Nach Pyro-Kawallen im DFB-Pokal

"Wir müssen uns nicht wundern, dass so viele Kondome gefunden wurden"

Die Pyro-Randale beim DFB-Pokalspiel zwischen Waldhof Mannheim und dem 1. FC Kaiserslautern beschäftigte am Dienstagnachmittag die kommunale Politik - mit spannenden Erkenntnissen.

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Von Autor/in Michael Richmann

"Ich frage mich: Was sind das für Menschen?", echauffierte sich Marianne Seitz (CDU) in der Dienstagssitzung des Ausschusses für Sicherheit und Ordnung der Stadt Mannheim. Die Bilder der Pyro-Randale während des DFB-Pokalspiels zwischen Waldhof Mannheim und dem 1. FC Kaiserslautern am 21. August brachten ihre Heimat bundesweit in Verruf. "Man könnte stolz sein auf den Waldhof. Aber so? Nein. Im ganzen Leben nicht." Als Konsequenz forderte sie "ein Spiel ohne Zuschauer".

Materieller Schaden der Pyro-Randale ist "überschaubar"

Der Pokal-Kracher musste vor der Verlängerung für etwa 30 Minuten unterbrochen werden, weil einige FCK-Fans Pyrotechnik aufs Spielfeld und auf benachbarte Tribünen feuerten, woraufhin einige Waldhof-Fans das Spielfeld stürmten. Schiedsrichter Robert Schröder schickte die Teams in die Kabinen, in Sekunden füllte sich der Innenraum mit zahlreichen Polizeibeamten. Die die Lage unter anderem mit Pfefferspray wieder unter Kontrolle brachten. Bei dem Spiel wurden 35 Polizistinnen und Polizisten leicht verletzt, zudem mussten 85 weitere Personen medizinisch versorgt werden.

Der materielle Schaden ist laut Uwe Kaliske, Leiter des Fachbereichs Sport und Freizeit der Stadt Mannheim, "überschaubar". Zäune, Fang-Netze und Teile der Gäste-Kabine waren kaputt. Die fälligen 4.000 bis 5.000 Euro habe die Waldhof Mannheim GmbH übernommen. Anschließend hatten Fans, Polizei-Gewerkschaft, Stadtverwaltung und sogar Baden-Württembergs Innenminister Manuel Hagel wild diskutiert, wer an dieser Eskalation schuld und wie so etwas künftig zu verhindern sei.

Sicherheitskräfte von Waldhof Mannheim waren vorbereitet

Dirk Herzbach ist als Fachbereichsleiter der Stadt Mannheim für Sicherheit und Ordnung zuständig. Auch er ärgerte sich über jene Fans, die das Fußballspiel zu ihrer Bühne für Gewalt machten: "Wir können alle über die heroischen Erzählungen der Ultra-Gruppierungen das Fan-Herz aufblühen lassen, wenn da eine tolle Atmosphäre herrscht und das Stadion qualmt und brennt. Wir haben jetzt auch wieder entsprechende Statements aus der Mannschaft. Ich verstehe, dass die Atmosphäre für den Fußballer toll ist. Aber diese Straftaten sind unverantwortlich."

Er wehrte sich jedoch gegen die Unterstellung, Verein und Ordnungskräfte seien nach der Auslosung blauäugig in das Pokal-Derby gegangen: "Allen Akteuren - ob das polizeiliche, städtische oder sonstige Akteure waren - war klar, was das bedeutet." Für die Stadt Mannheim ist es schließlich nicht das erste Risikospiel. "Die Vorbereitungen auf solche Spiele laufen im Grundsatz automatisiert nach Vorgaben, Erfahrungen und Standards ab. Es ist also nichts, was uns in der Vorbereitung überfordert oder dazu geführt hätte, dass wir das Spiel auf die leichte Schulter nehmen."

Was wir nicht verhindern konnten ist die unverantwortliche Gewalt - und ich sage bewusst: 'Gewalt' - die dort durch Pyrotechnik, durch Raketen, durch Feuerwerkskörper in absolut unverantwortlicher Weise und strafbewährt angerichtet wurde.

Haben FCK-und Waldhof-Fans Pyrotechnik rektal in Kondomen geschmuggelt?

Herzbach lobte Baden-Württembergs Stadion-Allianzen als "bewährtes Produkt, das den Ansatz hat: Wir sprechen miteinander - Verein, das Fanprojekt, die Stadt Mannheim, Landespolizei und Bundespolizei. Diese Gespräche haben stattgefunden." Wie Max Meyer, Sicherheitsbeauftrager von Waldhof Manheim, jedoch berichtete, konnte selbst die Nachtwache des Sicherheitsdienstes und eine Durchsuchung mit Sprengstoffshunden am Spieltag nicht verhindern, dass Fans aus beiden Lagern Pyrotechnik ins Stadion schmuggeln konnten. Da nutzte es auch nichts, dass der Sicherheitsdienst "den einen oder anderen Trick, wie Pyrotechnik ins Stadion gelangen kann", kennt.

