Der Bühnenraum ist mit himmelblauen Stoffbahnen ausgekleidet. Plötzlich wird von oben eine Schauspielerin an einem Abseilgurt heruntergelassen. Iphigenie kehrt als Geist auf die Erde zurück.
Regisseurin Jana Vetten sitzt mitten auf der Bühne ganz nah an den Schauspielerinnen. Sie möchte die Situation zunächst in den Raum stellen und dann mit großer Experimentierfreude und Lust schauen, wie sich das mit der Szene verbinden lässt.
Gemeinsam mit dem Ensemble probiert sie aus, ob Iphigenie auf den Schultern von Elektra landen kann, um ihr durchs Haar zu wuscheln und an den Ohren zu ziehen. Jana Vetten hat neben Regie am Mozarteum in Salzburg auch Performance in Norwegen studiert. Ihren Inszenierungen merkt man diese Erfahrung an, wenn sie mit den Schauspielenden intensiv an deren Körperarbeit und ihrer Präsenz im Raum feilt.
Jana Vetten zurück in Heidelberg
Jana Vetten inszeniert zum dritten Mal am Theater Heidelberg. Die 36-Jährige genießt das gegenseitige Vertrauen, das sich hier im Team entwickelt hat – natürlich verstärkt durch die Auszeichnung mit dem renommierten Theaterpreis „Faust“, den sie für ihre letzte Regie-Arbeit in Heidelberg erhalten hat.
Autorin Tine Rahel Völcker hat ihre Antiken-Überschreibung zumindest in den ersten beiden Akten als Komödie angelegt. Obwohl es, wie so oft bei antiken Dramen, um Mord und Totschlag, Macht und Verrat geht.
Schuld sind vor allem die Männer. Sie treten als verstaubte Marmorbüsten auf, die längst überkommene Herrschaftsformen repräsentieren. Doch auch die Frauen, allen voran Klytaimnestra und Elektra, geraten als Mutter und Tochter in schwere Konflikte um Macht und Moral und über neue und alte Vorstellungen.
Stoffe von Euripides, Aischylos und Sophokles
Es gehe darum, die patriarchalen Strukturen und die Gewalt zu überwinden und zu einer neuen Art von Führung und Herrschaft zu finden, erklärt Vetten im Gespräch: „Wobei Herrschaft jetzt schon das falsche Wort ist. Da geht es dann eigentlich schon los: Wie schafft man eine Gesellschaft, die auf Gleichheit beruht?“
Das Stück von Tine Rahel Völcker, das Dramen von Euripides, Aischylos und Sophokles zusammenrafft und neu interpretiert, knüpft Verbindungen in die Gegenwart – die durch das Wiedererstarken populistischer, nationalistischer, fremden- und frauenfeindlicher Kräfte und Rhetoriken geprägt ist.
Pessimistischer als bei der Kölner Uraufführung 2024
In ihrer ursprünglichen Stück-Fassung, die 2024 in Köln uraufgeführt wurde, hatte Völcker noch einen positiven Schluss gewählt. In langen Gesprächen mit dem Heidelberger Produktionsteam entschied sie jedoch, einen neuen Schlussakt zu schreiben.
Für Regisseurin Jana Vetten ist das angesichts der multiplen Krisen unserer Gegenwart nur folgerichtig.
Und so endet das Stück jetzt mit einer düsteren Zukunftsvision, allerdings mit einem kleinen Hoffnungsschimmer, verbunden mit der Warnung, dass unsere freiheitlich demokratische Grundordnung in großer Gefahr ist, wenn wir nicht sie nicht schützen und verteidigen.
Aktuelle Inszenierungen auf den Bühnen im Südwesten
Schönheitskult und überzogene Selbstoptimierung Dorian Gray im digitalen Zeitalter: „Pretty Privilege“ am Schauspiel Stuttgart
Schöner, jünger, gesünder: Äußerliche Perfektion ist gefragter denn je. Wilke Weermann überschreibt dazu den Klassiker von Oscar Wilde als überdrehte Kritik am Selbstoptimierungswahn.