Zeitzeuge aus Zweibrücken hat Nazizeit als Teenager erlebt

"Stimmung im Keller war schlimmer als die Angst vor dem Luftangriff"

Seine Teenagerzeit wird von der Hitlerjugend und dem Zweiten Weltkrieg bestimmt. Als immer mehr Bomben auf Zweibrücken fallen, muss Heinz Weinkauf mit seiner Familie fliehen.

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Wie ist es, als Teenager die Nazi-Zeit zu erleben und nach dem Krieg in eine vollkommen zerstörte Stadt zurückzukommen? Es gibt nicht mehr viele Menschen in Zweibrücken, die man das fragen kann. Zeitzeuge Heinz Weinkauf (95) gibt im SWR-Interview preis, wie er die Zeit erlebt hat.

Zweiter Weltkrieg: Familie aus Zweibrücken wird mehrmals evakuiert

Der kleine Heinz wächst im Zweibrücker Wohngebiet "Auf den Wacken" auf, geht zur Schule und in die Hitlerjugend. Dann beginnt der Zweite Weltkrieg, der Vater der Familie wird eingezogen und die Nazis evakuieren die "Rote Zone" entlang der Westgrenze. Auch Heinz Weinkauf sucht zu der Zeit mit seiner Mutter Zuflucht bei den Großeltern in Rockenhausen.

Später, während die Alliierten im Winter 1944/45 Zweibrücken bombardieren, wird die Familie nach Bayern evakuiert und kehrt erst nach Kriegsende in ihre völlig zerstörte Heimatstadt zurück.

SWR Aktuell: Herr Weinkauf, Sie haben als Kind und Jugendlicher die Nazi-Zeit in Zweibrücken erlebt. Wie ging es Ihnen, als Teenager in der Hitlerjugend (HJ)?

Heinz Weinkauf: Also das Jungvolk (Gruppe für Jungen zwischen 10 und 14) habe ich gehasst. Da wurde man Samstagfrüh über den Exerzierplatz gejagt: exerzieren, hinlegen, aufstehen. Und wenn einer gefehlt hat, wurde ein "Rollkommando" losgeschickt, die haben den Jungen dann daheim abgeholt und "gebimst" (angetrieben). Mit 14 wurden wir dann in der Festhalle auf den Führer verpflichtet. Danach war ich bei den HJ-Segelfliegern, da haben wir das Morse-Alphabet und was über's Fliegen gelernt. Das war spannend. Doch im Sommer 1944 durften wir dann nicht mehr zur Schule, sondern mussten zum HJ-Schanz-Einsatz nach Saarwelligen: Panzergräben ausheben.

Schwarz-Weiss-Foto einer Familie, Mutter mit zwei Kindern vor einem Baum. (Zeitzeuge Heinz Weinkauf blickt zurück auf die Bombardierung und zerstörte Stadt Zweibrücken vor gut 80 Jahren.)
Als Teenager wird Heinz Weinkauf (r.) mit seiner Mutter und seiner kleinen Schwester aus Zweibrücken evakuiert. Sie suchen im Winter 1944/45 in Unteroberndorf bei Bamberg in Bayern Schutz. Nach der massiven Bombardierung vor gut 80 Jahren kommen sie nach Kriegsende in eine zerstörte Stadt zurück.

SWR Aktuell: Im Herbst dann gab es in Zweibrücken regelmäßig Luftalarm. Wie haben Sie diese Zeit empfunden?

Weinkauf: Das war alles andere als eine geruhsame Zeit. Man hat sich daran gewöhnt, dass man nie wusste, ob man sich nochmal wiedersieht. Einmal lief ich zur Schule, dann kam der Alarm. Ich habe gar nicht so viele Erinnerungen, weil man damals ständig beschäftigt war, entweder mit einem Fliegeralarm oder weil man was zum Essen besorgen musste. Man war ständig in Aktion.

SWR Aktuell: War diese Zeit belastend?

Weinkauf: Es war aufregend und auch belastend. Aber man hat es auch überwunden. Es kommt immer auf die persönliche Einstellung an. Wenn Sie versuchen, positiv zu denken, wird manches leichter erlebbar als anderes.

SWR Aktuell: Als die Luftangriffe 1944 losgingen, wo haben Sie da in Zweibrücken Schutz gesucht?

Weinkauf: Zunächst ging man in den eigenen Keller. Und als dann die großen Keller unter dem Himmelsberg wiederentdeckt wurden, ging man bei Fliegeralarm in diese Keller. Und dort hat man sich wirklich sicherer gefühlt als in den Hauskellern. Da war ja praktisch eine kleine Stadt untergebracht. Da gab's eine Abteilung des Krankenhauses. Die Feuerwehr war da und die Polizei.

