Ein neues Stück über Heimat

Heidi am Theater Freiburg – wie eine heile Bergwelt ins Rutschen gerät

Heidi kommt auf die Bühne des Freiburger Theaters. Kann man das machen, so einen alten Stoff in die Gegenwart bringen? Ja, sagt Regisseurin Lena Reißner, denn Heidi sei bis heute Inbegriff für die Sehnsucht vieler Menschen nach der heilen Welt.

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Von Autor/in Stefan Schlegel

Schon geht die Enttäuschung los

Heidi im Freiburger Theater. Alle Eltern, die jetzt auf die Idee kommen ihre kleinen Kinder einzupacken, sollten vielleicht noch mal gucken, ob nicht irgendwo ein Klettergarten aufhat. Auch wenn das Publikum hier kurz ein bisschen so angesprochen wird, wie im Kasperle-Theater: „Wer von Euch ist heute Abend wegen Heidi hier?“

Kei Muramoto, Elisa Lynn Dillier, Anja Schweitzer, Challenge Gumbodete
Kei Muramoto, Elisa Lynn Dillier, Anja Schweitzer, Challenge Gumbodete. Pressestelle Theater Freiburg | Philip Frowein

Schon geht die Enttäuschung los. Von den vier Figuren, die da auf der Bühne stehen in ihren Kostümen aus Urgroßmutters Wäscheschrank, kann ja wohl niemand Heidi sein. Zu männlich, zu schwarz, zu japanisch oder zu alt.

Heidi ist ein Inbegriff für die Sehnsucht vieler Menschen

„Für mich ist Heidi ein Mythos“, sagt die Regisseurin Lena Reißner. „Es gibt diese japanische Animée-Serie, es gibt wahnsinnig viele verschiedene Filme, und Heidi ist mehr als diese Romanfigur.“

Challenge Gumbodete, Anja Schweitzer
Challenge Gumbodete und Anja Schweitzer. Pressestelle Theater Freiburg | Philip Frowein

Und so ist Heidi zum Inbegriff geworden für die Sehnsucht vieler Menschen. „Es gibt überall auf der Welt eine ganz große Faszination und Sehnsucht nach dieser heilen Welt, und mit der haben wir uns beschäftigt“, erklärt die Regisseurin.

Improvisationen als Ausgangspunkt

Von Anfang bezieht Lena Reißner bei ihren Inszenierungen immer das Schauspiel-Ensemble mit ein. Hier, indem sie zunächst die Spielenden in verschiedene Situationen mit Heidi warf und sie improvisieren ließ.

„Dann ging meine Arbeit als Autorin los“, erklärt sie den Entstehungsprozess des Stück. „Ich habe das aufgeschrieben und verdichtet, und daraus ist der Text entstanden, der jetzt auf der Bühne zu hören ist.“

Heidi und der Heimatbegriff sind auch politisch

Der dreht sich immer wieder um die Frage: Was ist Heimat? Und hinterfragt den Begriff, so Reißner: „Man hat die Sehnsucht und das Bedürfnis nach einem Zuhause – was steckt dahinter, ab wann kann das gefährlich werden, ab wann fängt man an, so sehr an seiner Heimat festzuhalten, dass man einen Zaun drum baut?“

Kei Muramoto, Victor Calero,  Challenge Gumbodete, Elisa Lynn Dillier, Anja Schweitzer
Kei Muramoto, Victor Calero, Challenge Gumbodete, Elisa Lynn Dillier, Anja Schweitzer. Pressestelle Theater Freiburg | Philip Frowein

Insofern ist Heidi für Lena Reißner auch sehr politisch, weil der Heimatbegriff zurzeit vor allem vom sehr rechten politischen Spektrum besetzt wird. Dem Ensemble war es wichtig, dem etwas entgegenzusetzen mit der Frage „Heimatmythos - wonach sehnt man sich da und gibt es das überhaupt?“

Die Antwort von Lena Reißner lautet: Heimat ist nicht nur ein Ort, es können vielmehr auch Menschen und Geschichten sein. 

Die Geschichte von Heidi wird in kleineren Schnipseln erzählt

Die Inszenierung am Theater Freiburg zeigt, dass die Geschichte von Heidi auch in kleineren Schnipseln erzählt werden kann. Im Wechsel ist jede der fünf Figuren mal Heidi, mal der Almöhi, mal Peter oder Fräulein Rottenmeier.

Kei Muramoto, Elisa Lynn Dillier, Anja Schweitzer
Kei Muramoto, Elisa Lynn Dillier, Anja Schweitzer. Pressestelle Theater Freiburg | Philip Frowein

Fast alle bekannten Heidi-Figuren tauchen irgendwann auf. Dann werden in kleinen Sequenzen typische Heidi-Themen durchgespielt, wie zum Beispiel die Einsamkeit vom Almöhi. Zu den wilden Sprüngen im Text passt das Bühnenbild, weil es unseren Blick immer nur auf einen kleinen Ausschnitt lenkt.

Aus ihrem ikonischen Fenster schaut Heidi für uns auf die Welt

„Der Raum erinnert sehr an eine Galerie“, sagt Lena Reißner. „Was man sieht auf der Bühne, ist ein Hügel, der hineinbricht in den weißen Galerieraum und das ikonische Heidi-Fenster.“ 

Elisa Lynn Dillier
Elisa Lynn Dillier. Pressestelle Theater Freiburg | Philip Frowein

Aus dem schaut Heidi für uns auf die Welt und lässt uns teilhaben an ihrer unerschütterlichen Lebensfreude, auch wenn sie nur so etwas Alltägliches sieht wie einen Sonnenuntergang.

Heidi ist auch ein musikalischer Abend

Musikalisch spielt das Stück mit alten Schweizer Hirtenliedern, aber auch mit Schlagermusik. „Man kann sich auch selbst ertappen in seiner Heimatliebe“, erklärt Lena Reißner die Wirkung der Musik: „Es ist ein wahnsinnig musikalischer Abend, an dem man so richtig anfängt, mitzuwippen. Und sich dann fragt: ‚Wozu wippe ich denn da eigentlich mit?‘“

Victor Calero, Anja Schweitzer in „Heidi“
Victor Calero und Anja Schweitzer. Pressestelle Theater Freiburg | Philip Frowein

Und wenn wir uns solche Fragen stellen, hat uns Lena Reißner da wo sie uns haben will.

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