Schneiden, ernten, pflücken - wie kaum ein anderer Berufszweig sind der Obst- und Gemüseanbau auf Handarbeit angewiesen. Die erledigen meist ausländische Saisonarbeitskräfte.
Weil auch sie ab dem kommenden Jahr einen höheren Mindestlohn bekommen, befürchten viele Landwirte in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, dass ihre Arbeit unrentabel wird. Was ist dran an diesen Befürchtungen? Ein Faktencheck.
Höherer Mindestlohn - was genau ist geplant?
Derzeit liegt der gesetzliche Mindestlohn in Deutschland bei 12,82 Euro brutto pro Stunde. Laut Beschluss der Mindestlohnkommission steigt er ab dem 1. Januar 2026 auf 13,90 Euro, ab dem 1. Januar 2027 dann auf 14,60 Euro.
Ausnahmen für ausländische Saisonarbeitskräfte wird es, trotz entsprechenden Forderungen, nicht geben.
Was heißt das für die landwirtschaftlichen Betriebe?
Das bedeutet ganz einfach: Agrarbetriebe werden durch den Anstieg des Mindestlohns höhere Lohnkosten haben. Zumindest die Unternehmen, die ausländische Saisonarbeiter beschäftigen.
Sie sind eine wichtige Stütze für die Landwirtschaft in Deutschland. Und kommen immer dann zum Einsatz, wenn der Bedarf an Arbeitskräften bei einem Betrieb für einen begrenzten Zeitraum sehr hoch ist, also vor allem zur Erntesaison.
Laut Zahlen des Bundeslandwirtschaftsministeriums waren im Jahr 2023 gut die Hälfte aller familienfremden Arbeitskräfte in der Landwirtschaft Saisonarbeitskräfte.
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Folgen für Landwirtschaft in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz
Die Landwirtschaft ist besonders betroffen von der Mindestlohnerhöhung. Denn sie ist bei uns vielerorts geprägt von sogenannten Sonderkulturen. Dazu gehören neben dem Weinbau auch der Obst- und Gemüseanbau.
In diesen Sonderkulturen ist besonders viel Handarbeit nötig. Das führt dazu, dass der Anteil der Personalkosten an den gesamten Produktionskosten hoch ist. Ein höherer Mindestlohn lässt diesen Anteil weiter ansteigen.
Viele Landwirte befürchten deshalb, dass sie deswegen den Preis für Erdbeeren, Äpfel oder Spargel so stark erhöhen müssen, dass sie letztlich auf ihrer Ware sitzen bleiben - weil die Verbraucher auf günstigere Ware aus dem Ausland ausweichen. Verzichten die Bauern dagegen auf Preiserhöhungen, wird ihre eigene Gewinnmarge kleiner.
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Macht der steigende Mindestlohn den Anbau von Obst und Gemüse also unrentabel?
Zweifellos lag bereits der 2024 geltende Mindestlohn in Deutschland von 12,41 Euro pro Stunde schon deutlich höher als der in vielen anderen Ländern der EU, mit denen heimische Landwirte konkurrieren. In Spanien liegt der Mindestlohn beispielsweise bei 6,87 Euro, in Polen bei 6,10 Euro.
Für Hildegard Garming, Agrarökonomin am Thünen-Institut für Betriebswirtschaft, heißt das: "Es ist für viele Betriebe eine Herausforderung. Und die Anpassung an die schnell steigenden Löhne fällt vielen Betrieben schwer." Dennoch, sagt sie, habe der steigende Mindestlohn auch einen Vorteil.
Es gibt für die Betriebe nicht nur das Problem, dass der Anteil der Lohnkosten an den Gesamtkosten ansteigt. Es gibt ja auch ein Problem, dass es einen Arbeitskräftemangel gibt. Man muss sich darum bemühen, genügend Arbeitskräfte zu bekommen. Und da ist ein höherer Lohn natürlich ein Argument.
Wie es trotz hohem Mindestlohn in der EU funktioniert
Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) verweist auf die Niederlande. Dort liegt der Mindestlohn bereits heute bei 14,40 Euro. "Auch dort wirtschaften die Betriebe profitabel und exportieren Obst nach Deutschland", so ein Sprecher der IGBAU.
Tatsächlich sind die Niederlande einer der größten Lieferanten von Obst und Gemüse für den deutschen Markt. Von der IG BAU heißt es dazu, die dortigen Landwirte hätten eben "sehr konsequent in moderne Technik, Automatisierung und gezielte Arbeitsorganisation investiert".
