SWR-Interview mit Marco Schneider

Schulleiter in Kusel wird von rechtsextremem Magazin angefeindet

Der Schulleiter des Siebenpfeiffer-Gymnasiums in Kusel wird seit einer Demonstration für Demokratie im vergangenen Jahr von dem rechtsextremen Magazin "Compact" angefeindet. Wie er damit und generell mit dem Hass im Netz umgeht, erzählt er im SWR-Interview.

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Von Autor/in Nadine Lindacher

Im Februar 2025 hat Marco Schneider (SPD) in Kusel, zusammen mit seinen Schülern, an einer Demonstration für Demokratie teilgenommen. Zeitgleich fand damals in Kusel eine AfD-Veranstaltung statt. Nach der Demonstration hat sich das rechtsextreme Magazin "Compact" auf den Lehrer eingeschossen und ihm vorgeworfen, seine Schüler zu einem Antifa-Protest geführt zu haben. Gegen das Magazin ist ein Strafbefehl ergangen, wegen falscher Behauptungen und übler Nachrede.

SWR Aktuell: Herr Schneider, zum Einstieg, sind Sie politisch aktiv?

Marco Schneider: Ich bin seit über zehn Jahren in der SPD. Bin damals auch sofort politisch aktiv geworden, indem ich mich kommunalpolitisch engagiert habe. Aber das passiert auch relativ schnell, wenn man heutzutage in der Partei eintritt, dass man dann gleich auch gefragt wird, ob man sich politisch engagieren möchte. Hat gut gepasst, hat Spaß gemacht und seitdem bin ich dabei.

SWR Aktuell: Sehen Sie irgendwelche Überschneidungen mit Ihrer Parteimitgliedschaft und Ihrer Funktion als Schulleiter? Das ist ja einer der Punkte, der Ihnen von dem rechtsextremen Magazin "Compact" vorgeworfen wird.

Schneider: Nein, sehe ich überhaupt nicht. Ich finde es gut, wenn sich Schulleiterinnen und Schulleiter auch politisch engagieren in demokratischen Parteien. Wieso denn nicht? Denn letztendlich, nach unserem Grundgesetz, basieren ja auch unsere Demokratiebildungselemente auf Parteien. Ich finde, dass sich noch viel, viel mehr Menschen einer Partei anschließen sollten. In meinem Gedankenbereich natürlich im Spektrum der Parteien, die auch für die Demokratie stehen.

SWR Aktuell: Im Februar 2025 haben Sie zur Teilnahme auch von Schülern aufgerufen, an einer Demonstration für Demokratie in Kusel teilzunehmen. Parallel hierzu fand eine AfD-Veranstaltung statt, bei der damals auch Alice Weidel vor Ort war. Danach kam das rechtsextreme Magazin "Compact" und hat Sie dafür kritisiert und angefeindet. Was ist denn danach passiert?

Schneider: Dieses rechtsextreme Magazin "Compact" hat ja immer im Einklang mit der Partei AfD zusammen agiert. Es gab Berichterstattungen mit der lokalen Kandidatin der AfD. Das heißt singulär, von "Compact" selbst, kam da nichts, sondern immer im Zusammenspiel mit der AfD. Dann wurden seitens des Magazins wohl kleine Social Media Schnipsel und später ein 20-minütiges Youtubevideo veröffentlicht, das dann strafrechtlich relevante Inhalte hatte. Beleidigungen oder auch Dinge, die mein Persönlichkeitsrecht verletzt haben. Da fühlte ich mich aber die ganze Zeit über sehr gut geschützt, weil die Polizei mir da die Arbeit abgenommen hat.

Schulleiter Marco Schneider wird wegen einer Deomstration von rechten Gruppen angefeindet.
Marco Schneider ist Schulleiter hier am Siebenpfeiffer-Gymnasium in Kusel.

SWR Aktuell: Das ist ja auch heute wohl noch so, dass Sie Beleidigungen bekommen, die zum Teil auch per Brief hier an die Schule geschickt werden. Herr Schneider, wie gehen Sie denn mit dem Hass und den Bedrohungen um? Was macht das mit Ihnen?

Schneider: Also grundsätzlich bleibe ich, wenn so ein neues Element auftaucht, immer sehr entspannt. Da sprechen mich auch viele Menschen an, wie man überhaupt so entspannt sein kann. Das kann ich Ihnen nicht genau sagen. Ich sage immer, dass ich anscheinend mit einer großen Portion Resilienz ausgestattet bin. Ich gehe da grundsätzlich sehr zeitschonend und auch sehr effizient und professionell damit um.

Ich mache Screenshots oder ich leite diese Asservate, wenn es Briefe sind, direkt an die entsprechenden Polizeidienststellen weiter und die kümmern sich darum. Manche Leute sortieren mir das sogar schon vor, sodass das Strafrechtliche da bereits vorgefiltert ist. Ich investiere sehr wenig Zeit in dieser Sache.

SWR Aktuell: Und da ist auch kein Gefühl der Unsicherheit, das Sie mit nach Hause nehmen, das sicherlich viele andere Leute hätten an Ihrer Stelle?

