Mir ist wichtig, dass mein Vater nicht in Vergessenheit gerät. Dass der NSU und sein Verbrechen nicht in Vergessenheit gerät. Die Menschen sollten wissen, was in unserem Land passiert ist.
Ermordet von der rechtsextremen Terrorgruppe NSU
Am 4. April 2006 wurde Mehmet Kubaşık in seinem Kiosk in Dortmund erschossen. Zu diesem Zeitpunkt ist Gamze 20 Jahre alt.
Bereits einige Jahre zuvor wurde Enver Şimşek, der Vater von Semiya Şimşek, am 9. September 2000 in seinem Blumentransporter in Nürnberg niedergeschossen. Er stirbt zwei Tage später im Krankenhaus. Semiya war damals 14 Jahre alt.
Dass diese und acht weitere Morde von Mitgliedern der rechtsextremen Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) begangen wurden, wurde erst 2011 aufgedeckt.
Eine der Fragen, die mich tagtäglich beschäftigen: Hätte man den Mord an meinem Vater verhindern können?
Gerüchte, Spekulationen und Unwahrheiten nach den NSU Morden
Lange wurden die Familien der Opfer selbst verdächtigt, die Morde in Auftrag gegeben zu haben. Oder es wurde spekuliert, die Väter seien Drogenhändler gewesen. Nichts davon ist wahr.
Ich habe keine Sekunde daran geglaubt, dass diese Gerüchte um meinen Vater stimmen könnten, aber ich konnte es nicht beweisen und das war schlimm für mich.
Rechtsextreme Verbrechen: ein Buch gegen das Vergessen
Drei Jahre haben Gamze Kubaşık und Semyia Şimşek an ihrem Buch "Neonazis haben unsere Väter ermordet" gearbeitet. Sie berichten unter anderem über die Vorverurteilung der Polizei und die Fehler, die bei den Ermittlungen gemacht wurden.
Alle Familien der Mordopfer haben der Polizei gesagt, es können Nazis gewesen sein oder es sind Menschen, die Fremde hassen. Das wurde nie ernst genommen.
Kampf gegen Rassismus und für eine Zukunft ohne Ausgrenzung
Seit fünf Jahren betreibt Gamze Kubaşık politische Bildungsarbeit. Sie geht an Schulen und spricht mit Schüler:innen. Selbstverständlich sei der NSU-Komplex kein leichtes Thema, aber sie bekomme positive Rückmeldungen. Lehrkräfte sagen ihr, sie hätten "die Klasse noch nie so ruhig erlebt" und Schüler:innen fragen, was sie selbst tun können.
Rechtsextreme Straftaten haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Umso bedeutender ist es für Gamze Kubaşık, ihre Aufklärungsarbeit fortzusetzen.
Es ist für mich wichtig, immer wieder zu sagen, dass wir uns nicht spalten lassen sollen. Wir müssen zusammenhalten, wir müssen laut werden, wir müssen dagegenstehen.