Neue Erzählungen vom Büchner-Preisträger

Clemens J. Setz: „Man ist rettungslos allein und doch haben wir die Kunst“

Clemens J. Setz ist bekannt für seine rätselhaften Texte. In seinem neuen Erzählband „Mein Leben als Noiseband“ treffen wir auf Figuren, die dem Autor nicht unähnlich sind.

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Entrückte Figuren in einer leicht verschobenen Welt

Clemens Setz sagt über sich, er sei jemand, der oft etwas sieht und sich dazu etwas völlig Unangebrachtes denkt. „Kognitive Dissonanzen“ nennt er das. Klingt etwas abstrakt, aber Clemens Setz ist zum Glück Autor und kann dieses sehr persönliche Empfinden für andere erfahrbar machen.

In den 19 Erzählungen in „Mein Leben als Noiseband“ gibt es einige Figuren, die etwas entrückt und verschroben sind. Wie etwa Paul in der titelgebenden Erzählung.

Er ist Musiker und macht mit Leidenschaft „Noise“. „Noise“, das englische Wort für Lärm oder Geräusch, sagt schon, wie diese Musik klingt: Laut, kreischend, ohne Rhythmen oder Tonalität.

Noise – Musiklose Musik

Noise sei „Musiklose Musik“, heißt es in der Erzählung. Oder wie Clemens Setz sagt: „Eine Beleidigung aller Hörgewohnheiten.“ Doch, wer sich einhört, merke, dass es „Effekte oder Hörzustände gibt, die es sonst nirgends gibt. Zum Beispiel, dass man vergessen kann, dass man die Kontrolle über das Voraussagen der Musik hat“, so der Autor.

Keine Kontrolle hat die Figur Paul auch über seine Träume, die besonders rätselhaft sind. So träumt er etwa von einem „bis zum Bersten mit Wasser gefüllten Mann“, der „wie ein Formel-1-Kommentator eine laut vor sich hin plappernde Aktentasche trägt“. Wie kann man sowas in Noise wiedergeben, diese Frage treibt den Musiker Paul um.

Die unverstandene Künstlerfigur

Clemens Setz sagt über seine Figur, er habe schon immer eine Künstlernovelle a la „Tonio Kröger“ schreiben wollen, doch das habe nie funktioniert.

Als Autor teilt er dieselbe Erfahrung wie seine Figur Paul: „Es ist nie das drin, was ich reintue. Es ist immer was anderes, was die Leute lesen. Und das ist auch okay. Ich bin jetzt versöhnt mit dieser Tatsache.“

„Aber ich wollte auch mal eine Geschichte von jemandem, der von vornherein ein ungewinnbares Spiel spielt, nämlich unausdrückbare Epiphanien des Alltags, mystische Empfindungen, wunderbare Sachen, die er alle in der Kunst bewahren will und das ist nie drin. Die Leute sehen es nie“, berichtet er SWR Kultur.

Clemens J. Setz
Clemens J. Setz (c) Manfred Segerer

Babys lieben White-Noise-Musik

„Man ist so rettungslos allein“, findet der Autor Clemens Setz: „Doch haben wir diese interessante Erfindung Kunst und Poesie, Literatur und Musik, wo sich ja doch wahnsinnig viel überträgt.“ Das merkte Clemens Setz auch vor wenigen Jahren als frischgebackener Vater.

Er stellte fest, dass sein Baby sehr gut zu White-Noise-Musik einschlafen kann: „Das spielt man recht laut und Babys schlafen sehr schnell ein.“ Die Musik klingt für Babys angeblich nach den Geräuschen im Mutterbauch. Ob es stimmt, ist fast schon egal. Für Eltern zählt die Wirkung:

„Es ist so eine schöne Sache, diese beiden Welten berühren sich da. Die frischen Eltern mit Baby im Bett, diese zarte, unschuldige und diese provokante, mit extremer Bühnen-Performance verbundene Welt, wo es darum geht, dass Leute irgendwie extreme Zustände ausdrücken. Die beiden sind eigentlich dasselbe“, erzählt Clemens Setz.

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Kinderwunsch zieht sich durch die Erzählungen

Das Thema der Elternschaft und des Kinderwunsches zieht sich durch seinen neuen Erzählband. Clemens Setz ist seit vier Jahren Vater.

Sein Kinderwunsch sei zwar schon lange Zeit intensiv ausgeprägt gewesen, doch habe er ihn zur Seite geschoben und sich stattdessen in „Ersatzkonstrukte“ geflüchtet.

Jetzt könne er endlich darüber schreiben: „Und das ist ein bisschen so eine Untersuchung auch in allen, nicht in allen, aber in vielen Geschichten“, so Setz.

Erstmals publiziert am
Stand
Das Gespräch führte
Kristine Harthauer
Kristine Harthauer, SWR Kultur Autorin und Moderatorin
Gespräch mit
Clemens J. Setz