Doris Dörrie erzählt einfühlsam und klug
Ein weißes Einfamilienhaus aus den 70er-Jahren, einstöckig mit großen Wohnzimmerfenstern. Der Garten ist notdürftig gepflegt. Hier wohnt Frau Winkler. Allein. Ihr Mann ist früh gestorben, ihre Tochter längst ausgezogen. Manchmal kommt der Nachbar mit seinem Rollator an den Zaun.
Zum Essen geht Frau Winkler in ein Restaurant für alte Menschen – erst als ein Roboter zur Bedienung an den Tisch rollt, wird klar, dass die Geschichte in einer nahen Zukunft spielt.
In ihrem zartfühlenden Film „Frau Winkler verlässt das Haus“ erzählt Doris Dörrie gemeinsam mit ihrer Hauptdarstellerin Angela Winkler von der Zerbrechlichkeit im Alter, vom Verblassen des Lebens, dem Schwinden der körperlichen Kräfte, selbst wenn der Geist noch hungrig ist.
Was ist ein gelungenes Leben?
Als Frau Winkler stürzt, bestellt ihre Tochter einen Pflegeroboter, PFA nennt die Verkäuferin den elektronisch gesteuerten Helfer. Laura Tonke steht als die Tochter etwas verhuscht im Schatten ihrer Mutter.
Klug weitet Doris Dörrie die Frage, was ein gelungenes Leben ist, auf die ganze Biografie aus. Frau Winklers Tochter ist wie ihre Mutter Schauspielerin und probt gerade eine Rolle in dem Stück „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow.
Bei dem studierten Arzt Tschechow sehnen sich drei junge Frauen in der öden Provinz nach einem glänzenden Leben in Moskau. In der Realität muss sich Frau Winkler zähneknirschend an die Anwesenheit ihres Pflegeroboters gewöhnen.
Ein milder Film über die Schönheit des Lebens
Angela Winkler, inzwischen selbst über achtzig Jahre alt, hat sich ihre mädchenhafte Unsicherheit bewahrt, mit der sie die Brüche in ihren Figuren sichtbar werden lässt. Aber ihre Frau Winkler stemmt sich auch mit knallroten Ohrringen gegen das eigene Verschwinden. Bei der Begegnung mit dem Roboter kann sie kratzbürstig werden, bis hin zu hexenartiger Boshaftigkeit.
Der schwarz-weiße Roboter Pawlowitsch mit der Stimme des Schauspielers Josef Ellers verleiht dem Film eine unwirkliche Leichtigkeit.
Klug hebt Doris Dörrie ihre Geschichte über die Niederungen des Alltags. Ihr milder Film erinnert an die Schönheit des Lebens. Bis zum Ende. Bis Frau Winkler das Haus verlässt – mit Assistenz ihres Roboters.
Trailer „Frau Winkler verlässt das Haus“. Ab 1. Oktober im Kino.
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