Mehr als ein halbes Jahr nach der Landtagswahl in Baden-Württemberg können sich die Grünen von Ministerpräsident Cem Özdemir klar als stärkste Kraft behaupten. Dagegen büßt die CDU massiv an Zustimmung ein und liegt jetzt auf Augenhöhe mit der AfD, die deutlich zulegt. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap im Auftrag von Südwestrundfunk (SWR), "Stuttgarter Zeitung" und "Südwest Presse". Eine grün-schwarze Koalition hätte aber immer noch eine stabile Mehrheit. Angesichts der Krise machen sich die Menschen große Sorgen um die wirtschaftliche Lage im Autoland BW. Mehr als jeder Fünfte fürchtet laut Umfrage um seinen Job.
- Sonntagsfrage zur Landtagswahl 2026 in BW mit Koalitionsrechner
- Wie zufrieden sind die Menschen mit Özdemir und Hagel?
- Welcher Partei trauen die Wähler zu, die wichtigsten Aufgaben zu lösen?
- Wie zufrieden sind die Menschen mit der Landesregierung?
- Welche wirtschaftlichen Sorgen haben die Menschen?
- Wie beurteilen die Menschen die wirtschaftliche Lage im Land?
- Bereitschaft zu Reformen trotz persönlicher finanzieller Einschnitte
- Sollte das Land die Kommunen finanziell stärker unterstützen?
- Welche Probleme sind für die Menschen vor Ort am wichtigsten?
CDU rutscht ab und liegt mit AfD auf Rang zwei
Wenn an diesem Sonntag Landtagswahl wäre, kämen die Grünen auf 30 Prozent und blieben damit auf dem Niveau ihres Wahlergebnisses von 30,2 Prozent. Die CDU - Juniorpartner in der grün-schwarzen Koalition - rutscht laut Umfrage auf 23 Prozent ab. Bei der Wahl war die Partei von Landeschef Manuel Hagel mit 29,7 Prozent noch knapp hinter den Grünen gelandet. Die AfD steigt auf ein Allzeithoch im BW-Trend: Die Partei, die in BW vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall beobachtet wird, liegt mit 23 Prozent gleichauf mit der CDU. Bei der Landtagswahl war sie auf 18,8 Prozent gekommen.
SPD und Linke auf niedrigem Niveau leicht verbessert
Die SPD BW kann sich nach ihrem historisch schwachen Wahlergebnis von 5,5 Prozent leicht verbessern und kommt auf 7 Prozent. Die Linke, die im März noch den Einzug in den Landtag knapp verpasst hatte, käme jetzt auf 6 Prozent. Die FDP verharrt laut Umfrage bei 4 Prozent; die Liberalen waren bei der Landtagswahl in ihrem Stammland erstmals aus dem Parlament geflogen.
Grüne BW hebeln Bundestrend aus
Im Vergleich zum Bundestrend gibt es einen großen Unterschied: Die Grünen können ihren Nimbus als Volkspartei in BW auch mit dem Nachfolger des früheren Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann halten, der Baden-Württemberg 15 Jahre lang regiert hatte. Im Vergleich zum Bund sind die Grünen in BW mit Regierungschef Özdemir fast doppelt so stark. Die hiesige CDU dürfte auch vom Vertrauensverlust in die Bundes-CDU unter Kanzler Friedrich Merz betroffen sein. Die Bundes-AfD ist in Umfragen seit einigen Monaten deutlich stärkste Kraft vor der Union. Die AfD BW ist davon noch deutlich entfernt.
Grüne in Umfrage stärkste Kraft Meinung: Ein klarer Auftrag für Ministerpräsident Özdemir
Die Grünen halten sich in der aktuellen Umfrage zur Landtagswahl stabil. Das sind zum Teil Vorschusslorbeeren, meint Annika Grah aus der SWR-Fachredaktion Landespolitik.
Özdemir bleibt entscheidender Faktor für Grüne
Der frühere Bundesminister Özdemir kann sein Ansehen in der Bevölkerung seit dem Start der grün-schwarzen Regierung Mitte Mai ausbauen. Mit seiner Arbeit sind 58 Prozent der befragten Wahlberechtigten in Baden-Württemberg zufrieden, das ist ein Plus von 7 Punkten im Vergleich zu vor der Landtagswahl, als er noch Grünen-Spitzenkandidat war. Ein knappes Drittel (31 Prozent) äußert sich kritisch zu Özdemir.
Bei CDU-Innenminister Hagel überwiegt dagegen die Kritik: 37 Prozent sind weniger oder gar nicht zufrieden mit seiner Arbeit, ein Plus von 6 Prozent gegenüber der Umfrage vor der Wahl. Dagegen sehen ihn 30 Prozent positiv. Zu denken geben dürfte dem Landesparteichef, dass selbst CDU-Anhänger Özdemir mehr schätzen als ihn. 68 Prozent von ihnen sind mit dem grünen Regierungschef zufrieden, aber nur 61 Prozent mit Hagel. Außerdem gibt fast ein Drittel aller Befragten an, ihn entweder nicht zu kennen oder seine Arbeit nicht beurteilen zu können (32 Prozent), immerhin 7 Prozent weniger als noch im März.
