„Kaskaden” – Romandebüt von Louise K. Böhm

Das Ende einer Freundschaft

Louise K. Böhms Debütroman „Kaskaden” erzählt von Jojo, die ihr Innerstes hinter Laborprotokollen und Desinfektionsritualen verbirgt. Ein Roman, der unter die Haut geht.

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Von Autor/in Barbara Geschwinde

Am Anfang ist eine DVD. Sie steckt in einer Papierhülle mit durchsichtigem Plastikfenster. Die Ich-Erzählerin Jojo hält sie in der Hand wie einen Fremdkörper oder einen Beweis für etwas, das sie noch nicht benennen kann.

Die Beerdigung von Thorsten, dem Vater ihrer Jugendfreundin Yara, hat sie gerade hinter sich. Das traurige Lächeln von Emine, Yaras Mutter, beim Überreichen der DVD lässt sie nicht los.

„Mit dem Daumennagel schiebe ich die Lasche der Papierhülle nach oben und verfolge die kleinen Regenbögen, die die DVD auf das Zugfenster wirft. Dahinter Feld, Wald, Feld, Reh, Reh, Reh, Dorf, AfD-Plakat, Bahnhof mit geschlossener Touristeninfo, Feld, Kuh, Kuh, Kuh. So klischeehaft, fast ein bisschen peinlich.“  

Mit Kaskaden, ihrem Debütroman, legt die 26-jährige Louise K. Böhm ein Buch vor, das von der ersten Seite an unter die Haut kriecht und dort bleibt. Sie erzählt mit einer Stimme, die so direkt, so ungeschönt und so präzise rhythmisiert ist, dass man sich fragt, warum nicht mehr Gegenwartsliteratur so klingt.

Louise K. Böhm
Louise K. Böhm Pressestelle (c) Penguin, Lenny Rothenberg

Eine Freundschaft, die zerbrach

Es ist die Geschichte einer Studentin der Molekularbiologie, irgendwo in einer norddeutschen Kleinstadt und gleichzeitig das Porträt einer Freundschaft. Der zwischen Jojo und Yara, die zerbrochen ist.

Jojo, bürgerlich Joy Schulte, ist eine Meisterin der Distanzierung. Sie wäscht die Kittel im Labor öfter, als es nötig wäre. Sie zählt Deckenlichter und klopft sie gegen den Oberschenkel ab. Und sie hat Angst vor Schmutz:

„Das Protokoll: Ich ziehe den Kittel an, binde die Haare zusammen, schiebe die Schutzbrille über die Augen, desinfiziere die Hände, erst die Handflächen, dann die Fingerzwischenräume, dann die Daumen, am Ende die Handrücken, streife die Handschuhe über, achte darauf, dass sie keine Luftblasen werfen, wische die Arbeitsfläche mit Ethanol ab, zweimal, dreimal, der Geruch brennt mir in der Nase, im ersten Moment erinnert er mich jedes Mal an Yaras Cola-Korn-Mische.“

Zwangsmuster als innere Architektur

Diese Zwangsmuster trägt Jojo nicht zur Schau, es ist eine Art innere Architektur. Die Routine ist Kontrolle, und Kontrolle ist Überleben. Dass der Ethanolgeruch sie unweigerlich zu Yara zurückführt, sagt alles über den Zustand ihrer Seele: Das Vergessen funktioniert nicht.

Der Roman ist in drei Teile gegliedert, deren biochemische Betitelungen nicht bloß als intellektuelles Ornament dienen, sondern den Puls des Textes angeben. Teil eins trägt den Titel “Apoptose”, das ist das geordnete Sterben von Zellen: notwendig, unvermeidlich, ein Prozess, der dem Organismus nutzt.

Louise K. Böhm wählt diesen Begriff für den ersten Teil, in dem Jojo langsam realisiert, was auf der DVD sein könnte und was sie verdrängt hat. Was sich im Verlauf des Buches entfaltet, ist kein simples Coming-of-Age. Kaskaden ist ein Buch über Schuld und Vergessen.

Und weil Böhm Jojo weder entschuldigt noch verurteilt, sondern sie im Schwebezustand zwischen Schuld und Selbstschutz belässt, gewinnt der Roman seine größte literarische Spannung. Das ist literarisch das Mutigste an diesem Debüt.

