Frankfurter Buchmesse 2026

Gastland Tschechien: Mehr als Kafka und Kundera

Franz Kafka, Milan Kundera, Václav Havel – wer nach großen Namen der tschechischen Literatur gefragt wird, landet schnell bei Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Doch was wird heute in unserem Nachbarland geschrieben? Die Frankfurter Buchmesse richtet den Blick auf eine Literaturlandschaft, die weit vielfältiger ist als ihre berühmtesten Exporte.

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Stand

Von Autor/in Theresa Hübner

„Tschechien – ein Land an der Küste“

Tschechien ist 2026 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. 75 Autorinnen und Autoren aus dem Nachbarland reisen nach Frankfurt, weit über 100 Bücher sind seit 2024 im Zusammenhang mit dem Gastlandauftritt neu ins Deutsche übersetzt worden, darunter Romane und Lyrik ebenso wie Kinderbücher und Graphic Novels.

Das Gastland-Motto klingt für ein Binnenland überraschend: „Tschechien – ein Land an der Küste“. Die Küste stammt ausgerechnet von William Shakespeare, der in seiner Komödie „Das Wintermärchen“ Böhmen ans Meer verlegte.

Es passt aber auch hervorragend zur tschechischen Literatur, in der das Absurde und Fantastische eine lange Tradition haben. Auch jenseits der international bekannten Namen Franz Kafka und Milan Kundera gibt es eine vielfältige Literaturtradition und viele neue Stimmen.

Der Franz-Kafka-Kopf in Prag ist eine kinetische Skulptur des tschechischen Künstlers David Černý aus dem Jahr 2014.
Der Franz-Kafka-Kopf in Prag ist eine kinetische Skulptur des tschechischen Künstlers David Černý aus dem Jahr 2014. IMAGO / Daniel Scharinger

Zwischen Märchen und Wirklichkeit

Eine wichtige Spur führt weit zurück ins 19. Jahrhundert. Literatur wurde zu einem wichtigen Motor der tschechischen Nationalbewegung. Nach Jahrhunderten habsburgischer Herrschaft und der Dominanz des Deutschen sollte auch die tschechische Sprache und Kultur neues Selbstbewusstsein gewinnen.

Märchen, Sagen und Volksüberlieferungen wurden gesammelt und aufgeschrieben. Bis heute gehört etwa Božena Němcovás Roman „Die Großmutter“ aus dem Jahr 1855 zum kulturellen Gedächtnis des Landes.

Jarka Kubsova, deutsche Autorin mit tschechischen Wurzeln, greift in ihrem neuen Roman „Im Licht des neuen Tages“ genau diese Tradition auf. Im Zentrum steht Viktorka, eine Figur aus Božena Němcovás „Großmutter“. Jarka Kubsova erzählt in ihrem Roman die Geschichte hinter der literarischen Figur.

Lange wurde sie als Kindsmörderin betrachtet, die allein in den tschechischen Wäldern hauste und jung starb. In Wirklichkeit, sagt Jarka Kubsova, erzählen die Quellen etwas anderes: Viktorka hatte zwar ein Kind, das wurde ihr aber weggenommen und sie selbst starb erst im hohen Alter von 76 Jahren.

Marek Nekula
Marek Nekula ist Professor für Bohemistik und Westslawistik an der Universität Regensburg. Zuvor lehrte er an der Karls-Universität Prag und Masaryk Universität Brno. Pressestelle privat

Zwischen Kultur-Leitbildern und politischem Umsturz

Der Bohemist Marek Nekula von der Uni Regensburg erkennt im 19. Jahrhundert auch die Suche nach einer eigenen kulturellen Stimme. Märchen und Überlieferungen machten die tschechische Kultur sichtbar. Es ging darum, so Nekula, die „Originalität der eigenen Kultur“ zu zeigen und ihren Platz in der Weltliteratur zu behaupten.

Dieses Fundament prägt bis heute das Selbstverständnis der Literatur, aber im 20. Jahrhundert verschieben sich die Themen radikal. Es ist eine von Diktatur, Zensur und politischer Verfolgung geprägte Zeit.

