Eine scheinheilige Gesellschaft
Auftritt Stadtgesellschaft. Wie eine gut gelaunte Horde fallen die Bürgerinnen und Bürger in das Wohnzimmer von Dr. Grips ein. Sie kommen zum Kondolieren in das Haus des Arztes.
Aber sie wollen sich auch an seinem Unglück weiden, denn der Arzt soll jungen Mädchen nachgestellt haben: Ein Skandal, der seine Frau letztlich ins Grab gebracht hat. Eine scheinheilige Gesellschaft, die da jetzt in der Wohnung des Arztes auftaucht.
Doch was ist wirklich geschehen? Gibt es Zeugen, Beweise – oder nur Gerüchte und Verdächtigungen, die seit kurzem in der kleinen Stadt ihre Runden machen?
Eine Atmosphäre des Misstrauens
In der Romanvorlage von Maria Lazar aus dem Jahr 1931 werden noch Briefe verschickt, in der Mannheimer Inszenierung von Katharina Kohler werden die Gerüchte über die sozialen Medien gestreut, die das Publikum als Projektionen an den Bühnenwänden sieht. Der Mechanismus bleibt aber – egal in welchem Medium – der gleiche, sagt Regisseurin Katharina Kohler:
„Man kennt sich untereinander oder denkt, man kennt sich. Und plötzlich werden Lügen oder intime Geheimnisse veröffentlicht oder machen die Runde. Die bewirken, dass sich Menschen plötzlich misstrauen und anders miteinander umgehen, verunsichert sind und alles aus dem Gleichgewicht kommt. Und es entwickelt sich so eine fast gespenstische Atmosphäre des Misstrauens.“
Ein typischer Fall von Sündenbock
Alle im Team waren überrascht, wie zeitlos die Geschichte von Maria Lazar über die Hexenjagd in einer kleinen bisher friedlichen Stadt funktioniert. Die Gerüchteküche brodelt immer heftiger. Plötzlich ist allen klar: Jeanette ist an allem schuld.
Ein typischer Fall von Sündenbock, findet Katharina Kohler, „weil es am Ende eben nicht mehr darum geht, ob man belegen kann, mit juristischen Fakten oder durch Polizeiarbeit, dass Jeanette wirklich schuldig ist. Es geht dann eher darum, dass die Stadtgemeinschaft sich einfach darauf einigt, dass sie doch die Schuldige sein muss!“
Wer beteiligt sich aktiv an der Hexenjagd?
Für die junge Regisseurin Katharina Kohler ist der Text von Maria Lazar eine kluge Analyse der Frage: Wie schnell lässt sich eine Gesellschaft aufhetzen und ist bereit, alle Vernunft, Solidarität und Menschlichkeit über Bord zu werfen?
Und wer beteiligt sich aktiv an der Hexenjagd – ob mit anonymen Briefen oder Posts? Angeblich im Namen der Wahrheit, denn unterzeichnet sind die Nachrichten mit dem Absender „Veritas“.
Katharina Kohler war es wichtig zu zeigen, was diese Hetzjagd mit den Menschen macht. Sie hat extra den Spezialisten für Bodypercussion Jakob Boudgoust engagiert, der mit den Schauspielerinnen und Schauspielern an ihrer Körperarbeit und dem richtigen Timing ihrer Bewegungen feilt.
Warnung vor faschistoiden Tendenzen
Die Romanvorlage von Maria Lazar von 1931 kann man nicht nur vor dem Hintergrund des aufkommenden Nationalsozialismus lesen, sondern sie funktioniert auch als Warnung vor faschistoiden Tendenzen generell.
Darüber hinaus ist der Text von Maria Lazar eine echte Entdeckung fürs Theater, findet die Dramaturgin Annabelle Leschke, „weil sie einen fast dokumentarischen Blick auf diese Gesellschaft hat und gleichzeitig aber immer wieder sehr nah an die Figuren dran geht. Auf der anderen Seite springen wir in die Handlung von den verschiedenen Figuren hinein und haben richtige Dialoge und klare Konflikte, die ausagiert werden und das ist das Tolle.“
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