Als der weltberühmte amerikanische Fotograf Steve McCurry in jungen Jahren begann, sich beruflich mit Kameras zu befassen, ging es ihm nicht um Fotos. Anfang der 1970er-Jahre studierte McCurry erst einmal Filmwissenschaften. Doch längst zieht er die Fotografie vor.
Für Steve McCurry liegt die besondere Kraft der Fotografie in ihrer Beständigkeit. Ein unbewegtes Bild, sagt er, könne den Betrachter über lange Zeit begleiten. Es habe die Fähigkeit, sich „ins Gehirn zu brennen“.
Der Künstler hat in einem halben Jahrhundert Fotografie zahlreiche Bilder geschaffen, die sich tief ins kollektive Gedächtnis eingeprägt haben. Als Abenteurer mit der Kamera war er in den großen Krisen der Weltgeschichte unterwegs und hielt Momente fest, die bis heute nachwirken.
Ende der 1970er schlich er sich etwa an der Seite von Mudschaheddin nach Afghanistan, getarnt mit Vollbart und traditioneller Kleidung. Als erster westlicher Beobachter fotografierte McCurry die russische Invasion und deren manchmal barfüßige Widersacher – ein Himmelfahrtskommando.
Afghanistan war meine Feuertaufe. Leute versuchen, dich zu killen, Leute sterben, es war wirklich gefährlich.
Nach Afghanistan fotografierte McCurry weitere Krisen und Konflikte, unter anderem im Nahen Osten, in Asien und auf dem Balkan – dabei verstand er sich allerdings nie als Kriegsfotograf. „Mir ging es immer um die Zivilisten, auch um die Flüchtlinge in den Krisengebieten, das hat mich betroffen gemacht“, erklärt der US-Amerikaner.
Porträts und satte Farben
Diese Blickweise zeigt sich auch in McCurrys Ausstellung „Icons“ im Neuen Kunstmuseum Tübingen: 100 Einzelbilder, fast alle von Menschen, viele hautnahe Porträts. Die komplizierten Hintergründe von politischen und kulturellen Konflikten haben da kaum Platz, stattdessen leuchten die perfekt komponierten Fotos in satten Farben.
Sie gehen unter die Haut – und beeindrucken. Ganz im Sinne des ausstellenden Museums, das privat finanziert ist und deshalb auf den Publikumserfolg angewiesen ist, wie dessen Gründer Bernhard Feil erklärt. Das Museum wolle möglichst viele Menschen erreichen. Kunst solle deshalb „nicht verkopft präsentiert werden“, so Feil, sondern so, dass sie für alle verständlich und zugänglich sei. Ziel sei es, die gezeigten Werke für jedermann erschließbar zu machen.
Eine Popularisierung, die keine leichte Übung ist: Die Bildunterschriften der Tübinger Ausstellung sind seltsam klischeehaft und offenbar automatisiert aus dem Englischen übersetzt. Da wird aus „a young boy“ ein „junger Junge“, Italiener „genießen das Leben gut und in vollen Zügen“; anderswo heißt es: „Tibeter haben ein ausgeprägtes Stilgefühl. Sie kommen aus den Bergen mit erstaunlichen Hüten, Make-up und Schmuck“. Das reproduziert einen überholten kolonialen Blick, auch wenn Steve McCurry es nicht so meinen mag.
Aber der Künstler tut wenig dafür, aus seinen Foto-Motiven Individuen zu machen: Beim Namen genannt wird in seinem immensen Werk fast niemand. „Ich arbeite rasch auf der Straße, im Vorbeigehen.“ Die Namen der Menschen zu notieren, würde ihn ausbremsen. „Und ich glaube, es macht ohnehin keinen großen Unterschied, wie sie heißen“, so McCurry.
Umstrittene Retuschen
Unterscheiden und differenzieren, das ist in dieser Ausstellung kaum angesagt. Sie verschweigt auch die Kontroverse um digitale Retuschen in McCurrys Bildern: ganze Personen wurden entfernt, um Bildkompositionen zu glätten. Dabei böte sich hier die Chance, über den Wahrheitsanspruch der Fotografie und das Streben nach ästhetischer Perfektion nachzudenken.
Doch McCurry bleibt sich treu: Er feiert unverdrossen die reine Schönheit und die großen Emotionen – auch wenn angesichts dieser Präsentation ein schaler Geschmack zurückbleibt.
Wahrheit, Kunst, Schönheit, Liebe, das sind doch die Dinge, die dem Leben Bedeutung verleihen. Und wenn es Schönheit gibt, sollten wir dankbar dafür sein und sie feiern.
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