Lösungskompetenz: CDU verliert massiv an Vertrauen
Özdemirs Beliebtheit spiegelt sich auch in den Werten für seine Partei. Ein gutes Viertel der Menschen sieht die zentralen Landesaufgaben bei den Grünen in guten Händen (27 Prozent), das ist ein Plus von 5 Punkten. Kurz vor der Landtagswahl lagen die Grünen noch hinter der CDU, die jetzt in der Sachkompetenz regelrecht abstürzt. Nur noch 17 Prozent trauen der CDU zu, die wichtigsten landespolitischen Probleme zu lösen - ein Minus von 13 Punkten. Die AfD bleibt diesbezüglich mit unverändert 16 Prozent knapp hinter der CDU. Bemerkenswert: 29 Prozent der Befragten trauen keiner Partei etwas zu oder antworten, es nicht zu wissen. Das ist ein Plus von 12 Prozentpunkten im Vergleich zu Anfang März.
Lob für Regierungsarbeit von Anhängern der Grünen, CDU und SPD
Mit der grün-schwarzen Regierung sind 51 Prozent zufrieden, 43 Prozent sehen sie kritisch. Das entspricht in etwa den Werten der Vorgängerregierung unter dem grünen Ministerpräsidenten Kretschmann kurz vor der Wahl im März. Die Zufriedenheit mit einer Landesregierung liegt derzeit nur in Schleswig-Holstein und Hamburg höher. Die meisten Anhänger der Grünen sind von der Regierungsarbeit angetan (86:10 Prozent). Auch die Anhänger der CDU (67:29 Prozent) und der SPD (67:30 Prozent) vergeben mehrheitlich gute Noten. Dagegen kommt aus den Reihen der AfD viel Kritik (15:82 Prozent).
Große Sorge um Autoindustrie und Arbeitsplätze
Bei den Menschen in BW gibt es angesichts der Krise weiter große Sorgen um die Wirtschaft und den eigenen Wohlstand. Eine Mehrheit (62 Prozent) befürchtet, dass die wichtige Autoindustrie im Land keine Zukunft mehr hat - das ist ein Plus von 2 Punkten im Vergleich zu März. Zugleich wächst die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz: Ein gutes Fünftel der Erwerbstätigen fürchtet einen möglichen Jobverlust (22 Prozent) - ein Plus von 6 Punkten.
Wirtschaftliche Lage wird als schlecht eingestuft
Die wirtschaftliche Lage in BW generell bewertet eine Mehrheit negativ (59 Prozent, minus 2 Punkte), nur knapp vier von zehn Befragten (38 Prozent, plus 1 Punkt) sehen die Situation optimistisch. Während die Anhänger von Grünen (57:40), der SPD (50:46) und der CDU (50:48) hier eher gespalten sind, machen sich die AfD-Anhänger am meisten Sorgen (12:85). Trotz ihrer Bedenken sind die Baden-Württemberger deutlich zuversichtlicher als die Deutschen insgesamt: Bundesweit schätzen 79 Prozent die wirtschaftliche Lage negativ ein und nur 20 Prozent positiv.
Jeder Zweite offen für Reformen auch bei persönlichen Einschnitten
Um die Bedingungen am Standort Deutschland zu verbessern, wären relativ viele Befragte bereit dazu, Reformen zu akzeptieren, die auch mit persönlichen finanziellen Einschnitten verbunden sind. 50 Prozent sind dazu bereit, 41 Prozent lehnen das ab. Laut Umfrage sind vor allem ältere und besser ausgebildete Menschen reformbereiter. Unter den Anhängern von Grünen, CDU und SPD unterstützen überdurchschnittlich viele eine Reformpolitik. In den Reihen der Linken wäre knapp die Hälfte bereit, Einschnitte zu akzeptieren. AfD-Anhänger lehnen dies überwiegend ab.
Deutliche Mehrheit für höhere Finanzhilfen für Kommunen
Die Sorge um die wirtschaftliche Lage im Land spiegelt sich auch auf kommunaler Ebene. Die Finanznöte vieler Städte und Gemeinden machen vielen Menschen Sorgen. Mehr als drei Viertel (78 Prozent) sind für eine stärkere finanzielle Unterstützung der Kommunen durch das Land, 11 Prozent halten sie für ausreichend.
Verkehr, Wirtschaft und Situation an Schulen größte Probleme vor Ort
Das größte Problem vor Ort ist für ein Viertel (25 Prozent, minus 4 Punkte) weiter der Verkehr. Stärker in den Fokus gerückt, seit der letzten Umfrage im Mai 2024 hierzu, sind die wirtschaftliche Situation (19 Prozent) und die Situation an Schulen (18 Prozent). Beide legten um 10 Prozentpunkte zu. Soziales in der Kommunalpolitik bewegt inzwischen doppelt so viele Befragte (12 Prozent). Bezahlbaren Wohnraum (14 Prozent, minus 3 Punkte) und Flüchtlinge (13 Prozent, minus 5 Punkte) sehen weniger Menschen als Problem an als noch vor fast zweieinhalb Jahren.