Am Samstag sind mehr als 1.000 Menschen am Christopher Street Day durch Trier gezogen. Unter dem Motto "Our Pride Fights for Rights" ("Unser Stolz kämpft für Rechte") sind 16 Gruppen durch die Stadt gezogen. Zum ersten Mal hatte sich auch eine Gegendemonstration angekündigt. Angemeldet hatte diese Versammlung nach Polizeiangaben eine Person für die "Jungen Patrioten". Vier Personen demonstrierten gegen den CSD und zeigten unter anderem Deutschlandflaggen.
Vincent Maron ist einer der Organisatoren des CSD in Trier und hat dem SWR vor der Veranstaltung ein Interview gegeben. Dabei geht es auch um Hetze und Gewalt gegen queere Menschen.
SWR Aktuell: Wie nehmen Sie die aktuelle gesellschaftliche Stimmung gegenüber der queeren Community wahr und wie hat sich diese verändert?
Vincent Maron: Verbale und körperliche Übergriffe oder auch Vandalismus gab es schon immer. Das ist nicht erst in den letzten Jahren gekommen, aber es hat sich in den vergangenen Jahren aus unserer Wahrnehmung heraus radikalisiert. Das heißt, Leute werden auf der Straße nicht nur mit einem Witz angepöbelt, sondern mit Hass konfrontiert. Morddrohungen, Belästigungen und körperliche Übergriffe haben zugenommen. Das berichten die Menschen uns.
Was uns auch auffällt: Die Sprache gegenüber queeren Menschen hat sich sehr abwertend entwickelt. Das führt dann auch dazu, dass Personen, die eher queerfeindlich gesinnt sind, auch angestachelt werden, Queerfeindlichkeit in ihrem Verhalten zu zeigen.
Es ist nicht so, dass es in Trier keine Queerfeindlichkeit gibt.
Konkret auf Trier bezogen, sind wir sehr stolz und sehr verwundert, dass es in Trier immer noch eine sehr schöne Stimmung ist. Wir fühlen uns hier als queeres Zentrum sehr akzeptiert. Der CSD gehört für uns zu einer Veranstaltung, die nicht nur eine Veranstaltung für die queere Community ist, sondern für alle Menschen. Es ist eine sehr respektvolle Stimmung.
Aber auch hier gibt es Übergriffe. Es ist nicht so, dass es in Trier keine Queerfeindlichkeit gibt. Aber die Grundstimmung ist friedlich.
SWR Aktuell: Was sind Ihrer Ansicht nach die Gründe für die Queerfeindlichkeit?
Maron: Aus unserer Sicht gibt es zwei wesentliche Gründe. Zum einen beobachten wir, dass es wieder "in Mode" gekommen ist, Queerfeindlichkeit offen zu zeigen - sowohl im Verhalten als auch in der Sprache. Vor allem, weil Parteien und Gruppen sich verstärkt öffentlich queerfeindlich äußern. Das stachelt Menschen auch dazu an, sich queerfeindlich zu verhalten.
Aber es liegt auch daran, dass queere Menschen immer sichtbarer werden - was grundsätzlich sehr schön ist. Aber dadurch entsteht mehr Reibungsfläche mit denen, die sich queerfeindlich äußern. Und das führt manchmal zu einer Eskalation. Das finden wir nicht schön. Stattdessen würden wir uns freuen, wenn eher Brücken gebaut werden und sich weniger mit Hass begegnet würde.
SWR Aktuell: Hat dieses queerfeindliche Verhalten auch Auswirkungen auf die Organisation des diesjährigen CSD in Trier gehabt?
Maron: Die zunehmende Queerfeindlichkeit bedeutet für uns in diesem Jahr: Wir haben mehr Helferinnen und Helfer vor Ort, die ansprechbar sind. Wir haben eine sehr gute Kooperation mit der Polizei hier in Trier, um uns im Vorfeld absprechen zu können und auch auf dem Platz direkt handeln zu können. Es ist auch mehr Security vor Ort und es gibt klare Absprachen mit den Gruppen vor Ort.
Ein selbstbewusstes Auftreten ist der beste Schutz vor Pöbeleien oder Angriffen.
Aber wir versuchen bewusst keine Angst zu schüren - denn wir möchten den Menschen einen schönen Tag ermöglichen, der nicht von Sorgen überschattet wird. Wir glauben, dass ein selbstbewusstes Auftreten der Besucherinnen und Besucher der beste Schutz vor Pöbeleien oder Angriffen ist.
SWR Aktuell: Welche Bedeutung hat das Motto des diesjährigen CSD "Our Pride Fights for Rights"?
Maron: Das Motto soll nochmal in den Vordergrund stellen, dass queere Menschen in Deutschland immer noch nicht alle gleichen Rechte haben wie andere Personen. Ich nenne da als Beispiel gerne den Grundgesetzartikel 3a, in dem sexuelle Orientierung leider immer noch nicht drin steht. Oder dass lesbische Paare, die verheiratet sind, ihre eigenen Kinder nachadoptieren müssen, was für heterosexuelle Paare nicht gilt. Da gibt es immer noch keine Lösungen für, obwohl seit Jahren dafür gekämpft wird.
Aber das Motto soll auch dafür stehen, dass bereits errungene Rechte wie die Ehe für alle nicht selbstverständlich sind. So etwas kann sich ganz schnell wieder ändern.
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SWR Aktuell: Welche Botschaft möchten Sie mit den Veranstaltungen rund um den CSD in Trier an die Öffentlichkeit richten?
Maron: Auf der einen Seite wollen wir der queeren Community die Botschaft mitgeben, dass es vollkommen in Ordnung ist und auch wichtig für das Selbstbewusstsein ist, offen zu zeigen, was man ist und dass man nicht alleine ist.
Wir glauben, dass der Dialog zumindest ein Teil der Lösung sein kann.
Und unsere Botschaft an die Gesellschaft ist, dass es immer noch schöner ist, nicht über uns, sondern mit uns zu sprechen. Denn wir glauben, dass der Dialog miteinander, auch wenn man nicht immer einer Meinung ist, zumindest ein Teil der Lösung sein kann. Dass dadurch weniger Hass und Gewalt herrscht und man in der Begegnung die andere Person vielleicht besser verstehen kann.
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SWR Aktuell: Nun der Blick in die Zukunft gerichtet: Welche Hoffnungen oder vielleicht auch Lichtblicke sehen Sie?
Maron: Es ist aktuell sehr schwierig, Lichtblicke zu sehen, weil es doch mehr Schatten- als Lichtseiten gibt. Was die aktuelle Bundesregierung betrifft, sehen wir wenig Chancen für queere Menschen. Da sind wir eher skeptisch.
Das ist für uns ein Lichtblick: Die Generation, die nachkommt, traut sich, Probleme anzusprechen.
Ein Lichtblick ist, dass sich immer mehr Menschen aktiv in der queeren Community beteiligen. Dass sie ehrenamtlich mitarbeiten, Projekte planen und dass sich vor allem junge queere Menschen sich sehr stark engagieren. Sie sind in einer queeren Schüler-AG, Jugendgruppen oder in der politischen Arbeit. Und das ist für uns ein Lichtblick: Die Generation, die nachkommt, traut sich zu sich zu stehen und traut sich Probleme anzusprechen.