Ein unkonventioneller Roman
Jeder Roman hat einen Anfang und einen Schluss. Denkt man. Bis man Maria Revas „Ein Königreich für eine Schnecke“ gelesen hat. Denn dieser unkonventionelle Roman umfasst in der deutschen Ausgabe 480 Seiten – endet aber schon auf Seite 190.
Und dann noch mal. Und noch mal. Unkonventionell ist der Roman aber auch, weil mittendrin plötzlich die Autorin auftaucht, als Ich-Erzählerin mit einem eigenen Erzählstrang, neben dem der Figuren – und schließlich sogar zusammen mit ihnen.
Postmoderne Kollision von Fiktion und Wirklichkeit
Klingt ziemlich schräg, oder? Und verdächtig nach postmoderner Spielerei à la Italo Calvino oder Paul Auster. Aber hier hängt die Kollision von Fiktion und Wirklichkeit mit der Entstehungsgeschichte des Romans zusammen.
Oder besser: Sie ist ein großartiger Trick der kanadisch-ukrainischen Autorin, um ein plötzlich von der Realität überholtes Werk doch noch zu vollenden. Denn was macht man bzw. frau mit einem Romanprojekt über die Heiratsindustrie in der Ukraine, wenn dieses Land mitten im Schreiben überfallen wird?
„Welches Recht habe ich, von meinem Sessel aus über den Krieg zu schreiben? Und weiter über die Katalogbrautindustrie zu schreiben, kommt mir noch schlimmer vor. Dieses Klischee wieder hervorkramen? In diesen Zeiten?“
Und überhaupt, bin ich eigentlich eine echte Ukrainerin? Ich habe das Land als Kind verlassen. Ich spreche eher Russisch als Ukrainisch und beides nicht besonders gut.
Katalogbräute, Schnecken und russische Invasoren
Wenn Katalogbräute das eine Thema dieses Romans sind, so sind Schnecken das andere. Verkörpert werden beide Themen durch zwei gegensätzliche Frauen, die sich zusammentun, um aus Protest westliche Freier zu entführen.
Da ist zunächst Jewa, eine zynische Einzelgängerin, die ihr Leben der Rettung gefährdeter Schneckenarten gewidmet hat. Mit einem zum Labor umgebauten Wohnmobil durchkämmt sie die Ukraine auf der Suche nach seltenen Exemplaren.
Immer im Kampf um mediale Aufmerksamkeit, denn so sympathisch wie Pandas oder Wale sind die schleimigen Weichtiere nun einmal nicht.
Ihre Missionen finanziert Jewa als Teilnehmerin sogenannter Liebestouren der Agentur „Romeo meets Julija“. Dabei spielt sie vor westlichen Junggesellen die willige Ukrainerin, auch wenn sie selbst ironischerweise komplett asexuell ist und Smalltalk für Zeitverschwendung hält.
„Manchmal verärgerte sie die Dolmetscherinnen und langweilte die Junggesellen, weil sie sich angeregt fühlte, über die Einzelheiten ihrer Arbeit zu sprechen, die Messwerte, die sie stabil halten musste.“
Einmal fragte ein Junggeselle beim Abendessen: „Hast du mal welche probiert? Mit Butter und Knoblauch?“ Jewa biss beinahe ihre Zunge durch.
Entführung westlicher Junggesellen
Die zweite weibliche Hauptfigur heißt Nastja. Die junge Frau leidet darunter, dass ihre Mutter, eine feministische Aktivistin, seit geraumer Zeit untergetaucht ist.
Um sie aus ihrem Versteck wieder hervorzulocken, plant Nastja eine Protestaktion, die ganz nach dem Geschmack ihrer Mutter wäre: besagte Entführung westlicher Junggesellen, alles hoffnungsfrohe Teilnehmer der Liebestouren von „Romeo meets Julija“. Eine Aktion, für die Jewas Wohnmobil wie gerufen kommt.
An Bord gelockt werden die Freier unter dem Vorwand einer Bonusveranstaltung, eines „heidnischen Fruchtbarkeitsfestes“. Als die Fahrt startet, schreibt man den 22. Februar 2022, die Nacht der russischen Vollinvasion – als das halbe Land zur Grenze nach Westen flüchtet.
Vier Jahre Krieg gegen die Ukraine: Schreiben im Ausnahmezustand
Autorinnen und Autoren schreiben gegen den Angriffskrieg an, ganz unterschiedlich. Sie arbeiten mit Sprache gegen Ohnmacht und Vergessen.
Rabenschwarzes Lesevergnügen
Von hier an – dem Moment, als in der Realität die Autorin drauf und dran ist, den Roman abzubrechen – wird die Geschichte um Jewa und Nastja abwechselnd abenteuerlich und absurd, in jedem Fall aber zu einem rabenschwarzen Lesevergnügen.
Einerseits, weil die unfreiwilligen Passagiere die ganze Knallerei für eine Inszenierung halten, leider auch dann noch, als russische Soldaten leibhaftig vor ihnen stehen. Andererseits, weil Jewa ihr Wohnmobil samt Mitfahrenden ausgerechnet nach Süden steuert, nach Cherson – also den heranrückenden Invasoren entgegen.
Doch in Cherson wurde gerüchteweise ein höchst seltenes Schneckenexemplar gesichtet, das Jewa unbedingt noch retten will. Außerdem lebt dort der Großvater der Chefin von „Romeo meets Juljia“, den Nastja zur Evakuierung überreden soll.
Ein erfundener Großvater, natürlich, der aber einen ebenso sturen Doppelgänger in der Realität hat, nämlich den Großvater der Autorin.
Als meine Mutter einmal mit meinem Großvater telefonierte, hörte sie im Hintergrund die Explosionen, während mein schwerhöriger Großvater nichts davon mitbekam. Er sagte, er müsse Schluss machen, weil sein türkischer Kaffee überzulaufen drohe.
„Nein, diese Zeilen entsprechen nicht ganz dem, was wirklich passiert ist. … Ich muss Fakten und Fiktion trennen, doch sie verschwimmen immer wieder ineinander“, fährt die Autorin fort.
Humor als Überlebenswerkzeug
Sympathisch offen beschreibt die in Kanada lebende Autorin in alternierenden Kapiteln, in welche Schreibkrise sie von den Nachrichten aus ihrem Geburtsland gestürzt wurde: eine Mischung aus hilfloser Angst um ihre ukrainischen Angehörigen, Sinnverlust und diffusen Schuldgefühlen.
Hinzu kam der Frust über westliche Redakteure, die Revas Beiträge zum Krieg ablehnten, weil sie ihnen mit ihrem schwarzen Humor „unangemessen“ erschienen – ein beschämendes Missverständnis:
„In der Ukraine reicht der schwarze Humor bis in die Sowjetzeit zurück – wahrscheinlich sogar noch weiter –, und er verleiht Menschen, die unter unbeherrschbaren Umständen leben, ein Gefühl von Macht. Wenn man über eine düstere Realität lachen kann, erhebt man sich darüber.“
Wie Revas großer, für den Booker Prize nominierte Roman denn nun tatsächlich ausgeht, sollte man unbedingt selber lesen. Etwas Geduld ist dazu aber nötig. Denn all das Hin und Her zwischen erfundener Erzählung und Wirklichkeit der Autorin kostet doch etwas an Momentum.
Macht aber nichts. Denn dafür schlägt das von Stephan Kleiner übersetzte Werk einen schwarzhumorigen Erzählfunken nach dem anderen. Was für ein schöner Sieg der Literatur also über die Wirklichkeit!
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