Als Jonas Wolf plötzlich etwas in seiner Baggerschaufel aufblitzen sah, dachte er zunächst, es könnte eine Zeitkapsel sein. Denn der Landschaftsgärtner war gerade dabei, die letzten Stücke einer Bodenplatte auszuheben. Sie gehörte zu einem Brückenbauwerk am Rheinufer in Oberwesel, das abgerissen werden sollte. Als er die Flasche entdeckte, stellte er die Arbeit ein. "Da hatte ich Glück, dass sie noch ganz war", sagt er eine Woche später im Gespräch mit dem SWR.
Beim näheren Anschauen der Flasche konnte er sehen, dass sich darin ein Papierstück befand: "Nur die Jahreszahlen konnte man erkennen und dass hinten drauf was geschrieben war", erinnert er sich. Auch wenn die Versuchung groß war, die Flasche selbst zu öffnen, gab er sie bei seinem Bauleiter ab - der sie dem Stadtbürgermeister Jan Zimmer überreichte.
Flaschenpost beim Öffnen zerbrochen
In der Tourist-Information wurde der Flasche zu Leibe gerückt: "Wir haben versucht, den Inhalt ganz vorsichtig rauszuziehen - mit Pinzette und so. Hat aber leider nicht so ganz gefruchtet", erzählt Zimmer. Das Papier sei feucht gewesen und schließlich eingerissen, sodass ein anderer Plan her musste. Schließlich entschied man sich dazu, die Flasche zu zerbrechen.
Was Zimmer und seine Mitarbeiterinnen in der Flasche fanden, ließ sie staunen und auch etwas schmunzeln: In der alten Sektflasche steckte die Mittagskarte eines Rheindampfers, die auf den 16. Juli 1958 datiert ist (die Rhein-Zeitung berichtete). Demnach gab es an diesem Tag auf der "Drachenfels" unter anderem "Wellfleisch, dicke junge Bohnen und Salzkartoffeln" für zwei Deutsche Mark.
Notiz auf der Rückseite von Speisekarte aus dem Jahr 1958
Auf der Rückseite der Karte gab es eine handschriftliche Notiz. Diese zu entziffern war jedoch gar nicht so einfach. Zum einen, weil die Schrift so verschnörkelt war, zum anderen, weil sie auf Französisch verfasst war. Nach der Übersetzung geht Zimmer davon aus, dass ein junges Ehepaar auf der Suche nach Brieffreunden die Flaschenpost verschickt hat.
Jan Zimmer hat auch eine Idee, wie das Ganze wohl vonstatten gegangen sein könnte: "Ich geh' davon aus, die hatten eine feuchtfröhliche Schifffahrt und haben vielleicht sogar die Flasche Sekt auf diesem Schiff leergetrunken und kamen dann auf die Idee, mit der Speisekarte, die auf dem Tisch lag, diesen Brief zu schreiben und mit der Flasche in den Rhein zu werfen."
Flaschenpost lag im Trend
Diese Vermutung kann Heinz Krämer nur unterstützen. Der 91-Jährige war in den 1950er-Jahren Matrose auf dem Dampfschiff "Drachenfels" und kann sich daran erinnern, dass Flaschenpost-Schreiben in dieser Zeit sehr beliebt war. "Das war Gang und Gäbe, dass Flaschenpost angeschwemmt wurde. Mit allem möglichen verrückten Kram drin." Die Notiz auf der Rückseite der Speisekarte bezeichnet er hingegen als Rarität.
Stadtbürgermeister Jan Zimmer sieht das ähnlich: "Wir waren total überrascht und total erfreut, dass bei uns bei Bauarbeiten ein so altes Dokument gefunden worden ist." Was damit passiert, ist noch nicht ganz klar. Zimmer überlegt, die alte Speisekarte mit der Notiz dem Stadtmuseum zur Verfügung zu stellen. Außerdem versucht er, die Absender der Flaschenpost - oder deren Nachkommen - ausfindig zu machen, um herauszufinden, wie sich das Ganze wirklich zugetragen hat.