Sommer, Sonne und die Deutsche Bahn
Ach, der Sommer! Da ist das Touren doch gleich doppelt schön. Das Publikum ist gut gelaunt, weil es direkt aus der Eisdiele ins Theater kommt. Als Künstler reist man bequem im herrlich klimatisierten ICE an und morgens geht man in der Hotelanlage noch vor dem Frühstück eine Runde Schwimmen.
Das denken Sie vermutlich! Im Sommer zu touren ist für uns Tour-Künstler auch manchmal eine besondere Herausforderung. Hier ein kleiner Lagebericht meiner letzten Tournee in die schöne Landeshauptstadt Stuttgart:
Über die Anreise möchte ich gar nicht so viele Worte verlieren. Die Deutsche Bahn hatte irgendwie die kleine Luftdruck- und Wetteränderung namens Sommer verschlafen und nicht dafür gesorgt, die Waggons zu kühlen. Aber ich bin vorbereitet und habe immer ein paar Wechselklamotten, Kühlpacks und meine eigene Coolness dabei.
Wenigstens wird man am Stuttgarter Hauptbahnhof von heißem Wind und teuflischem Baustellenlärm umarmt. Den einzigen Lichtblick bildete ein vor dem Bahnhof auftretender Stehgeiger, der im Schweiße seines Angesichts Rhapsodien fiedelte. Natürlich wanderte mein Kleingeld in seinen Geigenkasten. Künstlerkollegen, die so harte Arbeit machen, gehören unterstützt.
„Frühstück gibt´s morgen nur von sechs bis acht und die Kaffeemaschine isch kaputt“
Der Veranstalter hatte mir ein anderes Hotel als beim letzten Mal gebucht. Statt mich im bahnhofsnahen und jetzt von Touristen ausgebuchten Vier-Sterne-Hotel unterzubringen, sollte ich nun in einem drei Kilometer entfernten „Hotel Garni“ einchecken. Wie gut, dass ich weder Kontrabass noch Kesselpauken mit mir schleppen musste, sondern nur einen kleinen, gefühlt 10 Kilo schweren Technikkoffer.
Aber nach einem knackigen Fußmarsch von zwei Stunden war auch ich mir nicht mehr sicher, ob ich mittlerweile einen Sonnenstich hatte oder ob der Hotelbesitzer „Garni“ tatsächlich mit zusätzlich angehängtem „e“ geschrieben hatte?
Ich wollte ihn auf diesen kleinen Rechtschreibfehler hinweisen, nahm dann aber Abstand davon, da er neben dem Hotel auch noch einen schweren Kampfhund namens Ludwig besaß, der grimmiger dreinschaute als sein Namensvetter Beethoven an seinen grimmigsten Tagen.
„Frühstück gibt´s morgen nur von sechs bis acht. Und die Kaffeemaschine isch kaputt“, säuselte der Hotelbesitzer. Was die Zimmergröße anbelangt kann ich nur sagen: Es wäre einfacher gewesen, das Zimmer in meinen Koffer zu packen als umgekehrt.
Kein Publikum bei 30 Grad im Schatten
Ich gebe zu, ich bin kein Stadtmensch und komme mir immer wieder vor wie in einem viel zu schnell geschnittenen Film, dessen Soundtrack besonders viel Wert auf Tempo, Dissonanzen und Staccati setzt. Und gerade in der Sommerzeit sind auch sämtliche Restaurants und Cafés überfüllt mit Menschen.
Was beschwere ich mich? Ich war nicht auf Urlaub hier, sondern zum Arbeiten. Der Theaterleiter begrüßte mich wie immer freundlich mit dem Satz, den Kleinkünstler auf Tournee aus dem Sommer kennen: „Heute sind wir eher im kleinen Kreis.“ Dies war recht untertrieben. Man hätte sagen können, ich selbst war der Kreis.
Aber bei uns Theatermenschen gilt die eiserne Regel: „Man spielt bei einer Person mehr im Publikum als auf der Bühne.“ Diese Regel ist besonders schmerzlich für mich – bin ich doch kein Streichquartett, Bläserquintett oder gar Schubert-Oktett, sondern quasi eine Ein-Mann-Band.
Aber klar, wer zieht sich bei 30 Grad im Schatten schon eine Hose an, um Satire zu lauschen? Gut, ein volles Theater mit hosenlosen Zuschauern wäre jetzt auch nicht mein größter Wunsch gewesen.
Verstehen Sie mich richtig, ich habe nichts gegen Sommer, aber für uns Tourneekünstler ist Regen und Schnee die bevorzugte Jahreszeit. Denn dann erleuchtet und wärmt das Bühnenlicht die dunkle Jahreszeit und die Seelen der Zuschauer. In diesem Sinne: Wir sehen uns im Herbst!
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