Ein Western als verschlüsseltes politisches Statement
Grace Kelly als frisch angetraute Braut auf der Kutsche, Gary Cooper als etwas sturer Gerechtigkeitskämpfer, ein Marshall der noch einmal nicht klein beigeben möchte, obwohl ihn das doch eigentlich gar nichts mehr angeht. „High Noon“ ist ein klassischer Western. Aber was hat der denn mit Politik zu tun, mit Kommunistenhatz in den 50er-Jahren?
Fred Zinnemanns Western von 1952 ist ein Film über Feigheit. Über die braven Bürger, die lieber die Vorhänge vor ihren Fenstern fest zuziehen, anstatt ihrem Marschall zu helfen. Einer hat Angst, ein anderer findet, es sei nicht seine Angelegenheit, ein Dritter hat geschäftliche Gründe, ein Vierter will keinen Ärger. Schließlich steht Gary Cooper fast allein auf der Straße.
Man muss „High Noon“ als verschlüsseltes Pamphlet gegen McCarthy lesen. Man kann sehen, wie Zinnemann vorführt, dass eine Gesellschaft ihre Freiheit verlieren kann, ohne dass die Menschen zu überzeugten Diktatur-Anhängern werden. Es genügt, dass jeder Einzelne einen guten Grund findet, nichts zu tun.
Mit McCarthy bekam Hollywood Angst
Die McCarthy-Ära war der Moment in der Geschichte des amerikanischen Kinos, in dem Hollywood plötzlich Angst bekam: Angst vor seinen eigenen Künstlern, vor Schauspielern, Drehbuchautoren, Regisseuren, Produzenten, die politisch liberal waren oder sogar links standen.
Ausgerechnet die amerikanische Filmindustrie, die Freiheit und Individualismus propagiert, begann, Menschen aus ihrem Beruf zu entfernen. 1947 wurden die sogenannten „Hollywood Ten“ vor den US-Senat vorgeladen. Zehn Filmschaffende, die sich weigerten, über ihre politischen Überzeugungen und Kontakte Auskunft zu geben.
Es gab Ärger und Gesinnungskontrolle – vor allem von Seiten der rechten US-Republikaner. Die Hollywood-Studios reagierten mit vorauseilendem Gehorsam und einem Statement: Wer als kommunistischer Sympathisant galt, sollte nicht mehr beschäftigt werden.
Diese Blacklist war kein sauber formulierter staatlicher Erlass. Sie funktionierte durch eine Mischung aus politischem Druck, öffentlicher Denunziation und wirtschaftlicher Angst. Das amerikanische Kino der 50er-Jahre erzählt diese Angst erstaunlich oft, ohne sie direkt auszusprechen.
Bezüge zu aktuellen Entwicklungen
Das zeigt besonders deutlich der Dokumentarfilm von Thom Andersen „Red Hollywood“ aus dem Jahr 1996.
Plötzlich sieht man Hollywood anders: Die Blacklist-Geschichte ist keine Geschichte, in der auf der einen Seite nur Helden und auf der anderen nur Schurken stehen. Es gibt Menschen, die widerstehen. Menschen, die nachgeben. Menschen, die andere verraten. Menschen, die selbst erst Widerstand leisten und später kooperieren.
Das macht die Geschichte so unangenehm – und gegenwärtig. Denn die Mechanismen, die man in diesen Filmen beobachten kann, sind uns heute erstaunlich vertraut: politische Polarisierung, öffentliche Denunziation, der Druck auf Medien und Kulturinstitutionen, die Angst vor wirtschaftlichen Konsequenzen und die Versuchung, sich selbst zu zensieren, bevor es jemand anderes tut.