Ausbildung in der Kritik

Zu wenig Geld: Nachwuchs-Psychotherapeuten kämpfen um ihre Zukunft

Nach dem Psychotherapie-Studium beginnt die Weiterbildung. Das Problem: Keiner will sie bezahlen. Und das hat auch für Patienten fatale Folgen.

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Von Autor/in Verena Hafner

Fünf Jahre Studium, dann fünf Jahre Weiterbildung. Das ist der vorgeschriebene Ausbildungsweg für alle, die kassenärztliche Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in Deutschland werden wollen. Doch das Ganze hat einen Haken, wie die Geschichte von Judith Kappmeyer zeigt.

Judith Kappmeyer will nach dem Studium als kassenärztliche Psychotherapeutin arbeiten. Doch sie findet keinen Weiterbildungsplatz.
Judith Kappmeyer will nach dem Studium als kassenärztliche Psychotherapeutin arbeiten. Doch sie findet keinen Weiterbildungsplatz. Judith Kappmeyer

Die Studentin schreibt gerade ihre Masterarbeit in klinischer Psychologie und Psychotherapie an der Uni Trier. Nach dem Studium will sie als kassenärztliche Psychotherapeutin arbeiten. Doch die Chancen ihre Ausbildung ordnungsgemäß abzuschließen sind gering. Denn in Trier gibt es aktuell keine Weiterbildungsplätze. 

Zu wenig Weiterbildungsplätze für Psychotherapeuten in Rheinland-Pfalz

Ein Problem, das nicht nur der Trierer Studentin zu schaffen macht, bestätigt Dr. Andrea Benecke von der Psychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz. Denn 2026 würden 150 angehende Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in Rheinland-Pfalz ihr Studium beenden, insgesamt gebe es aber aktuell nur 26 Weiterbildungsstätten mit einem bis maximal drei freien Plätzen. Das habe zur Folge, dass nur sehr wenige Personen überhaupt eine Chance hätten, ihre Ausbildung zeitnah abzuschließen.

Doch warum gibt es so wenig Plätze? Aktuell ist unklar, wer diese Weiterbildung finanziert. Ein Dilemma, das mit der Reform des Studienganges vor rund sechs Jahren zusammenhänge, sagt Dr. Andrea Benecke. Dadurch sei das Studium für Studierende zwar kostenfrei geworden, die Finanzierung für den Abschluss der neu eingeführten und notwendigen Weiterbildung sei aber nicht komplett durchdacht worden. Rund 30 Prozent pro Weiterbildungsstelle sind derzeit nicht finanziert. Die Folge: Es gibt zu wenige Institutionen, die die Weiterbildungsstellen anbieten.

Es ist ein Gefühl von großer Ohnmacht, von Wut, Frustration und es fühlt sich auch einfach total surreal an.

Ein Umstand, der bei Judith Kappmeyer und ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen für Fassungslosigkeit sorgt: "Es ist ein Gefühl von großer Ohnmacht, von Wut, Frustration und es fühlt sich auch einfach total surreal an“, sagt die Studentin.

Für das Problem gibt es nach Ansicht von Andrea Benecke nur eine Lösung: Der Bund müsse reagieren. "Die Weiterbildung muss gefördert werden, sonst wird die Psychotherapie ein noch knapperes Gut", erklärt Benecke. 

Universität Trier könnte guten Ruf verlieren

Die fehlenden finanziellen Mittel stellen auch die Universität Trier vor große Herausforderungen. Im alten System wurden rund 120 angehende Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten an der Universität Trier fertig ausgebildet. Das ist nun unmöglich. "Wir können aktuell keine Weiterbildungsplätze anbieten“, sagt Dr. Wolfgang Lutz, Leiter der Abteilung klinische Psychologie und Psychotherapie. 

