Überforderte Grundschulen

Ein Jahr Förderschulordnung: "Wir verlieren wertvolle Zeit"

Eigentlich sollte die neue Förderschulordnung in Rheinland-Pfalz die Inklusion stärken. Doch ein Jahr nach ihrer Einführung sorgt sie für Frust bei Lehrern, Schülern und Eltern. Wir haben mit einem Förderpädagogen der Universität Koblenz über die neue Schulordnung gesprochen.

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Von Autor/in Ursula Barzen

Prof. Dr. phil. Holger Schäfer lehrt und forscht am Institut für Förderpädagogik der Universität Koblenz. Er war lange als Förderschullehrer und auch als Schulleiter tätig. Im SWR-Interview erklärt Schäfer, warum die Idee der Inklusion vom Land gut gedacht ist, aber anders umgesetzt werden sollte.

SWR Aktuell: Herr Schäfer, wie starten Kinder mit Beeinträchtigungen im Lernen und Verhalten aktuell in die Grundschule?

Holger Schäfer: Grundsätzlich besuchen diese Kinder zunächst ganz regulär die erste Klasse der zuständigen Grundschule, ohne dass vorher eine spezifische Beratung erfolgt oder ein sonderpädagogischer Unterstützungsbedarf festgestellt wird. Und das ist nach unserer Einschätzung problematisch, weil wir bereits aus der Kita-Zeit um mögliche Beeinträchtigungen wissen.

Erzieherinnen und Erzieher in Kitas können meist sehr gut einschätzen, wie Kinder lernen, wie sie sich in sozialen Kontexten verhalten oder wo Entwicklungsrisiken liegen. Es sind somit viele Dinge schon vor Schuleintritt bekannt, die die Kitas zudem in umfänglichen Förderplänen für Kinder mit Beeinträchtigungen festhalten.

Doch ohne ein formales Verfahren, beziehungsweise ohne einen professionell gestalteten Übergang verbleibt dieses Wissen bei den Erziehern und Erzieherinnen - diese dürfen wertvolle Infos zudem ohne Zustimmung der Eltern unter anderem aus Datenschutzgründen nicht an die Schulen weitergeben. Und dort fangen die Lehrkräfte dann praktisch wieder bei null an, müssen sich erst ein eigenes Bild machen und können demzufolge Kindern mit Beeinträchtigungen im Lernen nicht schon zu Beginn der Schulzeit optimal gerecht werden.

Damit geht wertvolle Zeit verloren, bis die Kinder gezielt gefördert werden

SWR Aktuell: Das klingt, als würde es an der Schnittstelle zwischen Kita und Grundschule haken?

Holger Schäfer: Erst wenn im Unterricht deutliche Schwierigkeiten auftreten - häufig sind diese im Bereich Verhalten oder sozial-emotionaler Entwicklung schneller ersichtlich - beantragen die Schulen Unterstützung durch Förder- und Beratungszentren.

Nicht selten müssen die Kinder dann erst mal das erste Schuljahr wiederholen und erst im zweiten Schuljahr kann ein Antrag zur Feststellung eines sonderpädagogischen Förderbedarfs gestellt werden. Das ist nicht grundsätzlich so, aber das hören wir immer wieder von Kolleginnen und Kollegen in der Praxis.

Eine solche Verzögerung bedeutet schließlich, dass das Kind erst im dritten Schuljahr eine spezifische Unterstützung erhält - und auch nur wenn genug Personal da ist. Damit geht wertvolle Zeit verloren, bis die Kinder gezielt gefördert werden. Es wird also erst dann nach Lösungen gesucht, wenn das Kind sozusagen bereits in den Brunnen gefallen ist.

Gerade in diesen Bereichen Lernen, Verhalten aber auch Sprache wäre der Ansatz der Prävention von zentraler Bedeutung - also Beratung und Intervention bereits in der Kita und die verbindliche Vernetzung der beiden Systeme. Und gerade hier hakt es einfach, weil kein strukturierter Übergang zwischen Kita und Schule vorgesehen ist, obwohl beide Systeme einem Ministerium unterliegen.

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SWR Aktuell: Da stellt sich die Frage, ob reguläre Grundschulen in Rheinland-Pfalz überhaupt darauf vorbereitet sind, Kinder mit Förderbedarf angemessen zu fördern?

