Idar-Oberstein schreitet wegen Brandschutz ein

Räumung Edelsteinbörse: Hotelgast muss mitten in der Nacht Zimmer verlassen

Die Stadt hat die Hotelgäste in der Edelsteinbörse in Idar-Oberstein um Mitternacht vor die Tür gesetzt. Trotz bekannter Brandschutzmängel hatte das Hotel sie einchecken lassen.

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Von Autor/in Christian Altmayer

Jürgen Caesar hatte sich auf das Treffen mit seinen ehemaligen Kollegen in Idar-Oberstein gefreut. Zweimal im Jahr nimmt der Rentner dafür den Weg aus Thüringen in seine alte Heimat auf sich. Diesmal wollte er "eine Nacht über den Dächern verbringen", wie er erzählt.

Er hatte sich ein Zimmer im Hotel "Opal" in den oberen Etagen der Edelsteinbörse gebucht, dem höchsten Haus der Stadt. Doch stattdessen musste er sich die Nacht ohne Dach über dem Kopf um die Ohren schlagen.

Der Ausblick aus den oberen Etagen der Edelsteinbörse ist nicht schlecht. Lange genießen konnten die Gäste ihn allerdings nicht.
Der Ausblick aus den oberen Etagen der Edelsteinbörse ist etwas Besonderes. Lange genießen konnten die Gäste ihn allerdings nicht. Jürgen Caesar

Stadt: Mieter und Gäste in Lebensgefahr

"Ich habe gestern um 17.35 Uhr eingecheckt und meine Koffer ins Zimmer gebracht", erzählt er: "Dann bin ich zum Abendessen in ein Restaurant." Doch als er zurückkam, wartete eine böse Überraschung unter der Tür: ein Schreiben von der Stadtverwaltung Idar-Oberstein, das dem SWR vorliegt.

Wären die Bewohnerinnen und Bewohner der Edelsteinbörse in Gefahr, wenn dort ein Feuer ausbrechen würde? Die zuständige Behörde geht davon aus.
Wären die Bewohnerinnen und Bewohner der Edelsteinbörse in Gefahr, wenn dort ein Feuer ausbrechen würde? Die zuständige Behörde geht davon aus. Christian Schulz

Darin heißt es: Alle Gäste müssen das Gebäude bis Mitternacht verlassen. Wegen brandschutztechnischer Mängel habe die Behörde den Betrieb des Hotels in den Etagen 11 bis 18 untersagt. Um 13.30 Uhr werde sie die Türen versiegeln. Eine Sprecherin der Stadt erklärt auf SWR-Anfrage, dass Menschenleben in Gefahr wären, falls es in dem Hochhaus brennen sollte.

"Bin mir vorgekommen, wie bei versteckte Kamera"

"Ich bin dann an die Rezeption und habe gefragt, ob die mich verarschen wollen", erzählt Jürgen Caesar. Doch dort habe man ihm gesagt: Nach 18 Uhr könnten sie das Zimmer leider nicht mehr stornieren. Und er solle doch einfach bis zum Morgen bleiben. "Ich bin mir vorgekommen wie in einem Comic-Film oder wie bei der versteckten Kamera", sagt der Gast, der von einem Skandal spricht.

Ehemalige Edelsteinbörse Idar-Oberstein
Die Baumängel an der Edelsteinbörse in Idar-Oberstein sind offensichtlich. Foto Hosser

Er sei dann auf sein Zimmer gegangen, habe geduscht und habe das "Opal" gegen Mitternacht verlassen. Ein anderes Hotel habe er nicht mehr gefunden. "Ich hab die Obdachlosen auf der Straße schlafen sehen, bei 4 Grad Außentemperatur, und war nur froh, dass ich mit dem Auto angereist bin", erzählt der Rentner. Früh morgens setzte er sich dann ins Café der Lebenshilfe am Bahnhof, um sich aufzuwärmen.

Hotelmitarbeiterin: Ganze Sache ist "unendlich peinlich"

Dass das Hochhaus geräumt werden muss, ist seit etwa zwei Wochen bekannt - auch den Mitarbeitern des Hotels. Eine Angestellte erzählt uns allerdings, dass sie bis zum letzten Tag gehofft habe, dass die Stadt nicht ernst macht.

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Dass die Verwaltung die Gäste um Mitternacht vor die Tür setzen wollte, sei ihr "unendlich peinlich", sagt sie. Rund die Hälfte der Zimmer in den Etagen 11 bis 18 sei belegt gewesen. "Ich habe den Leuten gesagt, dass sie die Nacht ruhig noch bleiben sollen", sagt die Mitarbeiterin. Das Geld für die Zimmer bekämen die Gäste natürlich zurück.

Einschränkungen auch für Edelsteinhändler

Die Angestellten des Hotels wissen noch nicht, wie es mit ihren Jobs weitergeht, sollte die Edelsteinbörse länger gesperrt bleiben. Die Mieterinnen und Mieter, die Wohnungen in dem Hochhaus haben, trifft die Räumung aber besonders hart. Sie wissen nicht wohin mit ihren Möbeln und haben auch noch keine neue Bleibe gefunden, erzählten sie dem SWR.

Die einzige kombinierte Diamant- und Edelsteinbörse der Welt hatte einmal eine Strahlkraft weit über den Hunsrück hinaus.
Die einzige kombinierte Diamant- und Edelsteinbörse der Welt hatte einmal eine Strahlkraft weit über den Hunsrück hinaus. Christian Schulz

Die internationalen Edelsteinhändler, die Büros in der Börse haben, dürfen ihre Räumlichkeiten nach eigenen Angaben weiter nutzen. Die Stadt habe ihnen aber verboten, Kunden zu empfangen. Manche erwägen deshalb umzuziehen, vielleicht sogar die Region zu verlassen.

Nach SWR-Informationen gab es aber schon einige Warnschüsse. Demnach hat die zuständige Behörde die Probleme bereits Ende des vergangenen Jahres angemahnt und dem Eigentümer mehrere Monate Zeit eingeräumt, sich zu kümmern. Zu Details äußert sich die Stadt nicht und verweist darauf, dass das Verfahren noch laufe.

Bauarbeiten an Edelsteinbörse können Monate dauern

Der jetzige Besitzer hatte das Gebäude 2006 bei einer Zwangsversteigerung gekauft. Das einstige Wahrzeichen der Stadt war damals für nur 400.000 Euro zu haben. Als das Hochhaus 1974 gebaut wurde, war es die erste Börse weltweit, an der sowohl Diamanten und Edelstein gehandelt wurden. Doch in den folgenden Jahrzehnten wanderte der Edelsteinmarkt zunehmend nach Asien ab und auch viele Händler zogen aus. Die Bausubstanz verfiel immer mehr.

Immerhin: Laut den Mietern hat der Eigentümer inzwischen Bauarbeiten in Auftrag gegeben. Handwerker und ein Architekt seien in den vergangenen Tagen im Haus unterwegs gewesen. Die nötigen Arbeiten seien aber wohl so umfangreich, dass sie Monate in Anspruch nehmen könnten.

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Christian Altmayer
Foto von Christian Altmayer, Redakteur bei SWR Aktuell im Studio Trier

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