"Während meiner Abiturzeit, vor allem in der Oberstufe, ist extrem viel Unterricht ausgefallen. Das waren insgesamt glaube ich 30 Prozent, in den Leistungskursen teilweise über 50 Prozent", erklärt Elija Walk im Gespräch mit dem SWR. Im vergangenen Jahr hat er am Eduard-Spranger-Gymnasium in Landau sein Abitur absolviert. Der Unterrichtsausfall hat ihm zugesetzt.
"Im Bioabi war es zum Beispiel so, dass im Zentralabitur zwei Themen waren, die wir im Unterricht quasi gar nicht gemacht hatten. Es war Evolution, das hatten wir nur in der letzten Woche gemacht", sagt der 20-Jährige. "Es war eins von sechs großen Themen - eigentlich auch ein großer Block für ein Halbjahr. Das war halt nicht so gut."
Nicht so gut findet Walk auch, wie seine ehemalige Schule damals mit dem Unterrichtsausfall umging. Mit der Unterstützung seiner Eltern hat er sich schon während seiner Schulzeit dafür eingesetzt, dass die ausgefallenen Stunden aufgefangen werden - allerdings vergeblich.
Viele kurzfristige Unterrichtsausfälle
"Die Schule hat jedes Halbjahr Elternbriefe verschickt, in denen sie den Ausfall thematisiert hat. Es hieß, wir bekommen einen neuen Lehrer. Das ist halt nie eingetreten", berichtet Walk. Für ihn waren die ausgefallenen Stunden einfach nur verlorene Zeit, sagt er, und die Information kam oft unerwartet: "Es war oft so, dass der Ausfall kurzfristig kam - teilweise nur fünf Minuten vorher."
Dann kam die Abiturprüfung. "Die Note habe ich mir nach dem mündlichen Abitur selbst ausgerechnet. Es waren gemischte Gefühle", erinnert sich der 20-Jährige zurück. "Ich war einerseits zufrieden, weil ich ein gutes Abi gemacht habe, aber ich habe auch im Hinterkopf gehabt, dass es mit mehr Unterricht hätte besser sein können. Es hat einen bitteren Beigeschmack", ergänzt Walk.
Mit einer besseren Abiturnote hätte er bei der Studienwahl mehr Möglichkeiten und höhere Chancen bei Studiengängen, die besonders beliebt sind und einen hohen Numerus clausus haben, zum Beispiel Psychologie, erklärt der 20-Jährige. Er hat schon Eilverfahren versucht, nun folgt ein Hauptverfahren am Verwaltungsgericht Neustadt.
Anwalt fordert gleiche Chancen für alle
Martin Malcherek ist Rechtsanwalt und vertritt Elija vor Gericht. "Die Rechtsfrage, die hier zu klären ist, ist, ob mit dem hohen Unterrichtsausfall noch gleiche Prüfungsbedingungen für alle Schülerinnen und Schüler bestehen", so Malcherek.
Vor Gericht soll Ende Oktober erörtert werden, "ob die Leistung eines Schülers, der nur 60 von 100 Schulstunden tatsächlich unterrichtet wurde, nicht anders bewertet werden muss als die eines Schülers oder einer Schülerin, die das komplette rechtlich vorgegebene Soll an Unterricht erhalten hat".
Für den Anwalt aus Mainz wirkt der Unterrichtsausfall "als Turbo zur Verstärkung von Ungleichheit". Denn nicht jedes Elternhaus könne den fehlenden Unterricht, etwa durch Nachhilfe, kompensieren. Da spiele auch Geld eine Rolle. Laut Verwaltungsgericht Neustadt hat der ehemalige Abiturient schon Anfang April Klage erhoben, sie jedoch erst am 27. August begründet.
Das sagt die zuständige Behörde zu dem Fall
Die zuständige Behörde, die ADD in Trier, sagte dem SWR auf Anfrage, dass ihr keine Beschwerden irgendeines Schülers aus dem Jahrgang des ehemaligen Abiturienten vorliegen würden. Die Schulaufsichtsbehörde räumt aber ein, dass es hier zu einer "unglücklichen Häufung von Ausfall" gekommen ist.
Für die Leistungen, die in der Abiturprüfung erbracht werden können, war der Stundenausfall allerdings nicht von Nachteil.
Fällt in Leistungskursen der Oberstufe eine Lehrkraft aus, würden in der Regel andere feste Lehrkräfte einspringen und sie würden dafür an anderer Stelle entlastet, erklärt ein Sprecher. Das sei an der Schule auch geschehen. Eine solche Vertretungsregelung werde getroffen, wenn tatsächlich von längerem Ausfall einer Lehrkraft auszugehen ist.
Auch selbstständiges Arbeiten gehört zur Prüfungsvorbereitung
"Für die Leistungen, die in der Abiturprüfung erbracht werden können, war der Stundenausfall allerdings nicht von Nachteil", heißt es. Schülerinnen und Schüler könnten sich in Rheinland-Pfalz darauf verlassen, dass sie auch bei einem temporären Unterrichtsausfall umfassend auf Prüfungen vorbereitet werden und ihnen im Hinblick auf Schulabschlüsse keine Nachteile entstehen. Die ADD betont zusätzlich die Bedeutung selbstständigen Arbeitens.
Für Elija Walk steht fest: Er will für seine Abiturnote kämpfen, egal, wie das Verfahren am Verwaltungsgericht in Neustadt ausgeht. Er macht das auch nicht nur für sich: "Ich will Bildungs- und Chancengleichheit. Jeder hat das Recht auf Unterricht und jeder sollte gleich viel Unterricht bekommen. Ich will, dass man Ausfall einklagen kann", erklärt Walk.