Schreiben unter Zensur

Besonders einschneidend waren die Jahrzehnte der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei nach 1948.

Bücher wurden verboten, Autorinnen und Autoren konnten nicht publizieren, Texte wurden heimlich im Samizdat gedruckt und verbreitet, oder erschienen im Ausland. Literatur wurde damit auch zu einem Ort des Widerstands.

Die Folgen dieser Zeit beschäftigen Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Tschechien bis heute. In Ondřej Hübls Roman „Der Vorhang“ etwa gerät eine Familie aus der Gegenwart auf groteske Weise in die stalinistische Tschechoslowakei der 1950er-Jahre.

Aus einem der dunkelsten Kapitel der tschechischen Geschichte macht Hübl eine Mischung aus politischer Satire, Thriller und schwarzer Komödie.

Typisch tschechisch? Der ironische Abstand

Ironie, Sprachwitz und ein Hang zum Absurden gehören zu den auffälligen Traditionen tschechischen Erzählens. Einen typisch tschechischen Humor festzulegen, findet Marek Nekula schwierig. Eine Tradition erkennt er aber schon: die Fähigkeit, selbst in ausweglosen Situationen einen ironischen Abstand zu bewahren.

Schon bei Jaroslav Hašek (1883 – 1923), dem Schöpfer des braven Soldaten Schwejk, später auch in Václav Havels (1936 – 2011) absurdem Theater, werde Macht durch Humor unterlaufen, indem ihre Widersprüche sichtbar und lächerlich gemacht werden.

Und noch etwas sei typisch: „die Fähigkeit, sich nicht ernst zu nehmen“, sagt Nekula. Auch die eigene Geschichte und nationale Selbstgewissheiten würden immer wieder auf die Schippe genommen.

Prag

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Mehr als Vergangenheit

Wer die tschechische Gegenwartsliteratur allerdings nur über Kommunismus, Prager Frühling und Samtene Revolution liest, verpasst einen großen Teil dessen, was gerade entsteht.

Jüngere tschechische Autorinnen und Autoren beschäftigen sich mit Familie und Herkunft, Geschlechterrollen, Körpern und Sexualität, sozialer Ungleichheit oder dem Leben außerhalb der großen Städte.

Das zeigt etwa Dorota Ambrožová in ihrem Debütroman „Göre“. Ihre fünfzehnjährige Heldin Hanka lebt in einer tschechischen Kleinstadt und verliebt sich in einen 33-jährigen Familienvater.

Ambrožová erzählt von Begehren, Macht und Erwachsenwerden, ohne ihre Figuren vorschnell moralisch einzuordnen. Es ist ein Gegenwartsroman, der nebenbei auch ein Tschechien zeigt, das mit den vertrauten deutschen Bildern von Prag, Dissidenten und Kommunismus wenig zu tun hat.

Das Fantastische hat aber weiter seinen Platz, wie der Debütroman „Flora“ von Jonáš Zbořil zeigt. Darin findet ein kinderloses Paar ein seltsames Wesen, weder Mensch noch Tier: Weird Fiction made in Tschechien.

Die Chance in Frankfurt

Im Ehrengast-Pavillon gibt es fünf Tage lang Lesungen, Gespräche und Diskussionen. Der Pavillon greift unter dem Titel „An den Grenzen der Vorstellungskraft“ das Motto vom „Land an der Küste“ auf.

Und auch außerhalb des Messegeländes gibt es einiges zu entdecken: etwa in der Ausstellung „Samizdat: Worte der Freiheit in der Tschechoslowakei 1939–1989“ im Museum für Kommunikation Frankfurt.

Im tschechischen Gastlandauftritt sieht Marek Nekula eine Chance, auch für die jungen Autorinnen und Autoren des Landes: Der deutsche Blick sei noch immer stark von einer älteren, häufig politisch wahrgenommenen Autorengeneration geprägt.

Die Buchmesse könne zeigen, wie vielfältig und lebendig die tschechische Literatur heute ist.

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