Rotkäppchen, Schneewittchen, Aschenputtel oder Frau Holle – die meisten Menschen kennen die Märchen der Brüder Grimm aus ihrer Kindheit. Die Ausstellung im Forum ALTE POST in Pirmasens zeigt diese Geschichten aber nicht nur als Texte, sondern vor allem als Bilderwelten. Zu sehen sind alte Bilderbogen, feine Schwarz-Weiß-Zeichnungen, Scherenschnitte, Buchcover aus verschiedenen Ländern und moderne Märchenbilder.
Gerade das macht den Rundgang spannend: Viele Figuren erkennt man sofort wieder — und sieht sie trotzdem anders. An einer Stelle erinnert ein Schneewittchen-Bild sogar an das letzte Abendmahl: Schneewittchen sitzt dort gemeinsam mit den sieben Zwergen und fünf kleinen Tieren an einem Tisch. Solche Details zeigen, wie sehr Märchenbilder auch mit Kunstgeschichte, Zeitgeschmack und Popkultur zu tun haben.
Blick in die Sammlung der Brüder-Grimm-Gesellschaft
Konzipiert wurde die Ausstellung von Dr. Bernhard Lauer, dem Geschäftsführer der Brüder-Grimm-Gesellschaft in Kassel. Die Gesellschaft sammelt, erforscht und vermittelt Leben, Werk und Wirkung der Brüder Grimm — von den Märchen über Sprachforschung bis zur politischen Geschichte der Familie. Für die Ausstellung in Pirmasens hat sie eine Auswahl aus ihrer Sammlung zusammengestellt.
Der Rundgang führt von Porträts und Familienszenen über Stadtansichten und Buchpublikationen bis zu den Märchen selbst. Im Mittelpunkt stehen die "Kinder- und Hausmärchen" — und die Frage, was nach ihrer Veröffentlichung mit ihnen passiert ist. Denn als die ersten Bände 1812 und 1815 erschienen, waren sie zunächst noch unbebildert. Erst später entstand um die Märchen eine eigene Bildwelt: von frühen Illustrationen und Bilderbogen bis zu modernen Märchenbildern.
Die Spannweite der Ausstellung reicht von frühen europäischen Märchenvorläufern aus Italien und Frankreich bis zu Arbeiten aus dem 21. Jahrhundert. Lauer nennt als wichtige Stationen Italien um 1550, Neapel 1634 und Frankreich 1697. Die ältesten Bilder in der Ausstellung stammen aus dem frühen 19. Jahrhundert, die neueren Arbeiten reichen bis etwa 2013.
International unterwegs: Von Tokio über Wissembourg nach Pirmasens
Die Grimm-Märchen sind längst nicht nur deutsche Erzählungen. Lauer erzählt, dass Kassel im Ausland nicht überall bekannt sei. Bei den Brüdern Grimm sei das anders: "Fairy Tales" — das verstehe man sofort. Auch die Ausstellung der Brüder-Grimm-Gesellschaft war laut Lauer schon international unterwegs — unter anderem in Tokio, Korea, Kasachstan, Russland und Amerika.
Dass die Grimm-Ausstellung gerade in Pirmasens gezeigt wird, passt deshalb auch wegen der Nähe zu Frankreich. Viele Märchenstoffe sind europäisch geprägt. In der Ausstellung sind französische Bilderbogen aus Wissembourg im Elsass zu sehen, die Tafeln sind außerdem auch auf Französisch beschriftet.
Lauer spricht von einer "orientalisch-französisch-italienischen Tradition", aus der viele Märchenstoffe stammen. Der gestiefelte Kater etwa komme ursprünglich aus der italienischen Überlieferung, gehe dann nach Frankreich zu Charles Perrault und lande schließlich bei den Brüdern Grimm. Auch bei Rotkäppchen, Aschenputtel, Blaubart oder Hänsel und Gretel spiele die französische Überlieferung eine wichtige Rolle.
