Tschechien an der Küste der Weltliteratur
„Tschechien nennt sich selbst Land an der Küste“, erzählt die Übersetzerin Eva Profousová im Ehrengastpavillon der Frankfurter Buchmesse – und vor ihr breitet sich ein Meer aus „vielen kleinen Schiffen von kleinen unabhängigen Verlagen“ aus, das sie besonders begeistert.
„Land an der Küste“ ist das Motto des diesjährigen tschechischen Gastland-Auftritts. Dabei sind Namen wie Radka Denemarková und Jáchym Topol sind für sie eher die „großen Schiffe“ in dieser Flotte.
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Das 19. Jahrhundert – gegenwärtiger als man glaubt
Mitte des 19. Jahrhunderts müht sich Schriftstellerin Božena Němcová an einem patriotischen Märchen ab, an dessen Botschaft sie selbst nicht glaubt.
George Sand trotzt in Frankreich den Konventionen und schreibt mit leichter Hand, während in Amerika John D. Rockefeller mit Erdöl zum ersten Milliardär der Geschichte wird.
Radka Denemarková erzählt, auf den ersten Blick, eine Geschichte aus dem 19. Jahrhundert. Profousová liest Denemarkovás experimentellen Roman „Schokoladenblut“ als hochaktuelles Buch:
„Dieser Kapitalismus, diese patriarchale Gesellschaft, diese Art mit Frauen umzugehen“, das käme alles aus diesem Jahrhundert.
Topols Roman „Die Hölle gibt es nicht“ sieht sie hingegen als radikalen Jetzt-Roman, der mit Ukraine-Krieg, Pandemie-Ende und Generationskonflikt fragt:
„Wer ist bereit, jetzt noch für etwas zu kämpfen?“ Beide Bücher hat sie aus dem Tschechischen ins Deutsche übertragen.
Zwischen Märchen und Kneipe
Fantastische Stoffe junger tschechischer Autorinnen und Autoren, wie Klara Vlasákovás „Die Kugel“ oder Jonáš Zbořil „Flora“ sind für sie kein magischer Realismus, eher „eine sanfte Verflechtung von ausgedachten Sachen und Realität“.
Ob das Märchenhafte eine landestypisch Erzähltradition sei? Eva Profousová betont die „Tradition von Mündlichkeit“ der Geschichten, „ob in der Kneipe oder einfach nur so“, die die bedrückende Gegenwart erzählbar machen.
Horchen, horten, mopsen, klauen
Ungewöhnlich: Profousová selbst überträgt Texte aus dem Tschechischen ins Deutsche, wobei erstes ihre Muttersprache ist.
Übersetzen beschreibt sie als „horchen, horten, mopsen und klauen“: „Alle Wörter, die ich irgendwo finde und schön finde, die muss ich mir irgendwie einverleiben.“
Literarische Übersetzung sei ein Dialog mit der Autorin, ein Hören auf „die tiefe Melodie“ des Textes. Künstliche Intelligenz kann das für sie nicht leisten: „Sie kriegen einen Text, aber er hat keine Stimme, keinen Geist.“
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