Herkunft, die man nicht abwaschen kann

Böhm zeigt sehr genau, wie Klasse sich einschreibt, ins Schweigen im Seminar, ins Nicht-leisten-Können des Fachbuchs, in den Blick auf die Kommilitoninnen mit den Northface-Jacken. Dabei wird der Roman nie Gesellschaftsessay, sondern Körpererinnerung:

„In der Vorstadt, wo sich die Augusttage lang und zäh anfühlen wie die Kaugummifetzen, die Yara sich manchmal hinters Ohr geklebt hat, um sie später weiterzukauen, in der Vorstadt, wo es in manchen Sommern so heiß wurde, dass der Asphalt auf dem Hof schmolz und die Unterführung so nach Pisse stank, dass wir nur mit angehaltenem Atem wieder raus auf die Straße kamen.“

Links vom Fluss Beton in mehreren Formen, als Hochhäuser, Skateanlage und als Brücke, die sich wie ein verwachsener Fußnagel in den meist tristen, manchmal aber knallblauen Himmel wand, und rechts vom Fluss: na ja, wir eben.

Drei Sätze genügen Böhm, um ein ganzes Milieu aufzurufen – nicht als soziologische Beobachtung, sondern als Erinnerung aus dem Inneren heraus.

Ein Roman mit schönen Nebenfiguren

Die Gegenwartsebene bietet zudem eine der eine der schönsten Nebenfiguren dieses Romans:

Melle, die Mitbewohnerin mit Heißklebepistole und dem Song „Barbie Girl“ von Aqua auf den Ohren, die Hausarbeiten über „inszenierte Weiblichkeit mit postfeministischen Diskursen in der Mode“ schreibt und Jojo mit einer hartnäckigen Zuneigung durch den Roman begleitet, die nie sentimental wird.

Ähnliches gilt für Jakob, den Tutor mit der Fliedermütze und dem Augenbrauenpiercing, der, wie Jojo es beschreibt „einen Raum voller Pflanzen“ ausstrahlt und trotzdem keine erlösende Liebesgeschichte erzählt. 

Kuratierte Persönlichkeiten

Er ist Kontrastfläche, Möglichkeitsraum, aber kein Retter. Jojo beobachtet genau, wie ihre Kommiliton: innen ihre Persönlichkeiten „kuratieren“.

„Ich bin froh, dass ich den Ranzkiosk direkt am ersten Tag nach meinem Umzug entdeckt habe. Meistens habe ich hier meine Ruhe, weil sich die unsicheren Mittzwanziger erst nach einer angemessenen Menge Cappucino mit Hafermilch sicherer fühlen, und ein einfacher Filterkaffee bietet nicht genug Deckung.“

Und weiter: „So viel habe ich in den drei Jahren Kleinstadt schon herausgefunden. Ich beobachte: Nike, Dr. Martens, New Balance, Dr. Martens, Nike, Dr. Martens, Dr. Martens, Dr. Martens. Lehramt, Kulturwissenschaften, uneindeutig, könnte alles sein, Kulturwissenschaften, Lehramt, Kulturwissenschaften …“

Die Sprache schneidet, statt zu tasten

Louse K. Böhms Sprache ist das Stärkste an diesem Buch. Sie bricht grammatikalische Konventionen: Kurze Sätze, die schneiden statt zu tasten, Reihungen, die Gedankenstrom und Wahrnehmungslisten ineinanderblenden.

Das ist kein Stilexperiment, das ist Jojos Gehirn in Echtzeit. Kaskaden ist zugleich ein Liebeslied an eine Freundschaft, die zerbrochen ist.

„Die Erinnerungen kommen ungeordnet, sie sind löchrig, wie dieses Fishnet-Strumpfhosen, die wir mit sechzehn andauernd getragen haben. Wenn die Erinnerungen da sind, muss ich sie festhalten.“

Das Finale ist keine Auflösung im konventionellen Sinne. Kaskaden erzählt davon, wie Erinnerungen sich gegen das Vergessen wehren. Dass Louise K. Böhm dafür eine Sprache gefunden hat, die zugleich präzise, verletzlich und unerbittlich ist, macht dieses Debüt bemerkenswert.

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Autor/in
Barbara Geschwinde