Wenn bei der Interventionsstelle Trier (IST) das Telefon klingelt, geht es oft um Gewalt. Mal meldet sich die Polizei nach einem Einsatz, mal sucht eine Frau selbst Hilfe.
2024 passierte das so häufig wie seit Jahren nicht mehr. Die IST zählte im vergangenen Jahr 419 Meldungen zu häuslicher und partnerschaftlicher Gewalt. Im Vergleich zu 2023 sind das 37 Fälle mehr, ein Anstieg um knapp zehn Prozent. Es ist der höchste Stand der vergangenen fünf Jahre. 97,8 Prozent der Betroffenen waren Frauen.
Seit meinem Start hier sind die Fallzahlen stetig gestiegen.
Isabel Ahrweiler arbeitet seit 2021 in der Interventionsstelle Trier. "Seit meinem Start hier sind die Fallzahlen stetig gestiegen", sagt sie. Die Einrichtung ist eine von 18 Interventionsstellen in Rheinland-Pfalz, die 2001 im Rahmen des Gewaltschutzgesetzes gegründet wurden. Sie beraten Betroffene von Gewalt in engen sozialen Beziehungen und Stalking. Zuständig ist die Trierer Stelle für die Gebiete Trier, Saarburg, Konz, Schweich, Hermeskeil und Morbach.
Mehr Frauen melden sich direkt
Früher erhielt die Interventionsstelle deutlich mehr Fälle durch die Polizei, resümiert Ahrweiler. Heute sei es ausgeglichen: Rund die Hälfte der Meldungen komme nach Polizeieinsätzen, die andere Hälfte von Frauen, die sich direkt oder über andere Stellen an die Beratungsstelle wenden.
"In den letzten Jahren ist besonders die Zahl der Selbstmelderinnen gestiegen – vermutlich wegen mehr Öffentlichkeitsarbeit, gesellschaftlicher Sensibilisierung und durch die Aufmerksamkeit auf das Thema während der Corona-Pandemie", sagt Ahrweiler. Ob es tatsächlich mehr Gewalt gibt oder ob nur ein größerer Teil der bislang verborgenen Fälle ans Licht kommt, lasse sich aus den Zahlen nicht eindeutig ablesen.
Viele glauben, erst bei körperlicher Gewalt zur Polizei gehen zu dürfen.
Am häufigsten berichteten Betroffene von körperlicher und psychischer Gewalt, oft sei beides kombiniert. Soziale Gewalt – etwa Isolation oder Einschränkung sozialer Kontakte – werde seltener gemeldet, sei aber ebenfalls schwerwiegend. "Viele glauben, erst bei körperlicher Gewalt zur Polizei gehen zu dürfen", sagt Ahrweiler.
Frauenhäuser fast immer voll
Die Frauenhäuser in der Region Trier sind nach Angaben der Interventionsstelle fast dauerhaft belegt. Landesweit gibt es eine Online-Übersicht zu freien Plätzen, oft seien jedoch nur ein oder zwei Plätze landesweit frei.
In Trier verlängert der angespannte Wohnungsmarkt in der Stadt den Aufenthalt der Frauen in den Frauenhäusern zusätzlich. "Wir versuchen, mit Schutzmaßnahmen wie Kontakt- und Näherungsverboten zu arbeiten, um eine Unterbringung, wenn möglich, zu vermeiden", sagt Ahrweiler.
Knapp 70 Hochrisikofälle im Jahr 2024
Besonders gefährliche Situationen – sogenannte Hochrisikofälle – machten einen wichtigen Teil der Arbeit der Interventionsstelle aus. 2024 seien es 69 Fälle gewesen, bei denen Frauen schwerste Gewalt oder sogar Tötung drohte. Bei solchen Situationen arbeiteten Polizei, Jugendamt, Frauenhaus und andere Stellen eng zusammen, um den Betroffenen so schnell wie möglich helfen zu können.
Keine eindeutige Erfassung von Femiziden
In einigen wenigen Fällen endet Gewalt an Frauen tödlich. Ob eine Frau jedoch getötet wurde, weil sie eine Frau ist – also aus einem geschlechtsspezifischen Motiv – wird in der Polizeistatistik nicht erfasst. Laut Polizei Trier liegt das daran, dass die Polizeiliche Kriminalstatistik grundsätzlich keine Tatmotive ausweist. Deshalb lassen sich aus den offiziellen Zahlen zwar Tötungsdelikte ablesen, nicht aber, wie viele davon als sogenannter Femizid gelten würden.
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Warum die Dunkelziffer hoch ist – und was helfen könnte
Nach Einschätzung von Ahrweiler verhindern Scham, alte Rollenbilder und die Angst, das Bild einer "heilen Familie" zu zerstören, dass viele Betroffene Hilfe suchen. Auch Social Media könne dies verstärken, weil dort häufig ein Idealbild perfekter Beziehungen gezeigt werde.
Um Gewalt zu verhindern, sei es wichtig, früh bei Kindern und Jugendlichen anzusetzen: Sie müssten über die Themen gesunde Beziehungen, Rollenbilder und Warnsignale aufgeklärt werden. Außerdem müsse die Arbeit mit Tätern ausgebaut werden, vor allem präventiv bei Menschen, die noch nicht straffällig geworden sind.
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Wer sich bei der Interventionsstelle melden kann
Isabel Ahrweiler betont, dass sich jede betroffene Person an die Interventionsstelle wenden kann – unabhängig vom Geschlecht oder der persönlichen Situation. Auch trans, nicht-binäre oder queere Menschen sowie Betroffene aus gleichgeschlechtlichen Beziehungen werden beraten. "Sie müssen sich nicht sicher sein, ob das, was Sie erleben, schon Gewalt ist. Melden Sie sich – auch als Angehörige, die helfen wollen", sagt Ahrweiler.