Almodóvar erzählt vom Geschichtenerzählen
Wenn Regisseure beschließen, dass die Geschichte, die sie erzählen wollen, die vom Geschichtenerzählen selbst ist, wird das oft zu einem riskanten Balanceakt. Die Filmgeschichte kennt große Werke dieser Selbstbespiegelung, „Achteinhalb“ von Federico Fellini etwa. Doch der Grat ist schmal: Entweder eröffnen sich neue Perspektiven, oder das Publikum stürzt ab in Langeweile darüber, dass der Film keine eigene Welt mehr erschafft, sondern nur sein eigenes Erzählen betrachtet.
Pedro Almodóvars neuer Film „Bitteres Fest“ wagt diesen Akt auf hochgezogenen Metaebenen. Raúl Durán (Leonardo Sbaraglia) ist erfolgreicher Autorenfilmer in Madrid und hadert beim Schreiben eines neuen Drehbuchs.
Die Protagonistin seines Films heißt Elsa (Bárbara Lennie), eine einstige Kultregisseurin, die in den Nullerjahren lebt und nun zweckmäßig Werbefilme dreht. Als ihre Mutter kurz vor Weihnachten stirbt, stürzt sie sich zwanghaft in die Arbeit. Geplagt von Migräne und Panikattacken versucht sie, sich wieder der Kunst zu widmen.
Wo endet Inspiration, wo beginnt Ausbeutung?
Die Schreibkrisen der beiden überlagern sich: Je genauer Raúl versucht, Elsa zu zeichnen, desto deutlicher erkennt man die realen Vorbilder aus seinem Umfeld. Die Metaebene wird zu seiner Arbeitsmethode – sehr zum Entsetzen der Betroffenen, als diese merken, dass intime Erlebnisse und Schicksalsschläge nahezu unverändert in seinem Skript landen.
Almodóvar zieht hier eine selbstkritische Ebene ein: Während er 2019 in seinem ersten dezidiert autofiktionalen Film „Leid und Herrlichkeit“ noch vor allem sein eigenes Leben im Namen der Fiktion plündert, eröffnet sich hier der Konflikt zwischen dem fiktionalen Regisseur Raúl und seiner Assistentin Mónica (Aitana Sánchez-Gijón).
Die steht Raúls Werk längst skeptisch gegenüber und will ohnehin endlich gehen. Als sich Raúl vom Suizidversuch von Mónicas Partnerin inspiriert fühlt, eröffnen sich moralische Fragen für den Künstler: Wo endet Inspiration, wo beginnt Ausbeutung?
Almodóvar: Wegweisend für das Kino nach Franco
Bei Almodóvar ist das zu einer heiklen Frage für sein Spätwerk geworden. Als einstiger Punkregisseur der Achtzigerjahre drehte er roughe Filme voller Camp und Kitsch („Pepi, Luci, Bom und der Rest der Bande“, 1980), bevor er sich um die Jahrtausendwende farbintensiven Melodramen zuwandte („Volver – Zurückkehren“, 2006) und sich schließlich düsteren, weniger ironischen Konzepten widmete („Die Haut, in der ich wohne“, 2011).
Was Almodóvar ausmachte: Frauenfreundschaften bestimmten das erzählerische Universum, Männer blieben am Rand; in der Gesellschaft abseitige Figuren standen wie selbstverständlich im Zentrum; die Grenzen zwischen schwul und hetero wurden spielerisch verwischt – egal, ob man ihn postmodern-kongenial oder trivial-pervers fand: Im patriarchal geprägten Spanien, das eben erst der Diktatur entkommen war, war Almodóvar wegweisend.
Ja, nicht alles daran war gleich gelungen. Die transgressiven Geschichten zeigten Gewalt, mit der Frauen, trans und queere Personen leben, mal überzeichnet, mal lustvoll, sodass man ihnen auch eine Verharmlosung vorwerfen konnte. Almodóvar ist mehrfach kritisiert worden, Vergewaltigung als bloßes Plot-Element zu behandeln – andererseits zeigten seine Filme auch die Normalität, mit der Gewalt geduldet wird.
