Es beginnt mit dem Anruf einer besorgten Mutter beim SWR. Ihre eigentlich sehr sportliche Tochter wolle "schnell ein paar Kilo abnehmen" und habe sich im Internet eine Abnehmspritze besorgt. Und zwar über die Plattform DoktorABC. "Dort hat ihr ein Arzt die Spritze verschrieben. Stellen Sie sich das mal vor: Er hat meine Tochter nie gesehen. Kein Videocall, kein Foto - gar nichts. Ich war total schockiert." Soweit die Mutter.
Ein Fragebogen führt zum Rezept
Abnehmspritzen sind verschreibungspflichtig. Und die soll man einfach im Internet kriegen können? Das SWR-Rechercheteam macht einen Selbstversuch und probiert es bei der genannten Plattform. Dort muss nur ein Fragebogen ausgefüllt werden: Geburtsdatum, Größe Und auch das Gewicht. Da schummelt die Kollegin etwas und gibt 85 Kilo an.
Denn offiziell sind Abnehmspritzen erst ab einem BMI von 30 zugelassen. Oder ab 27 - aber dann nur mit einer Begleiterkrankung. Mit uns sprechen oder uns sehen will hier niemand. Noch ein paar Fragen zum Gesundheitszustand. Krankheiten? Wir müssen noch mal falsche Angaben machen. Wo genau, sagen wir nicht, um keine Anleitung zu geben. Risiken und Nebenwirkungen? Das klicken wir weg.
Teure Therapie mit Risiken und Nebenwirkungen
Jetzt geht es ans Bezahlen: 387,92 Euro kostet genau eine Spritze bei DoktorABC. Ganz schön viel Geld. Vor allem, weil man für eine richtige Behandlung regelmäßig Spritzen braucht. Drei weitere Anbieter sagen auf unsere Anfrage ab, bei Juniper haben wir Erfolg: Wieder ein Fragebogen, wieder an ein paar Stellen schummeln. Hier ist die Spritze billiger und kostet 199 Euro.
Nach unserer Rechtsauffassung ist das nicht zulässig, diese Abnehmspritzen zu bewerben.
Abnehmspritzen sind nicht ohne Grund verschreibungspflichtig. Sie können Nebenwirkungen haben: Magen-Darm-Probleme, Kopfschmerzen, Schwindel, in manchen Fällen Haarausfall. Ursprünglich wurden sie für Menschen mit Typ-2-Diabetes entwickelt. Mittlerweile gibt es auch Varianten zur Behandlung von Adipositas. Aber eben nur bei medizinischer Notwendigkeit.
Werbewelle für Abnehmspritzen auf Social Media
Gerade auf Social-Media-Plattformen wie Instagram und TikTok wird für die Abnehmspritze geworben, unter anderem von Tennisstar Serena Williams. Oder vom Anbieter Juniper. Die Abnehmspritze wird als alltägliches Lifestyleprodukt inszeniert. Das beobachtet auch Amelia Krebs von der in Mainz ansässigen Bundesstelle jugendschutz.net. Sehr dünn sein habe in den Clips nichts mit kränklich oder Magersucht zu tun, sondern es werde ein hipper "Sex-and-the-City-Vibe" inszeniert.
Gesa Schölgens, Projektleiterin bei den Verbraucherzentralen NRW und Rheinland-Pfalz, sieht die Werbung von Juniper sehr kritisch: "Nach unserer Rechtsauffassung ist das nicht zulässig, diese Abnehmspritzen zu bewerben, weil es sich um verschreibungspflichtige Medikamente handelt."
Ist dieser Markt tatsächlich so unkontrolliert? Auch um diese Frage zu klären, haben wir unseren Selbstversuch gemacht und waren erfolgreich. Zwei Spritzen kamen per Post dank offiziellem Rezept. Ausgestellt von jeweils einem Arzt, den wir nie gesehen oder gesprochen haben.
Ernährungsmediziner: Missbrauch wird Tür und Tor geöffnet
Wie bewertet ein Experte den Versuch? Der Ernährungsmediziner Prof. Hans Hauner von der TU München äußert sich besorgt darüber, wie kinderleicht die Rezepte zu besorgen sind, "weil damit dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet sind. Ich bin hier sehr, sehr kritisch und kann nur warnen."
Die Plattform Juniper ließ unsere Anfrage unbeantwortet. DoktorABC wies per Mail eine Verantwortung zurück. Man sei ein digitaler medizinischer Marktplatz: "Die medizinische Verantwortung für die Ausstellung eines Rezepts liegt ausschließlich beim Arzt, gemäß dem deutschen Medizinrecht." Die Patienten seien für die Richtigkeit ihrer Angaben verantwortlich.
Die Hersteller der Spritzen, Eli Lilly und Novo Nordisk, distanzieren sich uns gegenüber von einer Lifestyle-Nutzung.
Bei uns bleibt ein ungutes Gefühl zurück: Von Online-Portalen, die auf Fragebögen setzen, statt auf echte medizinische Beratung.
Denen gehe es wohl um das schnelle Geld, mutmaßt Hauner: "Ich würde tatsächlich unterstellen, dass es hier natürlich um schnelle Kohle geht, die man durch diese Spritze relativ gut erreicht und man hat hier auch einen gesetzlichen Rahmen, wo man relativ viel versprechen kann und wo wenig kontrolliert wird, sodass das natürlich für bestimmte Menschen, die da Geld verdienen wollen, natürlich sehr einfach gemacht wird."
Online-Plattformen wird es also leicht gemacht, ein Stück vom großen Kuchen ab zu bekommen. Denn fest steht: Das Geschäft mit Abnehmspritzen boomt weiter, bald auch made in Rheinland-Pfalz. 2027 eröffnet Eli Lilly ein neues Werk im rheinhessischen Alzey.