Eine besondere Bedeutung hatten dabei Hugenottenfamilien wie die Familie Hassenpflug. Aus ihrem Umfeld übernahmen die Grimms mehrere Märchenstoffe. Lauer sagt dazu: "Das sind eigentlich französische Märchen, die sie dann aber in ihrer Form präsentieren."
Besondere Stücke: Kinderzimmer-Fries und moderne Märchenbilder
Zu den besonderen Exponaten gehört ein Märchenfries aus einem Berliner Kinderzimmer. Er stammt aus dem Jugendstil, aus der Zeit um 1913/14, und zeigt Märchen- und Sagenmotive wie Schneewittchen, Dornröschen, Rotkäppchen und den Rattenfänger von Hameln. Märchen waren damit nicht nur Stoffe aus Büchern, sondern auch Teil von Alltagskultur — als Bilderwelt an der Wand.
Daneben zeigt die Ausstellung auch einen deutlichen Sprung in die Gegenwart. Aus Holland kamen nach Angaben Lauers 50 kleine Märchenbilder, die auf Vorlagen des hessischen Jugendstil-Illustrators Otto Ubbelohde basieren. Darin wurden historische Märchenbilder mit "modernen, so mangaartigen Figuren" kombiniert. Genau solche Gegensätze machen den Besuch interessant: Man sieht Märchen nicht nur als alte Texte, sondern als Stoffe, die immer wieder neu aussehen können.
Mehr als Märchen: Die Brüder Grimm als Forscher und politische Köpfe
Die Ausstellung zeigt außerdem, dass Jacob und Wilhelm Grimm nicht nur Märchensammler waren. Sie waren Sprachforscher, beschäftigten sich mit deutscher Grammatik, alt- und mittelhochdeutscher Literatur und arbeiteten am Deutschen Wörterbuch. Die "Kinder- und Hausmärchen" wurden später in mehr als 200 Sprachen übersetzt. Lauer ordnet sie neben der Lutherbibel als eines der weltweit erfolgreichsten Werke der deutschen Literaturgeschichte ein.
Auch politisch spielten Jacob und Wilhelm Grimm eine Rolle. Sie gehörten zu den Göttinger Sieben, die 1837 gegen die Aufhebung der Verfassung im Königreich Hannover protestierten. Die Brüder verloren daraufhin ihre Stellen. Jacob Grimm saß später in der Frankfurter Paulskirche, in der ersten deutschen Nationalversammlung. Der jüngere Bruder Ludwig Emil Grimm hatte wiederum eine andere Bedeutung für die Märchen: Er war Künstler und gilt als erster Illustrator der "Kinder- und Hausmärchen". Mit seinen Zeichnungen begann der Erfolg der kleinen Märchenausgabe von 1825.
Warum Grimms Märchen bis heute funktionieren
Dass Grimm-Märchen bis heute gelesen, erzählt und immer wieder neu bebildert werden, liegt für Lauer nicht nur an ihrer Kürze und ihrem klaren Aufbau. Es liegt auch an dem, was in vielen Märchen verhandelt wird: Ungerechtigkeit, Verlust, Bewährung — und am Ende oft die Hoffnung, dass sich etwas zum Guten wenden kann.
Für Lauer steckt darin eine Botschaft, die bis heute funktioniert: "Wenn du in deinem Leben gerecht bist, wenn du der Wahrheit verpflichtet bist, dann kommst du zum Erfolg", sagt er. Sein eigenes Lieblingsmärchen ist "Der Krautesel" — ein Märchen, das heute kaum jemand kennt. Darin wird ein Mann betrogen, verliert alles und zieht hungrig durch die Welt. Als er von einem Feigenbaum isst, "wachsen ihm lange Ohren und eine lange Nase", erzählt Lauer. Später findet die Figur einen Weg, alles wieder rückgängig zu machen. Am Ende gebe es "die Mittel der Macht, um seine Gegner zu besiegen" — "und dann gibt es ein Happy End".
Die Grimm-Ausstellung "Es war einmal… Die Brüder Grimm und ihre Märchenwelt" ist vom 5. Juli bis zum 16. August im Forum ALTE POST in Pirmasens zu sehen.