Pro: Unangekündigte Überprüfungen passen nicht zu einer modernen Schule
So sieht es der rheinland-pfälzische Bildungsminister Sven Teuber (SPD). Viele Schülerinnen und Schüler würden sich laut Schulbarometer 2025 in der Schule nicht wohl fühlen. Dem müsse "mit mehr Beziehungsarbeit, Freude am Lernen sowie zeitgemäßen Feedback- und Prüfungskulturen" begegnet werden, so Teuber.
Für diese Haltung wird der Minister von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und dem Verband Bildung und Erziehung (VBE) gelobt. Mit der neuen Regelung werde die Grundlage für eine bessere Lernmotivation geschaffen, heißt es bei der GEW. Ohne die Angst vor schlechten Noten bei unangekündigten Hausaufgabenüberprüfungen (HÜ) könnten die Schülerinnen und Schüler aus sich heraus Motivation für das Lernen finden und so ihr Wissen vertiefen, anstatt nur kurzfristig auswendig zu lernen, begrüßt der VBE die Neuregelung.
Der Lehrer und Bildungsblogger Bob Blume aus dem baden-württembergischen Bühl hält unangekündigte Tests für "nichts als Schikane". Es sei zwar wissenschaftlich erwiesen, dass regelmäßige kleine Tests das Lernen unterstützten – aber nur, wenn sie angekündigt seien, sagte Blume im SWR-Interview.
In einer Studie des Bayreuther Professors Ludwig Haag (engl.) mit zehn Schulklassen der Oberstufe mussten fünf davon unangekündigte Tests schreiben, bei den anderen fünf Klassen wurden die Leistungsnachweise vorher angekündigt. Die Prüfungsergebnisse hätten sich kaum unterschieden, berichtet der Bayerische Rundfunk. Doch Schülerinnen und Schüler aus den Klassen mit den angekündigten Überprüfungen sprachen von weniger Angst beim Lernen.
Angst ist ein schlechter Lehrmeister.
Noch deutlicher wird der Berliner Erziehungswissenschaftler Jörg Ramsegger: "Die fiese Fallenstellergesinnung hinter den unangekündigten Leistungsproben widerspricht allen Erkenntnissen der Motivationspsychologie der letzten 50 Jahre."
Contra: Lehrkräfte sollen selbst entscheiden dürfen
Kritik am sozialdemokratischen Bildungsminister kommt dagegen von der CDU, Freien Wählern und dem Philologenverband, der die Interessen von Gymnasiallehrkräften vertritt. Lehrkräften werde damit pauschal die Fähigkeit abgesprochen, selbst die für ihre Klassen und Kurse passende Form der Leistungsüberprüfung zu wählen, moniert der Philologenverband. Er kritisiert auch das "massive politische Hineinregieren in das pädagogische Alltagsgeschäft".
Unangekündigte Prüfung von Lernstand und Kompetenzzuwachs sichert Regelmäßigkeit, Gewissenhaftigkeit und Kontinuität beim Lernen.
Gerade in Zeiten von Künstlicher Intelligenz (KI) seien unangekündigte HÜ unverzichtbar, heißt es in einer Stellungnahme der CDU-Landtagsfraktion. Die Neuregelung sei ein "Misstrauensbeweis für alle Lehrkräfte". Die neue Regelung unterbinde kontinuierliches Lernen und lenke den Fokus auf das bloße Auswendiglernen für einzelne Klassenarbeitstermine.
In Bayern, wo gerade ein heftiger Streit um unangekündigte Prüfungen - so genannte Exen - läuft, hält der Augsburger Schulpädagogik-Professor Klaus Zierer diese für durchaus sinnvoll. In einem Gastbeitrag für das Portal "News4Teachers" schreibt er: "Das Alleinstellungsmerkmal der überraschenden, unangekündigten Prüfung von Lernstand und Kompetenzzuwachs sichert Regelmäßigkeit, Gewissenhaftigkeit und Kontinuität beim Lernen." Lernen nur für angekündigte Prüfungen sei für eine vertiefte Wissensaneignung kontraproduktiv, so der ehemalige Grundschullehrer Zierer.
Die Gruppe der Freien Wähler im Landtag kritisierte, Teubers Vorschlag fördere das sogenannte "Bulimie-Lernen, das termingerecht abrufbar ist und dann vergessen wird". Der AfD-Landtagsabgeordnete Joachim Paul forderte, die Neuregelung zurückzunehmen. "Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Schule muss auf das spätere Berufsleben vorbereiten", sagte der bildungspolitische Sprecher der AfD-Fraktion.