Der alternde Mann und seine Krise
Zwar zog Almodóvar immer wieder Metaebenen in seine Filme ein, um sein Medium zu befragen – eine Theaterbühne in „Alles über meine Mutter“ (1999) oder ein Synchronisationsstudio in „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ (1988). In „Das Gesetz der Begierde“ (1987) wird ebenfalls an einem Film geschrieben, in „La mala educación – Schlechte Erziehung“ (2004) wird gerade gedreht und in „Fessle mich!“ (1990) geschnitten.
Doch seit sich Almodóvar vom erzählerischen Kern seines filmischen Schaffens wegbewegt hat, scheint er in einem Zustand kreativer Erschöpfung geraten zu sein. Mit „Leid und Herrlichkeit“ zeichnete er sich erstmals selbst als Kunstfigur – besetzt mit seiner einstigen, lange verkrachten Muse Antonio Banderas.
Der Mann, dessen schöner Körper Almodóvars frühen Filme prägte, kehrte damals reifer geworden aus Hollywood zum Maestro zurück, und beide verschmelzen in einer Figur. Der alternde Mann und seine Krise, die Schmerzen, das Ausbleiben neuer Ideen, werden zum neuen erzählerischen Ausgangspunkt.
„Bitteres Fest“ kreist um bekannte Almodóvar-Motive
So nun auch in „Bitteres Fest“, in dem die Selbstbefragung gedoppelt wird: Ein schwuler, alternder Regisseur schreibt über eine heterosexuelle, junge Regisseurin, die selbst am Schreiben scheitert. Wieder kreist der Film um die bekannten Almodóvar-Motive Sex, Trauer, Schönheit, Freundschaft, Mutter – nur dass sie diesmal trotz der vertrauten, sorgfältig komponierten Farbflächen merkwürdig farblos wirken.
Elsas Freund, ein junger Stripper mit goldenem Herzen, wird von der Kamera begehrlich verfolgt. Die Beziehung der Tochter zu ihrer verstorbenen Mutter bleibt erstaunlich blass. Freundschaften zwischen den Frauen wirken wahllos. Und auch wenn die Interieurs wieder herrlich bunt sind, sind es doch perfekte Katalogbilder wohlhabender Madrileños. Nicht, wie früher, die warmen Farben, durch die die Bewohner ihrer harschen Umgebung etwas Menschliches abringen.
Möglichkeit einer echten Erkenntnis wird nicht eingelöst
Durch das herausgestellte Betrachten von Raúls Schreibkrise könnte man nun zugute halten: Dass alles nun so flach wirkt, ist so gewollt. Und tatsächlich gibt es dann einen Moment in „Bitteres Fest“, in dem Almodóvar fast eine neue Introspektive eröffnet: Als der fiktive Regisseur seine fiktive Assistentin fragt, ob da nicht was dran sei – dass er Frauen immer auch ausgenutzt habe, dass er ihre Leben für seine Kunst vereinnahmt habe, weil sie einfach für ihn interessanter waren.
Sie stimmt ihm zu; ihr Streitgespräch ist der spannendste Augenblick des Films. Aber es verliert sich, bleibt Behauptung statt Analyse. Die Möglichkeit einer echten Erkenntnis – eines Regisseurs, der sein eigenes Vermächtnis und die Problematik seiner Darstellung von Frauen und queeren Figuren ernsthaft seziert – wird nicht eingelöst.
Almodóvar sagte einmal, er wolle nie ein „pasota“ sein, ein apathischer Filmemacher. Was ihn am Kino interessierte, sei die Fähigkeit, Geschichten „überhöht“ zu erzählen, größer und bunter als das Leben. Mit „Bitteres Fest“ ist er eine Metastufe zu hoch gestiegen, um das leisten zu können.
„Bitteres Fest“ ist ab dem 30. Juli im Kino zu sehen