Holger Schäfer: Wir müssen hier unterscheiden zwischen klassischen Grundschulen und sogenannten Schwerpunktschulen, an denen Förderschullehrkräfte vor Ort sind. Diese können beraten und unterstützen.

Aber auch auf diese Schulen kommen enorme zusätzliche Aufgaben zu. Die Klassen sind nicht kleiner geworden, die pädagogischen Aufgabenstellungen grundsätzlich nicht weniger - Stichwort Neurodiversität.

Auch im Zuge von Flucht und Migration sind die Klassen heterogener und der Sprachförderbedarf insgesamt ist größer geworden. Das stellt die Grundschulen vor große Aufgaben und bringt sie oft an ihre Grenzen.

SWR Aktuell: Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern?

Holger Schäfer: Einer solche komplexen Thematik können wir nicht mit einfachen Lösungen begegnen, hier sind differenzierte Lösungen auf allen Systemebenen gefragt - Kind, Schule, Schulbehörde (ADD), Ministerium.

Wir empfehlen Studien folgend für alle Grund- und weiterführenden Schulen, beispielsweise Realschulen PLUS, deutlich kleinere Klassen und eine kontinuierliche  Doppelbesetzung im Unterricht, das müssen nicht immer Förderschullehrkräfte sein, das können je nach Situation auch ausgebildete Pädagoginnen und Pädagogen sein - wichtig wären hier verlässliche Planungen mit einer nicht unmittelbar an Schülerzahlen gebundenen Personalisierung.

Zudem müssen die Schulleitungen insbesondere an den Grundschulen stärker unterstützt und entlastet werden. Es kann nicht sein, dass ein Schulleiter in der Grundschule das Sekretariat, die Haustechnik und die Schulleitung zu stemmen und neben statistischen Fragestellungen noch eine Klassenleitung zu übernehmen hat. Solche Verhältnisse würden sie in keinem anderen Betrieb in der Form finden - von Grundschulen wird dies aber erwartet.

SWR Aktuell: Für Kinder mit sozial-emotionalem Förderbedarf, die immer anecken oder denen das Verfolgen des Unterrichts schwerfällt, gibt es in Rheinland-Pfalz ausschließlich private Förderschulen?

Holger Schäfer: Ja, die wenigen Angebote sind alle in privater Trägerschaft, da wäre beispielsweise die Diakonie zu nennen. Die Plätze sind begrenzt und diese Schulen entscheiden nach Privatschulgesetz selbst, wen sie aufnehmen oder nicht. Diese Schulen verlangen zudem immer - ambulante oder stationäre - Maßnahmen der Jugendhilfe, die wiederum bei den Kommunen angesiedelt sind, es kommen also zahlreiche Akteure zusammen.

Das ist aus verschiedenen Gründen herausfordernd und nicht selten problematisch. Besser wäre es, wenn das Land eigene Schulen vorhalten würde, statt diese zentrale Aufgabenstellung dem privaten System zu überlassen.

SWR Aktuell: Die neue Schulordnung will die Inklusion voranbringen - kann das mit der aktuellen Fassung gelingen?

Holger Schäfer: Mit Verweis auf die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention sind die Fortschreibungen der genannten Schulordnungen unter inklusiven Gesichtspunkten folgerichtig - dass man diese jedoch ohne die Expertise der Schulen ausgestaltet und auch ohne wissenschaftliche Begleitung erlässt, erscheint mir eher problematisch.

Mir ist zum Beispiel trotz zahlreicher Netzwerke keine Person aus der schulischen Praxis bekannt, die an der neuen Förderschulordnung oder Inklusionsordnung mitgearbeitet hat.

Schulische Inklusion ist ein hoch anspruchsvolles und damit kostenintensives Dauer-Projekt.

Dies führt dann zu solchen Effekten, die wir aus den Grundschulen hören. Viele Lehrkräfte berichten sehr konkret von Situationen, in denen Unterricht sowie Maßnahmen der individuellen Förderung kaum noch möglich sind und dies dann zu Lasten aller Kinder geht.

Schulische Inklusion ist ein hoch anspruchsvolles und damit kostenintensives Dauer-Projekt - ein Projekt, das man auch mit allen beteiligten Personen und zudem mit allen beteiligten Schülerinnen und Schülern Schritt für Schritt gehen muss.

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Ursula Barzen

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