Schneider: Ja, in etlichen Gesprächen erfahre ich, dass viele Leute da Unsicherheiten verspürten. Ich selbst verspüre die tatsächlich überhaupt nicht und das hängt auch so ein bisschen an meiner Familienstruktur. Meine Töchter sind auch sehr politisiert und engagiert und kämpfen für Meinungsfreiheit und entsprechende Rechte nach dem Grundgesetz und finden es eigentlich auch toll, wenn ich mich da so engagiere. Also ich kriege da eine sehr große Rückendeckung. Deshalb, mir macht das auch einfach gar nichts aus.

SWR Aktuell: Die Schulaufsichtsbehörde ADD hat Ihren Fall auch beobachtet und geprüft und Ihnen bescheinigt, dass Ihre Teilnahme an der Demonstration für Demokratie absolut gedeckt ist und Sie da keine strafrechtlich relevanten Sachen missachtet hätten. Auch der Ministerpräsident hat sich damals dazu geäußert und Sie unterstützt. Wie waren denn und wie sind auch heute noch die Reaktionen aus dem Kollegium, von Schülern, von Eltern?

Schneider: Regional betrachtet habe ich bisher immer nur 100 Prozent positive Rückmeldungen bekommen. Also nicht nur ganz lokal, jetzt im Kollegium oder unter der Schülerschaft, sondern auch aus der ganzen Region. Das heißt, dieser Shitstorm, der da existiert, der kommt wohl von irgendwo anders her aus Deutschland, organisiert von diesen Netzwerken. Aber hier regional hat mich noch bisher kein einziger Mensch negativ angesprochen, sondern es gibt eine riesen Welle der Solidarität. Ist mir teilweise auch schon unangenehm, weil mir geht es ja gar nicht schlecht. Aber es ist natürlich sehr nett, wenn die Menschen sich mit meinem Handeln identifizieren können.

Auch der ADD-Präsident beispielsweise sagte, das man geradezu aufstehen muss für die Demokratie. Und das hat halt überhaupt nichts damit zu tun, was mir hier immer fälschlicherweise vorgeworfen wird, dass ich nicht neutral sei. Man darf es gar nicht. Also man darf nicht neutral sein gegen demokratiefeindliche Strömungen. Insofern habe ich einfach nur meine Pflicht getan und werde das immer weiter tun. Ich habe ja quasi auf das Grundgesetz und auf die Landesverfassung geschworen und damit bin ich ein Verteidiger der Demokratie und werde auch immer weiterhin für solche Demonstrationen aufrufen.

SWR Aktuell: Jetzt am Wochenende steht wieder eine Demonstration für Demokratie in Kusel an, parallel dazu gibt es auch wieder eine AfD-Veranstaltung. Gleiches Bild wie vor rund einem Jahr. Wie gehen Sie heute damit um?

Schneider: Das ist natürlich jetzt schon quasi eine innere Verpflichtung, gerade weil es diese Diskussionen im Vorfeld gab. Natürlich dazu aufzurufen, was ich auch schon getan habe und werde das auch weiterhin immer wieder tun. Denn ich habe ja von allen Ebenen immer den Rücken gestärkt bekommen. Da gab es ja niemals eine Kritik. Ich muss dazu aufrufen, das ist meine Verpflichtung. Ich kann nur alle anderen Schulleiterinnen und Schulleiter landauf, landab dazu ermutigen, das gleiche zu tun. Weil einfach den Kopf in den Sand zu stecken, das geht einfach nicht.

SWR Aktuell: Hasskommentare und Mobbing nehmen generell seit Jahren zu. Auch mit der immer häufigeren Nutzung von Onlineportalen, von sozialen Medien. Beobachten Sie diese Entwicklung auch bei Ihren Schülern? Gibt es da Handlungsweisen, die Sie Ihren Schülerinnen oder Schülern mitgeben können?

Schneider: Wir versuchen sehr früh zu beginnen mit Elementen, die dem entgegenwirken. Schon in den fünften Klassen beginnen wir mir der Implementierung eines Klassenrats. Das heißt, hier gibt es die ersten demokratischen Strukturen. Das führt schon zu viel Verständnis und zu weniger aufkommenden Problemen, was dann zu weniger Mobbing führen sollte. Im besten Fall. Aber wir können uns natürlich nicht frei machen von Mobbing. Mobbingfälle gibt es natürlich auch bei uns, sowohl im klassischen Sinn als auch im Cybermobbing-Bereich. Da muss man halt entsprechend reagieren, wenn man die Fälle identifiziert. Ich glaube, hier gibt es auch bei uns noch Baustellen.

Wenn sowohl Täter als auch Opfer nicht an jemanden herantreten und das heimlich passiert, dann identifizieren wir solche Vorfälle manchmal einfach zu spät. Auch hier kann ich nur appellieren, wenn Eltern da etwas merken, sofort an uns heranzutreten. Wir decken auch Mobbingfälle erfolgreich auf. Wir haben gerade im letzten Halbjahr so etwas auch in höheren Klassen identifiziert und bearbeitet.

Es gibt Verbindungslehrkräfte, an die man sich wenden kann. Wünschenswert wäre allerdings auch, wenn es an jeder Schule zusätzlich einen Schulsozialarbeiter gäbe.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview wurde redaktionell gekürzt.

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Nadine Lindacher
Bild von Nadine Lindacher, Redakteurin im SWR Studio Kaiserslautern

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