Streichung von Milliarden-Investitionen in RLP

Gesundheitsreform unter Druck der Pharma-Riesen: Kippt der dynamische Herstellerrabatt?

Die Pharmariesen Boehringer und Lilly kürzen Großprojekte in Rheinland-Pfalz aus Sorge vor neuen Rabattregeln. Nun rückt die Politik offenbar von einem Kernpunkt der Reform ab.

Teilen

Stand

Der Druck der Pharmabranche könnte gewirkt haben: Bei der Reform der gesetzlichen Krankenversicherung wurde ein besonders umstrittenes Instrument der Reform, der sogenannte "dynamische Herstellerrabatt", nach SWR-Informationen vorerst aus dem Gesetzentwurf gestrichen. Die Pharmakonzerne Boehringer Ingelheim und der US-Konzern Lilly hatten milliardenschwere Investitionen in Deutschland - und insbesondere Rheinland-Pfalz - gestoppt oder deutlich gekürzt.

Alzey/Ingelheim

Wegen Gesundheitspolitik der Bundesregierung Pharma-Großkonzerne Lilly und Boehringer Ingelheimer stoppen geplante Investitionen

Der US-Pharmakonzern Lilly halbiert seine geplante Investition in Alzey. Auch Boehringer Ingelheim schraubt Pläne in Deutschland zurück. Als Grund nennen beide auch die Politik der Bundesregierung.

SWR Aktuell Rheinland-Pfalz SWR RLP

Nach SWR-Informationen ist der dynamische Herstellerrabatt in der aktuellen Vorlage des Gesetzes gestrichen worden. Es handelt sich aber lediglich um einen Zwischenstand, das Gesamtpaket der Reform steht noch nicht fest. Zuerst hatte die "Allgemeine Zeitung" aus Mainz darüber berichtet.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Pharma-Konzerne offenbar ihre Investitionen nutzen, um politische Entscheidungen in Deutschland zu beeinflussen. Bereits 2024 hatten Recherchen von WDR, NDR, Süddeutscher Zeitung und dem Rechercheteam "Investigate Europe" gezeigt, dass Lilly seine Investition genutzt haben könnte, um die Bundesregierung zu einer Gesetzesänderung zu drängen.

Alzey

Gesetzesänderung zu Preisen von Medikamenten Neuer Standort von Lilly in Alzey: Bundesregierung reagiert auf Recherchen

Hat das Pharmaunternehmen Lilly für einen neuen Standort in Alzey Einfluss auf die Bundesregierung genommen? Diese hat am Montag auf die Recherchen reagiert.

SWR Aktuell Rheinland-Pfalz SWR RP

Dynamischer Rabatt sollte Krankenkassen entlasten

Der Plan von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) sah bislang vor, dass Hersteller patentgeschützter Medikamente künftig einen Rabatt an die Krankenkassen zahlen müssen, der sich an der finanziellen Lage der Kassen orientiert. Steigen deren Ausgaben, sollte auch der Rabatt automatisch steigen - ohne feste Obergrenze.

Das Bundesgesundheitsministerium argumentiert, nur so ließen sich die Ausgaben der Kassen langfristig beherrschen, ohne Beiträge und Zusatzbeiträge immer weiter erhöhen zu müssen. Der dynamische Herstellerrabatt sollte dabei aus Sicht des Ministeriums ein flexibles Instrument sein, um die Kassen bei steigenden Kosten schnell zu entlasten. Die heftige Gegenwehr der Pharmaindustrie bis hin zum Stopp großer Investitionsprojekte hat diesen Baustein nun ins Wanken gebracht.

Ob die Signale aus Berlin ausreichen, um Pharmakonzerne wie Lilly und Boehringer dazu zu bewegen, ihre Kürzungspläne zu überdenken, ist offen. Beide Unternehmen haben auf SWR-Anfrage zunächst nicht beantwortet, ob sie bei einer endgültigen Streichung des dynamischen Herstellerrabatts wieder stärker in Deutschland investieren würden.

Für die Pharmabranche wäre der Rabatt ein aus ihrer Sicht kaum kalkulierbares Geschäftsrisiko. Unternehmen könnten vorab kaum abschätzen, wie stark die Rabatte ihre Preise und Renditen belasten. Boehringer Ingelheim und Lilly hatten deshalb mit Blick auf das Gesetz angekündigt, Milliardeninvestitionen in Deutschland zurückzufahren.