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Der Mindestlohn soll steigen - allerdings nicht auf 15 Euro, wie von der SPD im Wahlkampf noch gefordert. Die Reaktionen in Rheinland-Pfalz fallen sehr gemischt aus.
Gefährdet der Mindestlohn die Selbstversorgung mit Obst und Gemüse in Deutschland?
Derzeit liegt der Selbstversorgungsgrad für Gemüse in Deutschland bei 37 Prozent, für Obst bei 20 Prozent. Sollten tatsächlich Betriebe den Obst- und Gemüseanbau aufgeben, weil die Personalkosten zu hoch werden würden, würden diese Werte deutlich sinken, und mehr Obst und Gemüse aus dem Ausland kommen, so Kritiker. Viele verweisen darauf, dass der Selbstversorgungsgrad in Deutschland schon jetzt deutlich sinke.
Zahlen des Bundeslandwirtschaftsministerium zeigen aber: Im Verlauf der letzten 20 Jahre ist der Selbstversorgungsgrad mit Obst und Gemüse in Deutschland konstant geblieben. Selbst wenn einzelne Obst- oder Gemüsekulturen künftig seltener angebaut würden - die Anbauflächen würden ja dann mit anderen Kulturen bepflanzt.
Wir sehen seit Jahren, dass sehr arbeitsintensive Kulturen wie Sauerkirschen, Süßkirschen, Himbeeren und Erdbeeren im Freiland zurückgehen. Dafür nimmt der Anbau von weniger arbeitsintensiven Kulturen wie Zwiebeln, Möhren und anderem Wurzel- und Knollengemüse zu. Das ist auch eine Reaktion auf steigende Personalkosten.
Rückgang des Erdbeer- und Spargelanbaus: Sind hohe Personalkosten der Grund?
Beim Anbau von Erdbeeren und Spargel zeichnet sich seit Jahren ein starker Rückgang ab. Vom Verband Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer e.V. (VSSE) heißt es dazu: "Jeder vierte Erdbeer- und fast jeder dritte Spargelbetrieb hat zwischen 2015 bis 2024 aufgegeben. Dies wird sich noch beschleunigen."
Als Grund sieht der VSSE neben den hohen Personalkosten auch eine nachlassende Arbeitsmotivation, Zuverlässigkeit und Loyalität der Saisonkräfte. Viele würden ihre Arbeit schon während der Saison abbrechen, wenn sie ihr Lohnziel erreicht hätten.
Der VSSE glaubt zwar, dass der Spargel- und Erdbeeranbau weiter funktioniert, allerdings vor allem "in Ballungsgebieten für die Direktvermarktung mit besonders guten Qualitäten und eventuell einem großen Sortiment".
Dagegen werde sich die Produktion für den Handel möglicherweise weiter Richtung Norddeutschland verlagern. Dort könne auf größeren Flächen effizienter produziert werden.
Fazit: Auswirkungen von Mindestlohn, Automatisierung, Klimawandel
Der steigende Mindestlohn dürfte einzelne landwirtschaftliche Betriebe vor Probleme stellen. Trotzdem wird er vermutlich nicht dazu führen, dass Sonderkulturen aus dem Südwesten verschwinden. Das Beispiel Niederlande zeigt: Obst- und Gemüseanbau kann trotz hoher Lohnkosten rentabel sein.
Allerdings dürfte der Anstieg des Mindestlohns den Strukturwandel in der Landwirtschaft weiter beschleunigen, weg von sehr arbeitsintensiven Kulturen wie Erdbeeren, Kirschen oder Spargel, hin zu weniger arbeitsintensiven Alternativen. Und weg von kleinen Erzeugern, hin zu großen und effizienten Betrieben.
Unklar ist derzeit noch, wie eine zunehmende Automatisierung auf den Feldern diese Entwicklung beeinflussen könnte. Und ob sie dabei helfen könnte, den Arbeitskräftebedarf dauerhaft zu senken.
Zudem gibt Hildegard Garming vom Thünen-Institut zu bedenken, dass der steigende Mindestlohn längst nicht die größte Herausforderung für die Landwirte ist. Sie sagt: "Einen viel größeren Einfluss auf die Zukunft des Sonderkulturanbaues als die Lohnentwicklung wird der Klimawandel haben. Also beispielsweise die Frage: Wie wird das nötige Wasser organisiert?"