Zehn Jahre nach "Wir schaffen das!"

Darum ist Integration für geflüchtete Frauen so schwer

"Wir schaffen das!" - damit hatte die damalige Bundeskanzlerin Merkel die Aufnahme hunderttausender Flüchtlinge verteidigt. Beispiele aus Ingelheim zeigen, vor welchen Problemen geflüchtete Frauen immer noch stehen.

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Von Autor/in Lucretia Gather

Die Männer gehen arbeiten oder zum Sprachkurs, größere Kinder in die Kita oder die Schule. Nur die Frauen bleiben noch zu oft in der Unterkunft. "Das ist ein Problem", sagt die Beigeordnete für Soziales, Almut Schultheiß-Lehn.

Und tatsächlich fällt beim gemeinsamen Besuch der Sammelunterkunft für Geflüchtete in Ingelheim am Donnerstagmorgen auf: Die Gänge sind leer, in den Gemeinschaftsräume sitzt niemand, und wenn doch mal jemand zu sehen ist, dann sind es Frauen.

Frauen müssen Kinder betreuen

In der Sammelunterkunft in Ingelheim, einem ehemaligen Krankenhaus, leben nur Familien. Die seien in der Regel so organisiert, dass jüngere Kinder ausschließlich von den Müttern betreut würden. "Dass mal der Vater auf die Kinder aufpasst, während die Frau beim Deutschkurs ist, ist für viele Männer nicht denkbar", beschreibt Schultheiß-Lehn. Die Verwaltung habe daher in den vergangenen Jahren Deutschkurse mit Betreuungsmöglichkeiten für Kinder angeboten. Die Angebot seien aber eher schlecht angenommen worden.

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Ingelheim will Frauen gezielt in Deutschkurse bringen

Nun will die Stadt stärker auf Frauen zugehen und sie ermuntern, Deutschkurse zu besuchen: "Da müssen wir noch mehr tun", sagt die Dezernentin, "und den Frauen sagen, 'Du kommst jetzt mit', und ihnen auch zureden, sich vielleicht auch mal gegen den Mann durchzusetzen." Da die Flüchtlingszahlen derzeit zurückgingen und die Kommune nicht mehr so viel Druck habe, Unterkünfte zu schaffen, habe man mehr Kapazitäten, um sich gezielt um Frauen zu kümmern.

Da müssen wir noch mehr tun und den Frauen sagen, 'Du kommst jetzt mit', und ihnen auch zureden, sich vielleicht auch mal gegen den Mann durchzusetzen.

Integration gelingt nur über Sprache

Denn klar sei, dass der Schlüssel zu Integration die Sprache sei. Die Frauen müssten in die Lage kommen, alleine einkaufen oder zum Arzt zu gehen. Aktuell seien viele Frauen auf die Unterstützung ihrer Kinder oder Männer angewiesen. "Wir wollen den Frauen zeigen, dass sie dazugehören, dass sie ein wichtiger Teil der Gesellschaft sind und wir wollen, dass sie selbstbestimmt am Leben teilnehmen können", sagt Schultheiß-Lehn.

Rolle von Frauen in Familien wichtig

Linda Blessing vom Integrationsbüro in Ingelheim ergänzt, dass Frauen in den Familien und bei der Erziehung der Kinder eine zentrale Rolle spielen. "Wenn die Frau gut Deutsch spricht, dann hat das Auswirkungen auf die gesamte Familie und insbesondere auf die Bildungskarriere der Kinder." Wichtig sei, dass die Mütter auch Kontakte außerhalb des Hauses hätten und auch Termine in der Schule oder dem Kindergarten alleine wahrnehmen könnten.

Dur-e-Sameen aus Pakistan lebt mit ihrer Familie  in der Sammelunterkunft in Ingelheim. Integration von Frauen ist noch immer schwierig, so die Verwaltung.
Dur-e-Sameen aus Pakistan lebt mit ihrer Familie in der Sammelunterkunft in Ingelheim. L.Gather

Junge Frauen besser integriert

Leichter dagegen sei die Integration junger Frauen, die keine Kinder haben, so Blessing. Sie seien deutlich offener für die deutsche Gesellschaft, würden andere Frauen beobachten und erleben, dass Frauen in Deutschland arbeiten gehen und auch finanziell auf eigenen Beinen stehen könnten. Bei jüngeren Frauen sei die Motivation für Deutschkurse deshalb deutlich größer.

Arbeit als Schlüssel zur Integration

Ein positives Beispiel ist Dur-e-Sameen aus Pakistan. Die 23-Jährige lebt mit ihren Eltern und ihrer Schwester in der Unterkunft und spricht gut Deutsch. Sie arbeitet bei einem großen Versandhandel und erzählt strahlend über ihren Job: "Die Leute dort sind sehr, sehr nett, das ist meine erste Stelle in meinem ganzen Leben,  ich bin sehr glücklich." Dur-e-Sameens Ziel: Sie möchte noch besser Deutsch lernen und irgendwann eine Ausbildung zur Verkäuferin machen.

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