SWR Aktuell Sommerinterviews 2026 Schnieder fordert Änderungen an Gesundheitsreform

Im SWR-Sommerinterview sagte Ministerpräsident Schnieder, er teile die Sorge von Boehringer und Lilly: Die derzeitigen Pläne erschwerten die Forschung für neue Medikamente.

SWR Aktuell Rheinland-Pfalz SWR RLP

Pharmakonzern Lilly halbiert Investitionen in Alzey

Besonders hart trifft die Debatte den Standort Alzey im Kreis Mainz-Bingen. Lilly hatte dort 2023 angekündigt, rund 2,5 Milliarden US-Dollar in eine neue Hightech-Produktionsstätte zu investieren. Bis zu 1.000 hochqualifizierte Arbeitsplätze sollten entstehen.

Der Konzern hat diese Pläne deutlich zusammengestrichen. Nach Unternehmensangaben sollen die Ausgaben für das Projekt um bis zu 50 Prozent sinken. Ein erheblicher Teil der ursprünglich geplanten Stellen und Investitionen in Deutschland entfällt damit.

Alzey

Gesundheitsreform soll Grund sein Lilly kürzt Investitionen: Große Überraschung in RLP - und die Finger zeigen nach Berlin

Paukenschlag in RLP: Lilly will seine Investitionen in Alzey drastisch kürzen. Das hat die politisch Verantwortlichen im Land kalt erwischt. In Reaktionen sprechen viele von Versäumnissen der Bundesregierung.

SWR Aktuell Rheinland-Pfalz SWR RLP

Wie es danach weitergeht, lässt Lilly offen. Die Entscheidung über die volle Umsetzung der ursprünglichen Investitionen sei vorerst auf Eis gelegt, teilte das Unternehmen mit. Man werde sich daran orientieren, ob es in Deutschland künftig "stabile und planbare wirtschaftliche Rahmenbedingungen" gebe.

Boehringer Ingelheim stoppt 900-Millionen-Projekte

Auch Boehringer Ingelheim, eines der größten forschenden Pharmaunternehmen Deutschlands, zog Konsequenzen. Der Konzern wollte ursprünglich in den kommenden vier Jahren rund 900 Millionen Euro an seinen deutschen Standorten investieren.

Auch diese Pläne liegen nun auf Eis. Boehringer begründet dies in einer Mitteilung mit "Veränderungen der Rahmenbedingungen im internationalen Pharmamarkt" und der Notwendigkeit "einer langfristigen, verlässlichen Planbarkeit seiner Investitionen." All dies haben das Unternehmen veranlasst, "Anpassungen in seiner Investitionsplanung vorzunehmen". 

Bedeutung der Pharmaindustrie für Rheinland-Pfalz

Für RLP steht viel auf dem Spiel: Die Pharmaindustrie gehört zu den wichtigsten Branchen des Bundeslandes, sowohl als Arbeitgeber als auch als Steuerzahler. Investitionskürzungen von hunderten Millionen Dollar und Euro treffen nicht nur die jeweiligen Standorte, sondern auch Zulieferer, Dienstleister und die regionale Infrastruktur.

Ingelheim

Deutschlands größter Pharmakonzern Boehringer Ingelheim bleibt auf Wachstumskurs

Neue Lungenmedikamente am US-Markt etabliert, gesteigerte Umsätze: Der Pharmariese Boehringer Ingelheim bleibt in der Erfolgsspur - aller Zollunsicherheit zum Trotz.

SWR1 Rheinland-Pfalz SWR1 Rheinland-Pfalz

Druck auf Pharmakonzerne Boehringer Ingelheim reagiert auf Trump-Forderung

US-Präsident Donald Trump will niedrigere Preise für Medikamente in den USA. In Briefen forderte er das von 17 weltweiten Pharmakonzernen. Boehringer Ingelheim hat jetzt reagiert.

SWR4 am Abend SWR4

Alzey

Ein Jahr nach dem Spatenstich So weit sind die Bauarbeiten von Lilly in Alzey gediehen

Vor einem Jahr begannen die Bauarbeiten für eine Produktionsstätte des US-Pharmakonzerns Lilly in Alzey. Wie weit ist der Pharmakonzern heute? Wir haben die Baustelle besucht.

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
SWR