald 66 noch zu bauen", so der Allgemeinmediziner. Und zwar ein Haus mit viel Holz mitten im Zentrum von Horgenzell, mit einer barrierefreien Praxis mit vier Sprechzimmern, behindertengerechtem WC und einem Parkplatz inklusive Stellplatz für Menschen mit Behinderungen.
Und das überzeugte die 42-jährige Ärztin Johanna Wäschle bei der Suche nach einer Praxis, in die sie zusammen mit ihrer 34-jährigen Kollegin Stefanie Beckert einsteigen kann. Beide lernten sich bei einem Stammtisch für Nachwuchsärzte kennen und erfuhren so davon, dass Lambrecht Nachfolger sucht. Und auch über einen Kino-Werbespot, den die Gemeinde initiiert hatte, wurden sie auf die Suche aufmerksam.
Es sei eine Praxis, in der man sofort starten könne, sagen die Medizinerinnen. Andere Praxen, die sie sich angeschaut hatten, hätte man erst noch umbauen müssen. "Und hier ist schon wirklich viel gelaufen, und das war natürlich sehr vorausschauend von unserem Kollegen und das hat uns sehr begeistert", erklärt Ärztin Johanna Wäschle.
Ich bin auf dem Land groß geworden. Deshalb zieht's mich immer ins Grüne.
Dass viele Mediziner ein Landarzt-Dasein scheuen, kann Stefanie Beckert nicht verstehen. "Ich bin auf dem Land groß geworden. Deshalb zieht's mich immer ins Grüne," erzählt die Ärztin. Von der Praxis in Horgenzell auf eine Weide mit Kühen direkt vor dem Haus zu blicken, sei einfach idyllisch im Vergleich zu einer Innenstadt mit viel Bebauung.
Die 34-Jährige hat schon zweieinhalb Jahre in einer Landarztpraxis gearbeitet und die Dankbarkeit der Menschen erfahren, dass jemand für sie da sei. Und auch die langfristige Betreuung von Patienten über mehrere Generationen sei begeisternd: "Wenn ein Kollege, der da arbeitet, sagt: Ich hab schon die Oma von dem und dem gekannt und ich weiß noch, wie das damals war. Also das ist schon ein ganz anderes Arbeiten."
Die Landarztpraxis Horgenzell: Vielfalt der Aufgaben ist reizvoll
Für die 42-jährige Johanna Wäschle ist es zudem die Vielfältigkeit der Aufgaben in der Praxis, die sie begeistert: "Hier wird genäht, hier werden kleine Tumore entfernt, hier wird aber genauso auch die Schulter behandelt, Kinder werden mit untersucht, und das ist natürlich sehr reizvoll", sagt Wäschle, die mehrere Jahre in einer Hausarztpraxis in Ravensburg aktiv und zuletzt im Gesundheitsamt des Landkreises für das Projekt "Hausärztliche Versorgung" zuständig war.
Seit Montag kümmern sich die beiden nun erstmals in Horgenzell zusammen mit Landarzt Lambrecht um Patienten aus Horgenzell und Umgebung. Sie hatten zunächst mehrere Wochen in der Praxis hospitiert, also die Abläufe mitbekommen und auch mitgearbeitet und mit Dr. Lambrecht eine sogenannte Berufsausübungsgemeinschaft gegründet, früher unter dem Namen Gemeinschaftspraxis bekannt.
Nun im Dreierteam zu arbeiten, habe Vorteile, sagen die Ärztinnen. Man könne Urlaubsvertretungen oder Ausfälle wegen Krankheit gut organisieren. Das ist wichtig für die beiden. Denn beide haben Kinder, um die sie sich kümmern müssen.
Unterstützung für Nachfolgelösung auch vom Land und der Gemeinde
Dankbar sind die Ärztinnen für die Unterstützung, die sie vom Landessozialministerium über das Aktionsprogramm "Landärzte" bekamen. Johannes Paul Lambrecht wiederum erhielt für die neue Gemeinschaftspraxis einen Investitionszuschuss der Gemeinde - alles Möglichkeiten, etwas gegen den Landärztemangel zu tun.
Johanna Wäschle und Stefanie Beckert sind sicher: Geht ihr Kollege in Ruhestand, werden sie weitermachen. Eine Praxis als Selbständige zu leiten, scheuen sie dabei nicht - im Gegensatz zu vielen anderen Medizinern, die die Verantwortung nicht übernehmen wollen und lieber als angestellte Medizinerinnen und Mediziner arbeiten.