Es gebe jedoch Bereiche, die der Sicherheitsdienst gar nicht kontrollieren darf. Und wer es darauf anlegt, wird seine Pyrotechnik immer auf dem einen oder anderen Weg an den Ordnerinnen und Ordnern vorbeischleusen. "Wir müssen uns nicht wundern, dass auf den Toiletten des Vereins so viele Kondome gefunden wurden", sagte Herzbach. "Nicht, weil da irgendwelche kuriose sexuelle Praktiken im Spiel waren, sondern weil die Fans die Pyrotechnik an Stellen hineingebracht haben, an die wir mit allen uns zur Verfügung stehenden Maßnahmen nicht herankommen." Seiner Meinung nach gibt es nur einen Weg, das Problem unter Kontrolle zu kriegen, "aber dazu muss eine Selbstverantwortung und eine Selbstbereinigung der Szene stattfinden, welche Dinge in den Stadien gehen und welche nicht".

Waldhof Mannheim zieht Konsequenzen

Neben individuellen Konsequenzen wie Regressforderungen oder Stadionverbote für all jene die eindeutig identifiziert werden können, hat die Pyro-Randale einiger Weniger auch Konsequenzen für alle Besucherinnen und Besucher des Carl-Benz-Stadions. Die Stadion-Ordnung werde überprüft und ggf. angepasst, Waldhof Mannheim will laut Max Meyer ab November Vereinzelungsanlagen testen und zum neuen Jahr an allen Eingängen aufstellen. Zudem "werden wir vorsichtiger mit unseren Zusagen für Choreografien sein", sagte Uwe Kaliske von der Stadt. Das ärgert Jürgen Dörr von der CDU: "Mir tun vielen Tausend Fans von Waldhof Mannheim leid, die jetzt in Kollektiv-Haftung genommen werden."

Einen anderen Lösungsansatz brachte Volker Beisel von der FDP ins Spiel: elektromagnetische Scanner "wie bei den Adler Mannheim". Auf den ersten Blick scheinen die jedoch wenig geeignet, um das Pyro-Problem zu lösen. Laut Hersteller können diese Geräte zwar Schusswaffen, Hiebwaffen, Stichwaffen und professionellere Sprengsätze aus Metall erkennen. Die bei Fußballspielen häufig eingesetzten Bengalos und Rauchtöpfe kommen jedoch weitgehend ohne Metall-Teile oder Elektro-Zünder aus und werden durch elektromagnetische Scanner in der Regel nicht erkannt.

KI ist aktuell keine Hilfe bei der Einlass-Kontrolle

Holger Schmid von den Freien Wählern, der Waldhof Mannheim bei der Aufarbeitung "etwas schmallippig" fand, wünschte sich mehr KI und Sprengstoffhunde bei der Einlasskontrolle. Die Spürhunde der Polizei, die bei dem Pokalspiel im Einsatz waren, haben laut SWR-Sicherheitschef Max Meyer jedoch keinen Alarm geschlagen. Und bei der KI setzt die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) den Akteuren enge Grenzen. Private Sicherheitsdienste dürfen laut dem Internet-Portal Legal Tribune keine automatisierte biometrische Gesichtserkennung oder KI-Videoüberwachung zur Identifizierung von Personen nutzen. Selbst die Polizei darf biometrische Daten - also Gesichter, Stimmen, Körpermerkmale - derzeit nicht KI-gestützt auswerten. Das Innenministerium will dies auch künftig nur zur Terror-Bekämpfung oder bei Menschenhandel zulassen. Bei einem aktuellen Pilotprojekt in Mannheim werden von der KI erfasste Personen auf digitale Skelette reduziert, um Gefahren schnell und datenschutz-konform zu erkennen.

Um Pyro-Schmuggler bereits am Einlass zu erkennen dürfte diese Technik also wenig nützen. Vom technischen Aufwand, der nötig wäre, um vermummte und verkleidete Menschen zu erfassen und eindeutig zu identifizieren, mal ganz abgesehen, war die Gefahr während des DFB-Pokalspiels auch mit bloßem Auge zu erkennen. Und das habe, meint Dirk Herzbach vom Fachbereich Sicherheit und Ordnung, sehr gut funktioniert.

Waldhof Mannheim will Zulieferer und Dienstleister strenger kontrollieren

Stattdessen will Waldhof Mannheim noch an anderer Stelle Konsequenzen ziehen: "Mir ist klar, dass diese Menge, die an dem Tag im Stadion an Pyrotechnik gezündet wurde, nicht am Körper oder in irgendwelchen Körper-Öffnungen mit ins Stadion gelangt ist. Hier gilt es tatsächlich die Vertrauensfrage zu stellen und Mitarbeiter und Zulieferer an so einem Spieltag ernster zu kontrollieren." Das sei bei dem Spiel gegen den FCK "tatsächlich nicht so ausgeführt" worden", sagte Meyer. "Aber das wird jetzt definitiv stattfinden". Denn in einem Punkt waren sich am Dienstagabend alle Beteiligten mit dem CDU-Politiker Jürgen Dörr einig: "Solche Bilder wollen wir hier in Mannheim nicht mehr haben."