Die zehnjährige Emely steht an der Kante eines Abhangs im Wald bei Bad Neuenahr-Ahrweiler. Gerade hat sie sich den Klettergurt angezogen. Jetzt wird der Karabiner am Seil eingehängt, an dem sie sich gleich selbst den Hang herunter abseilen soll. "Ich habe ein bisschen Höhenangst", sagt sie, kurz bevor es losgehen soll. Ob sie es schaffen wird, weiß sie noch nicht.
Durch "Stark wie die Ahr" sollen Kinder Selbstvertrauen bekommen
Emely ist eines von rund 20 Kindern bei der Herbstfreizeit "Stark wie die Ahr" der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Die Sieben- bis Elfjährigen sind jeden Tag draußen unterwegs. Das Projekt haben Tanja König, die Leiterin des AWO Quartierstreffs und der Fluthilfe in Bad Neuenahr-Ahrweiler und ihr Team extra für die jungen Menschen im Ahrtal ins Leben gerufen.
Kinder im Ahrtal brauchen auch fünf Jahre nach der Flut noch Hilfe
In dieser Woche sollen sie entdecken, was in ihnen steckt. Etwa Mut oder Fürsorge, die ihnen helfen, in schwierigen Situationen gut durchzukommen. Gefördert wird die Freizeit über das Bündnis "Aktion Deutschland Hilft". Mehr als fünf Jahre nach der Flut merkt die AWO in Sozialberatungen, dass viele Menschen noch Hilfe brauchen. Gerade Kinder hätten erlebt, dass ihre Eltern in hilflosen Situationen waren, das wirke bis heute nach. Deshalb solle ihnen in der Freizeitwoche gezeigt werden, dass sie auf sich selbst vertrauen können.
Ein Erste-Hilfe-Kurs zur Selbsthilfe
Am Vormittag stand für Emely und die anderen Kinder ein Erste-Hilfe-Kurs auf dem Programm. Im Wald könne man über Wurzeln stolpern oder auf nassem Boden ausrutschen, erklärt Harald Kopp den Kindern. Sie sollen lernen, wie sie kleine Verletzungen selbst versorgen können. Für Kopp ist wichtig, dass die Kinder lernen, sich etwas zuzutrauen und im Ernstfall nicht zu erstarren, sondern zu handeln. Kopp ist Erzieher in einer Kita in Neuwied und Erlebnispädagoge. Die Kinder legen Kompressen auf und wickeln sich gegenseitig Verbände. Emely gefällt das. "Ich fühle mich wie eine Ärztin", sagt sie.
Mut haben, selbstbewusst sein, das ist für Harald Kopp der Kern der Woche. Viele junge Menschen würden an sich selbst zweifeln und denken: 'Das schaffe ich sowieso nicht.' Genau dagegen sollen die Erlebnisse in der Abenteuerwoche helfen. Aufgaben mit Überwindung wie Abseilen am Hang würden ihnen Selbstwertgefühl geben, sagt Kopp.
So wie bei Emely. Die Zehnjährige hat ihre Angst überwunden und sich abgeseilt. "Es war schon steil, aber nicht so schlimm. Ich hätt's mir schlimmer vorgestellt", sagt sie. Und als sie und ihre Freundin Celine dann unten angekommen sind, wird sich erstmal umarmt und ein "High Five" geschlagen. "Ich bin stolz auf mich", sagt Emely.