Laut Umfragen sieht es für Wählerinnen und Wähler, die mit der FDP in Rheinland-Pfalz sympathisieren, schlecht aus. Die Liberalen verpassen in den vergangenen Umfragen konstant die Fünf-Prozent-Hürde. Was also tun? Trotzdem die Lieblingspartei wählen oder die Stimme einer anderen Partei geben, die bessere Chancen auf den Einzug in den Landtag hat?
Eingefleischte FDP-Wähler würden die Partei trotzdem wählen und hoffen, dass die Umfragen nicht zutreffen, sagt der Kommunikationsforscher Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim im SWR-Interview. "Und dann wird es aber ein paar andere Wählerinnen und Wähler geben, die sich vielleicht überlegen, ob sie ihre Stimme anders einsetzen, damit sie Einfluss auf die Zusammensetzung des Landtags in Rheinland-Pfalz nehmen", so Brettschneider.
Angesichts des sich in den Umfragen abzeichnenden Kopf-an-Kopf-Rennens zwischen CDU und SPD "kann man sich überlegen, will ich lieber, dass die CDU vorne liegt oder, dass die SPD vorne liegt?"
Geht taktisches Wählen immer zu Lasten von kleineren Parteien?
Die Antwort des Kommunikationsforschers: "Nein, im Gegenteil. In der Vergangenheit ging dieses taktische Wählen sogar oft zulasten der größeren Parteien." 1983 und 1994 hätten bei den Bundestagswahlen viele CDU-Anhänger die FDP gewählt, damit diese über die Fünf-Prozent-Hürde kommt und das bürgerliche Lager eine Mehrheit hat, erklärt Brettschneider. "Früher waren es eher die Anhänger der großen Parteien, die die kleinen gewählt haben, um denen zu helfen."
Warum sind "Leihstimmen-Kampagnen" selten geworden?
Heute lassen sich solche Leihstimmen-Kampagnen kaum noch beobachten. Das liege daran, dass es inzwischen mehr Parteien gebe und die politischen Lager nicht mehr so eindeutig abgegrenzt seien, so Brettschneider. Und wenn - wie im Rheinland-Pfalz-Trend - CDU und SPD dicht beieinander liegen, komme es auf jede Stimme an.
Heute hat eigentlich keine Partei mehr etwas zu verschenken.
Dazu nennt Brettschneider ein Beispiel: Bei der Bundestagswahl 2025 hätten in einem Stuttgarter Wahlkreis gerade mal 16 Stimmen darüber entschieden, wer den Wahlkreis gewinnt und in den Bundestag einzieht.
Wie häufig wird zwischen Erst- und Zweitstimme gesplittet?
Anders als bei der Zweitstimme - auch Parteistimme genannt - sieht es dagegen bei der Erststimme aus, mit denen eine Bewerberin oder ein Bewerber für den Wahlkreis bestimmt wird. Etwa ein Fünftel der Wahlberechtigten würden hier eine Person wählen, die nicht zu ihrer favorisierten Partei gehört.
Bei der Wahlkreisstimme würden sich viele Wählerinnen und Wähler "nicht für die Partei, sondern für die Person der Partei entscheiden, die tatsächlich auch eine Chance hat, den Wahlkreis zu gewinnen. Und bei der Parteienstimme, der Zweitstimme, da neigt man dann wieder eher zu der eigenen Partei", erläutert der Kommunikationsforscher.
Taktisch wählen, um eine Partei zu verhindern?
Eine weitere Überlegung beim taktischen Wählen kann sein, dass ich eine Partei unbedingt verhindern möchte. Einen solchen Fall hat es laut Brettschneider zuletzt bei der Landtagswahl 2024 in Brandenburg gegeben. "Da haben zahlreiche Wählerinnen und Wähler die SPD gewählt, obwohl sie die SPD gar nicht am besten fanden." Diesen Personen sei es aber darum gegangen, die AfD als stärkste Kraft zu verhindern. "Die SPD hat damals auch dementsprechend mobilisiert und auf die Art und Weise auch Erfolg gehabt."
Das kann man mal machen, nur eine Dauerübung sollte das natürlich nicht werden.
Viel Sympathie kann der Hohenheimer Kommunikationsforscher für diese Art des taktischen Wählens allerdings nicht aufbringen. "Das kann man mal machen, nur eine Dauerübung sollte das natürlich nicht werden, dass man eine Stimmabgabe versteht, um Schlimmeres zu verhindern und nicht als Ausdruck der eigenen Präferenzen."
Fazit: Taktisch wählen ist keine ganz einfache Sache und ob die Taktik auch wirklich aufgeht, ist unsicher. Denn die Vergangenheit zeigt: Umfragen sind oft Momentaufnahmen und es gibt viele Wählerinnen und Wähler, die noch unentschlossen sind und sich erst kurzfristig entscheiden. Mit Überraschungen am Wahlabend darf also gerechnet werden.