Magdalena Zelder ist Samstagnacht aus dem Tiefschlaf gerissen worden. "Es gab einen Knall. Ich war sicher, dass das eine Explosion war", erzählt die Landwirtin aus Wittlich. Sie habe ihren Mann geweckt - einen Feuerwehrmann - weil sie sicher war, dass bald die Alarmierung kommt.
Doch es war keine Explosion, sondern wahrscheinlich das Krachen einer Schranke, die von einem Auto umgefahren wurde. Später hörte Zelder dann Männer brüllen und Reifen quietschen. "Bis drei Uhr konnte ich nicht einschlafen", erzählt sie. Dabei liegt ihr Hof im Stadtteil Bombogen, noch rund zwei Kilometer von dem Firmengelände entfernt, auf dem sich in der Nacht wohl Szenen wie aus einem Actionfilm abgespielt haben.
Mehr als 1.000 Menschen bei Tuning-Treffen
Nach Angaben des Polizeipräsidiums Trier hatten sich im Gewerbegebiet Wittlich-Wengerohr in der Nacht auf Sonntag mehr als 1.000 Menschen zu einem illegalen Tuning-Treffen verabredet. Die Polizei schätzt, dass etwa 300 bis 400 Fahrzeuge auf dem Gelände oder in der näheren Umgebung standen. Auf Videos in den sozialen Medien ist zu sehen, wie Autos mit hoher Geschwindigkeit durch eine Menschenmenge driften und Feuerwerkskörper gezündet werden.
Angriff auf Streifenwagen der Polizei
Als die ersten Polizisten zu dem Firmengelände fuhren, wurden sie laut Polizeipräsidium bedroht. Eine Gruppe Vermummter hätte sich den Beamten genähert, dabei teils Pyrotechnik entzündet und außerdem einen Streifenwagen durch Tritte und Schläge beschädigt.
Die Einsatzkräfte hätten nicht aussteigen können. Um sich zu schützen, hätten sie sich zurückgezogen. Laut Polizeipräsidium ging es dann vor allem darum, die Teilnehmenden und die Geschehnisse zu dokumentieren.
Hubschrauber und Drohne im Einsatz Nach illegalem Tuningtreffen in Wittlich: Polizei richtet Hinweisportal ein
Nach einem illegalen Treffen der Tuningszene auf einem Firmengelände in Wittlich ermittelt die Polizei. Sie sucht jetzt mit einem Hinweisportal nach Fotos und Videos.
Schäden auf Firmengelände
Auf dem Firmengelände sind Fahrzeuge und Beleuchtung kaputt gegangen. Personen seien in Busse eingedrungen, hätten Feuerlöscher entleert und Lastwagen beschädigt. Der Spuk endete laut Polizei um drei Uhr in der Nacht - das Treffen habe sich "koordiniert und nahezu zeitgleich aufgelöst". Das betroffene Unternehmen habe von all dem vorab nichts gewusst und auch nicht zugestimmt.
Polizei wertet mehr als 200 Hinweise aus
Wer die illegale Tuner-Zusammenkunft organisiert hat, ist noch unklar. Derartige Treffen würden in der Regel "hoch konspirativ" vorbereitet und erst kurzfristig über soziale Netzwerke eingeladen, heißt es von der Polizei. Eine belgische Tuninggruppe feiert sich in den sozialen Medien für die Aktion und auch die Angriffe auf die Polizisten.
Eine Ermittlungsgruppe der Kripo Wittlich ermittelt jetzt auf Hochtouren. Sie soll auch Hinweisen aus der Bevölkerung auswerten. Über ein anonymes Portal sind zuletzt mehr als 200 eingegangen. Außerdem hat die Polizei Fotos und Videos aus sozialen Netzwerken gesichert. Die werden jetzt ausgewertet, auch mit Hilfe von Kollegen aus den Nachbarländern.
Treffen dieser Größenordnung in Region bisher einmalig
Die Polizei hatte noch in der Tatnacht 70 Personen und Fahrzeuge kontrolliert und drei Autos sichergestellt. Viele Teilnehmende kamen aus Frankreich, Belgien und Luxemburg. Ein solches Treffen habe es in der Region bisher nicht gegeben und sei in seiner Größenordnung außergewöhnlich - und ein deutlicher Unterschied zu offiziell angemeldeten Veranstaltungen der Tuning-Szene, bei denen meist legale Umbauten an Fahrzeugen präsentiert werden.
Tuning-Verein aus der Eifel distanziert sich
Elfriede Meurer (CDU), Erste Beigeordnete von Wittlich, sagt: "Mit der Tuning-Szene gab es in Wittlich noch keine Probleme." Die Autofans seien friedlich und würden nicht durch illegale Aktionen auffallen.
Aus der organisierten Tuning-Szene kommt deutliche Kritik. Fabian Jördens vom gemeinnützigen Verein "Tuning for Social" aus Daun hat nach eigenen Angaben noch nie davon gehört, dass Tuning-Treffen in der Region so eskaliert sind. Er distanziert sich klar von den Vorfällen in Wittlich: "Das bringt die ganze Szene in Verruf. Und das ist das Gegenteil davon, was wir mit dem Verein machen wollen."
"Tuning for Social" sammelt seit 2016 auf seinen "Tune Days" in Wiesbaum Spenden für soziale Projekte: "Wir wollen zeigen, dass die Tuning-Szene mehr ist als nur Poser und Raser. Wir wollen als Verein einen Beitrag für das Allgemeinwohl leisten." Mit Gewalttätern wie in Wittlich wolle man nichts zu tun haben.
Innenminister verteidigt Vorgehen der Einsatzkräfte
Landwirtin Magdalena Zelder macht es Angst, dass bei dem illegalen Tuner-Treffen Polizisten attackiert worden sein sollen: "Das war ein rechtsfreier Raum. Ich finde das befremdlich, dass die Einsatzkräfte nicht mal aussteigen konnten, weil da so ein Aggressionspotential geherrscht hat."
Das illegale Tuningtreffen in Wittlich beschäftigt inzwischen auch die Landespolitik. Innenminister Michael Schwickert hat das Vorgehen der Einsatzkräfte gegen die Ausschreitungen verteidigt: Die Polizei habe professionell, schnell und konsequent reagiert. Dass sich die Beamten angesichts der Übermacht zunächst zurückziehen mussten, sei kein Anlass, die Durchsetzungsfähigkeit des Rechtsstaats infrage zu stellen.
Die Polizei geht davon aus, dass die Ermittlungen länger dauern werden – unter anderem, weil viele Beteiligte vermummt waren und zum Teil aus dem Ausland angereist sind.