Ende einer Glanzzeit
Wolfram Eilenberger hat Philosophie zu einem Abenteuer gemacht, mit drei Bestsellern über die Philosophie des 20. Jahrhunderts. Mit ihm waren wir unterwegs auf den Spuren von Wittgenstein und Heidegger, von Simone Weil, Hannah Arendt und Simone de Beauvoir, Adorno, Foucault und anderen Berühmtheiten.
Es ist das Eilenberger-Erlebnis: Man kommt den großen Philosophinnen und Philosophen nahe, versteht auf ihren Lebensspuren auch ihre Gedanken. Das Problem dieser Geschichte des 20. Jahrhunderts ist: Sie ist zu Ende, laut Wolfram Eilenberger etwa seit dem Tod von Foucault, 1984.
Gegenwart ohne philosophische Spannung
Daher die simple Frage des Autors: Was kommt jetzt? Wie sieht sie aus, „Die Gegenwart der Philosophie“? Verspricht sie einen Aufbruch zu neuen Gedanken?
Aus der Sicht von Wolfram Eilenberger leider eher nicht. Deshalb ist sein neues Buch ein ganz anderes als die vorausgegangenen drei. Und vielleicht erschwert es das Verständnis, dass man es unwillkürlich mit den anderen vergleicht.
Es ist kein Sofa, in das man sich hineinplumpsen lässt. Keine Erzählung über das spannende Leben von Philosophen, sondern über eine Gegenwart, die jede Spannung vermissen lässt.
„Geistesgegenwärtig“ am Abgrund
Das philosophische Feuer scheint versiegt. Jedenfalls wenn man Eilenberger in einem folgt: Dass Philosophie darauf zielt, „geistesgegenwärtig“ zu werden, die eigene Zeit als Denkgebilde zu durchschauen und damit wieder handlungsfähig zu werden. Nur, wo bleiben die philosophischen Gedanken, die das ermöglichen?
Worin gründet solche Geistesgegenwärtigkeit? Wolfram Eilenberger ist überzeugt, dass die existenzielle Wachheit ihren Ursprung im Abgrund hat: in den Kriegen und Katastrophen des 20. Jahrhunderts.
Anders die Gegenwart, in der sich Philosophie aus Sicht von Eilenberger verzwergt und verzweigt, immer neue eigene Teilbereiche erfindet, immer neue Probleme konstruiert, die nur noch innerhalb ihrer Spezialbereiche irgendjemanden interessieren.
Niedergang der großen Denktraditionen
Man findet sich in einer „labyrinthischen Situation mannigfach verzweigter Selbstbeobachtung“ wieder, formuliert der Autor sarkastisch, widmet sich dort den Anschlussproblemen selbst erzeugter ,Lösungen' oder vielmehr ,Non-Lösungen'“.
Wolfram Eilenberger beschreibt eindringlich, wohin das führen könnte. Die Philosophie beginnt sich dort anzubiedern, wo sie überhaupt noch Resonanz findet. Mit der Folge einer Degeneration der großen Denktraditionen, der Analytischen Philosophie, der Kritischen Schule und der Postmodernen Theorie.
Entwickeln könnten sich an ihrer Stelle ein neuer utilitaristischer Machbarkeitswahn, ein moralistischer Tugendfuror – und schließlich ein kultureller Eskapismus, der die Grenzen der Vernunft verwischt: Der Mensch verschwindet irgendwo zwischen KI und Natur.
Wie wär’s mit Nachdenken?
Diese hellsichtigen Prognosen gehen unter die Haut. Wer sich für Philosophie interessiert, kann dieses Buch nicht ohne Erschütterung lesen. So sollte und darf es mit der Philosophie nicht weitergehen.
Allerdings, philosophisches Interesse ist auch erforderlich, um dieses Buch zu verstehen. Schade, dass es mitunter etwas bedeutungsschwer daherkommt. Manche etwas elefantöse Substantiv-Kaskade wäre verzichtbar gewesen.
Zugleich reizt Wolfram Eilenberger zur Gegenrede. Denn vielleicht geht ja mehr, als sich der Gegenwart zu vergewissern – beziehungsweise reicht die Gegenwart der Vernunft geschichtlich tiefer hinab. Und doch rüttelt dieses Buch auf. Es ist ein Alarmruf und ein Appell: Das wär’s doch mal: es wieder mit ernsthaftem Nachdenken zu probieren.
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