"Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei", ruft ein Mann mittleren Alters mit einer Dose Bier in der Hand. Robert Azari, Streetworker in der Bayreuther Straße in Ludwigshafen, lacht. "Kommst du zu meiner Abschiedsfeier?", fragt Azari den Mann im Klappstuhl. "Gibt auch Bier." Der Mann trinkt einen Schluck aus der Dose. "Klar komme ich. Du wirst fehlen, du hättest dich schon längst verpissen können."
Genau das hat Robert Azari, heute 66 Jahre alt, nie gemacht: zu gehen. Seit 1998 ist er Streetworker in der Bayreuther Straße in Ludwigshafen, dem Brennpunktviertel der Stadt. Als Sozialarbeiter war er für die Menschen vor Ort da, hatte hier sein Büro. Seine Aufgabe war es, Jugendliche zu integrieren. In die Schule, in die Gesellschaft. "Auf Augenhöhe, das war mir wichtig", sagt er. Jetzt geht er in Rente.
30 Jahre Bayreuther Straße in Ludwigshafen: Ein Stück Heimat
Vor zwei Jahren hat Azari ein neues Büro bekommen in der Bayreuther Straße. "Leider konnte ich das nicht lange genießen", sagt der 66-Jährige. Während des Gesprächs steht er am Fenster, blickt die ganze Zeit hinaus. "Von hier habe ich alles im Blick, so habe ich mir das immer gewünscht." Azari sieht in den Innenhof, auf dem gerade ein paar Jugendliche Fußball spielen.
Azari wollte schon immer Sozialarbeiter werden
Robert Azari wollte schon immer Sozialarbeiter werden, musste sich aber erst einmal selbst hochkämpfen. Sein Vater kommt aus dem Iran. "Damals gab es wenig Ausländer, ich bin da direkt aufgefallen." Azari ist Scheidungskind. "Und dann kamen noch ein paar andere Sachen zusammen. Ich habe einen schlechten Hauptschulabschluss gemacht. Aber irgendwie hab ich's geschafft", erzählt er. Er studierte Soziale Arbeit und bekam seinen ersten Job als Streetworker - in der Bayreuther Straße. Schon damals hatte das Viertel einen schlechten Ruf.
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Einst wurden die Wohnhäuser hier provisorisch als Notunterkünfte errichtet. Teils haben sie noch heute keine Heizung und nur Gemeinschaftsduschen. Eine Renovierung steht aus. Robert Azari sagt: "Hier wohnen Menschen mit Schulden. Einige haben Drogen- oder Alkoholprobleme. Mittlerweile wohnen auch Refugees, also Geflüchtete hier." Das habe sich verändert, am Anfang waren fast nur Deutsche hier. Viele schaffen es hier raus, sagt Azari. Er freut sich mit ihnen, wenn sie Arbeit finden oder eine bessere Wohnung. Aber manche bleiben auch hier, viel zu lange, und auch viel länger, als sie eigentlich geplant hatten.
"Es sieht trist aus", sagt Azari. Aber es sei nicht durchweg schlimm hier. "Hier gibt es eine gute Gemeinschaft", erklärt der Streetworker. "Die Leute kennen sich, es ist ein Stück Heimat für sie." Und auch für ihn ist es das nach all den Jahren geworden.
Hier, in der Bayreuther Straße, leben die Menschen nicht so lange wie woanders.
Robert Azari hat Generationen in der Bayreuther Straße als Streetworker begleitet. Ganz am Anfang war es hart. "Da stand mir eine Gang von Jungs gegenüber, ich wurde ins kalte Wasser geschmissen." Azari musste erst das Vertrauen der Jugendlichen gewinnen. Er hat mit ihnen Musik gemacht und Bands gegründet, Wände bunt gestrichen und Fußballturniere organisiert. Später hat er einige von ihnen auch im Gefängnis besucht. "Die Jungs haben gesehen, der kommt auch in den Knast. Der lässt uns nicht alleine."
Azari hat auch immer wieder Fotos gemacht, über die Jahre hinweg. Zu seinem Abschied als Streetworker plant er gerade ein Fest für die Anwohner der Bayreuther Straße, dafür hat er die Fotos ausgedruckt. Er will sie den Menschen zurückgeben, wenn sie zum Fest kommen. Robert Azari zeigt unzählige Bilder, aus den 90er- und 2000er-Jahren. Bei einigen sagt er: "Die leben nicht mehr." Das sehe man auf den Fotos schon, die hätten da schon zu viele Drogen genommen und es nie raus geschafft. "Hier leben die Menschen nicht so lange wie woanders", sagt Azari.
Früher wurde mehr Schule geschwänzt - Drogenprobleme sind geblieben
Das habe zu den schlimmsten Momenten seiner Karriere gehört. Wenn er Anwohner der Bayreuther Straße im Krankenhaus besucht hatte, die wegen Drogen- oder Alkoholmissbrauchs nicht mehr weitermachen konnten. Und wenn sie später gestorben sind. Er hat gelernt, mit dem Tod umzugehen. "Man braucht ein bisschen Distanz für den Job. Und gewisse Dinge muss man akzeptieren."
Als er 1998 in der Bayreuther Straße als Sozialarbeiter anfing, war Schuleschwänzen eines der größten Probleme bei den Jugendlichen. Das habe sich verändert. "Die Kindergärten fangen heute einiges auf und die Ganztagsschulen helfen auch", meint Azari. Doch Drogenprobleme seien geblieben.
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Nach 30 Jahren Sozialarbeit in Ludwigshafen kommt jetzt Rente
Für Robert Azari gibt es schon einen Nachfolger. Einen jungen Typen, der in sein Büro einziehen wird. Azari kennt ihn schon. "Der macht das gut, ich hab das gleich erkannt." Der neue Sozialarbeiter muss dann auch lernen, Grenzen zu setzen, sodass die Jugendlichen ihm nicht auf der Nase herum tanzen. "Und er muss ihnen auf Augenhöhe begegnen, das ist am wichtigsten."
Azari ist stolz auf seine Arbeit. Dass er Leuten geholfen hat. Dass über die Bayreuther Straße gesprochen wird, dass sie, zumindest ein wenig, entstigmatisiert wurde. Auch, weil er in den Medien darüber gesprochen hat. Auf einer DVD hat er alle Beiträge dieses Senders zusammengeschnitten, die der SWR über die Bayreuther Straße gedreht hat. 20 Minuten sind das. Er guckt sie sich gerne an, gerade jetzt, wo seine Arbeit hier erst einmal getan ist.
Seit 30 Jahren will Robert Azari nach Australien, einen alten Freund besuchen. Jetzt hat er Zeit dafür, auch wenn es ihm schwer fällt, zu gehen. Und nach Australien, was kommt dann? "Entspannen. Und Sport." Azari sitzt nicht gern still. Mittlerweile wohnt er in Mannheim, aber Ludwigshafen, die Pfalz, das ist seine Heimat. Deswegen wird er auch als Rentner immer wieder nach Ludwigshafen kommen und Freunde besuchen. Auch hier, in der Bayreuther Straße.