Professor Dr. Wolfgang Lutz, Leiter der Abteilung klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Trier kritisiert die fehlende Finanzierung der psychotherapeutischen Ausbildung.
Professor Dr. Wolfgang Lutz, Leiter der Abteilung klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Trier kritisiert die fehlende Finanzierung der psychotherapeutischen Ausbildung. Universität Trier

Das sei besonders tragisch für ländliche Regionen, wie Trier. Da viele angehende Therapeutinnen und Therapeuten in große Städte wie Berlin, Frankfurt oder Köln ziehen, um ihre Ausbildung zu beenden. Sie kehren anschließend oft nicht zurück, sagt Dr. Lutz. Dadurch gehen vor allem auf dem Land wichtige Fachkräfte dauerhaft verloren.

Wir kommen an gesundheitspolitische, aber auch sozialpolitische Grenzen.

Leidtragende wären dann insbesondere die Patientinnen und Patienten. Sie warten schon heute oft 12 bis 16 Monate auf einen Therapieplatz in der Region. "Wir kommen an gesundheitspolitische, aber auch sozialpolitische Grenzen“, warnt Dr. Wolfgang Lutz. Ohne eine finanzielle Lösung werde sich die Lage weiter zuspitzen - obwohl die Reform die Situation ursprünglich verbessern sollte.

Vorreiter für psychotherapeutische Ausbildung

Als positives Beispiel geht die Median Reha-Zentrum Bernkastel-Kues voran. Statt zu streichen, baut es die Weiterbildungsstellen weiter aus. "Wir sehen darin eine Chance und wollen die Problematik nicht auf dem Rücken der Absolvierenden austragen“, erklärt Selina Reuland, die zentrale psychologische Leitung.

Selina Reuland unterstützt als zentrale psychologische Leitung des MEDIAN Reha-Zentrums Bernkastel-Kues die psychotherapeutische Weiterbildung, trotz ungeklärter Finanzen.
Selina Reuland unterstützt als zentrale psychologische Leitung des MEDIAN Reha-Zentrums Bernkastel-Kues die psychotherapeutische Weiterbildung, trotz ungeklärter Finanzen. MEDIAN Reha-Zentrums Bernkastel-Kues

Die Klinik bindet die angehenden Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten direkt in die stationäre Versorgung ein und hält sie über mehrere Jahre im Klinikverbund.

Vereinzelt reichen Anfragen bereits bis ins Jahr 2030.

Dafür investiert die Klinik eigene Mittel. Die Nachfrage sei enorm: "Täglich gehen Bewerbungen ein, Wartelisten umfassen teils über 30 Personen, vereinzelt reichen Anfragen bereits bis ins Jahr 2030, was auch den Handlungsbedarf widerspiegelt“, so Reuland. Auch wenn der Aufwand aktuell nicht refinanziert wird, hält die Klinik an ihrem Ansatz fest. Sie will einen Beitrag leisten, um die psychotherapeutische Versorgung in der Region langfristig zu stabilisieren.

Krankenkassen sehen sich nicht verantwortlich

Auf mehrfache SWR-Anfrage äußert sich das Bundesgesundheitsministerium nicht zum Missstand in der psychotherapeutischen Ausbildung. Auch der frühere Gesundheitsminister und Reformverantwortliche Jens Spahn (CDU) nimmt keine Stellung.

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen betont hingegen, dass die psychotherapeutische Versorgung in Deutschland sehr gut sei, gerade im Vergleich zu anderen Ländern. Das finanzielle Problem zu lösen, sei nicht Aufgabe der Krankenkassen.  

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Bundesweite Demonstrationen für die psychotherapeutische Ausbildung

Um auf den Misstand aufmerksam zu machen, gibt es im Mai bundesweit Demonstrationen - heute zum Beispiel in Trier am Domfreihof und am Donnerstag vor dem Bundestag in Berlin. Denn: Judith und ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen möchten Druck machen, auch wenn ihnen der öffentliche Protest nach eigener Aussage nicht leichtfällt. "Wir opfern viel Freizeit dafür, nur damit wir später überhaupt unseren Job machen dürfen“, sagt die Studentin.

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