Honigbrot als Synomym für das Unerreichbare
Ein weißes Brot mit Butter und Honig – nach nichts sehnt sich die Mutter des 12-jährigen Nanning mehr im Frühjahr 1945. Und doch ist ihr Wunsch schier unerfüllbar, denn auf Amrum gibt es in diesen letzten Kriegstagen fast nichts mehr zu essen.
Nanning, der seine Mutter über alles liebt, lässt sich davon nicht entmutigen und arbeitet die nächsten 90 Minuten Filmhandlung einfallsreich an der Beschaffung der kostbaren Zutaten. Als er das Brot endlich servieren kann, ist die Welt um ihn herum eine andere: Hitler ist tot, der Krieg verloren und seine Mutter, die stolze Nationalsozialistin, versinkt in Depressionen.
Fatih Akin setzt Hark Bohms persönliche Geschichte groß in Szene
Es ist eine kleine persönliche Geschichte, die Hark Bohm in seinem Roman „Amrum“ erzählt, angelehnt an seine eigene Kindheit. Regisseur Fatih Akin setzt sie in der Kinoadaption maximal groß in Szene – die Beschaffung des Honigbrotes wird zur persönlichen Heldenreise des Zwölfjährigen, an deren Ende er ein ganzes Stück erwachsener geworden ist.
Neugierig folgt Akin seinem Protagonisten auf dessen Streifzügen durch die Natur. Die raue Schönheit Amrums fängt er dabei mit spektakulären Lichtstimmungen ein, die an Gemälde von Caspar David Friedrich erinnern. In die Kitschfalle tritt Akin dabei jedoch nie.
Die Idylle birgt stets auch Gefahr, zum Beispiel wenn die Flut schneller als erwartet das Watt überspült und Nanning fast ertrinkt. Akin entwirft ein authentisches Bild des Insellebens bis hin zum Öömrang, der Amrumer Variante des Friesischen. Im Kino wird sie zum Glück mit Untertiteln versehen.
Die geliebte Mutter ist glühende Nationalsozialistin
Das Drehbuch von Fatih Akin und Hark Bohm bleibt eng bei Nannings persönlicher Geschichte, verhandelt in dieser aber zugleich die großen deutschen Themen Krieg und Nationalsozialismus. Nannings Eltern sind aus tiefster Überzeugung regimetreu. Der Junge ist hin und hergerissen zwischen der Liebe zur Mutter und der Solidarität mit den Amrumer Dorfbewohnern, die nichts von Hitler halten.
Wie existentiell dieser Konflikt ist, zeigt eine Szene am Abendbrottisch. Nannings Frage, ob der Vater jetzt nach Hause komme, wo der Krieg doch wohl bald vorbei sei, führt dazu, dass seine Mutter eine Bäuerin wegen defätistischer Äußerungen denunziert.
Laura Tonke, Diane Kruger, Detlef Buck - prominente Besetzung bis in die Nebenrollen
Fatih Akin hat in seinen Filmen schon oft davon erzählt, was es bedeutet, nicht dazuzugehören. In diesem Fall ist es Nanning, der als Bombenflüchtling aus Hamburg in den Augen der Anderen sowieso kein vollwertiger Amrumer ist. Durch die Aktion der Mutter wird er erst recht zum Außenseiter auf der Insel.
Wie sich das für einen Zwölfjährigen anfühlt, spielt Hauptdarsteller Jasper Billerbeck großartig. Ihm zur Seite steht ein bis in die kleinsten Nebenrollen prominent besetztes Ensemble, unter anderem mit Laura Tonke als Nannings Mutter, Diane Kruger und Detlef Buck als Dorfbewohner. Matthias Schweighöfer erscheint gar nur für einen Zwei-Minuten-Auftritt als Traumerinnerung an einen in die USA emigrierten Onkel.
„Amrum“ ist ein berührender Film über das Aufwachsen in schwierigen Zeiten. Es ist Fatih Akins Liebeserklärung an den Norden und eine noch größere an seinen Mentor und Freund Hark Bohm.
Trailer „Amrum“ von Fatih Akin - ab 9.10. im Kino
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