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SWR Aktuell: Der Himmelsbergstollen soll ja von Zwangsarbeitern zum Luftschutzbunker ausgebaut worden sein. Haben Sie Erinnerungen an Zwangsarbeiter in der Stadt?

Weinkauf: Ja, das war ein seltsamer Übergang. Fremdarbeiter hatten wir in der Stadt schon lang vor dem Krieg. Und zwar haben Ende der dreißiger Jahre sehr viele Arbeiter aus Deutschland den Westwall hier in der Roten Zone gebaut. Das waren Bauarbeiter, die verpflichtet wurden. Fremdarbeiter gab's dann auch während des Kriegs, als die Gefangenen benutzt wurden zu Arbeitseinsätzen.

SWR Aktuell: Waren die Teil der Stadt-Gesellschaft?

Weinkauf: Nein. So wie ich mich erinnere, waren die in Lagern untergebracht. Kontakt mit der Bevölkerung gab es nicht. Im Gegenteil: Wenn man mal einem Russen ein Brot zusteckte und jemand hat das gesehen, wurde man sofort gerügt.

SWR Aktuell: Als sich die Lage im Dezember 1944 weiter zugespitzt hat, haben Sie mit ihrer Mutter und Schwester ja die Stadt verlassen.

Weinkauf: Wir waren in Unteroberndorf in der Nähe von Bamberg untergebracht. Einmal gab es da einen Fliegeralarm und wir mussten in den Keller. Doch meine kleine Schwester hat nach ihrer Puppe geweint. Da bin ich raus aus dem Keller und habe in einem nahegelegenen Haus die Puppe geholt. Auf dem Rückweg über die Wiese habe ich einen Abschuss in der Luft über mir gehört und bin gerannt. Und gerade als ich die Kellertür hinter mir zugemacht habe, ist vor der Tür draußen eine Bombe eingeschlagen.

SWR Aktuell: Wie kann ich mir die Atmosphäre in so einem Bunker vorstellen?

Weinkauf: Also in dem kleinen Keller in diesem katholischen Dorf gab's schon Panik. Die Frauen haben stundenlang Rosenkranz gebetet, das hat mich so nervös gemacht. Die Stimmung im Keller war schlimmer als die Angst vor dem Luftangriff. Im Himmelsbergstollen in Zweibrücken war es aber nicht so schlimm.

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SWR Aktuell: Wie war es, nach Kriegsende zurück in das zerstörte Zweibrücken zu kommen?

Weinkauf: Es war unvorstellbar, was ich da gesehen habe: Die Innenstadt war ein einziger Trümmerhaufen, und zwar in der Ausdehnung von 300 oder 500 Metern. Es war nichts mehr da außer Schutt und Trümmern. Über der Stadt lag ein derart gleißendes Licht durch den Staub, in dem sich die Sonne gespiegelt hat – uns haben die Augen getränt.

SWR Aktuell: Wie haben die Zweibrücker das Kriegsende und den Sieg der Alliierten wahrgenommen? War ihnen bewusst, dass das Deutsche Reich den Krieg auch begonnen hatte?

Weinkauf: Wenn ich ehrlich sein muss: Das Wort Befreiung gab es damals leider noch nicht. Obwohl es so war. Die Zerstörung der Stadt war deprimierend und erschütternd. Man fühlte sich vom Krieg gebeutelt. Aber es war eigenartig, es war eine Atmosphäre und Stimmung, in der Hoffnung war. Man hatte die Hoffnung: Es geht weiter.

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SWR Aktuell: Wussten Sie, was mit Ihrem Vater war?

Weinkauf: Ein amerikanischer Soldat hat angedeutet, dass mein Vater tot sein könnte. Das habe ich aber für mich behalten und nicht meiner Mutter erzählt. Tatsächlich hatte ein Soldat in Frankreich meinem Vater in den Fuß geschossen. Aber er ist 1946 wiedergekommen.

SWR Aktuell: In Zweibrücken ging dann bald der Wiederaufbau los. Wie ging es für Sie nach dem Krieg weiter?

Weinkauf: Jedes Haus, das wieder aufgebaut wurde, war ein Ereignis. Für mich fing irgendwann in 1945 dann wieder die Schule an. 1949 habe ich dann Abitur gemacht. Ans Studium war nicht zu denken, zumal kurz vorher gerade die Währungsreform war. Ich hatte das Glück, dass der Pfälzische Merkur 1950 gerade wieder erschienen ist und ich da eine Volontärsstelle bekam. Ich war zehn Jahre beim Merkur und dann dreißig Jahre bei der Saarbrücker Zeitung und habe alles Mögliche geschrieben, auch mal ein Hörspiel.

SWR Aktuell: Und haben Sie das immer gern gemacht?

Weinkauf: Ja, heute noch!

SWR Aktuell: Vielen Dank, dass Sie uns mit in diese Zeit genommen haben.