Die Zentrale Schuldnerberatung Stuttgart hat ein Papier, in dem sie allerhand Zahlen auflistet. Zum Beispiel, wie sich die Zahl der Gespräche und der Wartenden in den vergangenen drei Jahren entwickelt hat. Viele Pfeile zeigen in der Tabelle nach oben. Mehr Kontakte in der Sprechzeit, mehr Menschen auf der Warteliste, mehr Aufnahmen in die Beratung. Viele Menschen suchen Unterstützung bei der Schuldnerberatung in Stuttgart, die unter anderem von der Caritas getragen wird. Die Wartezeit liegt laut Sandra Meyer, einer der Fachdienstleiterinnen, bei sechs bis acht Monaten.
Liga in BW: Soziales in der Politik nicht mehr selbstverständlich
Die Nachfrage ist groß, doch das Angebot wird zunehmend knapp - davor warnt die Liga der freien Wohlfahrtspflege in Baden-Württemberg, zu der auch die Caritas gehört. Einen Monat vor der Landtagswahl fordert sie von der Politik, sozialen Leistungen und Themen Priorität einzuräumen. Soziale Leistungen seien kein Luxus, sagte die Liga-Vorstandsvorsitzende Beatrix Vogt-Wuchter am Montag in Stuttgart. Sie seien "Ausdruck staatlicher Verantwortung füreinander und Grundlage gleichberechtigter Teilhabe".
Die Liga kritisiert, dass Angebote wie Pflegeplätze und Kinderbetreuung zunehmend unter Druck gerieten. Gleichzeitig müssten Menschen lange auf Beratungs- und Therapieangebote warten. Als Ursache sehen die Wohlfahrtsverbände Einsparungen bei Sozialleistungen in kommunalen Haushalten, aber auch auf Bundesebene. In der Logik der Politik seien soziale Dienste und Angebote nicht mehr selbstverständlich, sagte Vogt-Wuchter weiter. Das zeige auch die Debatte um die "Lifestyle"-Teilzeit, die die CDU angefacht hatte.
Hunderttausende Menschen im Sozialsektor beschäftigt
Die Zentrale Schuldnerberatung Stuttgart verzeichnet einen Anstieg unter anderem bei der Zahl der Aufnahmen in die Beratung: von 566 Menschen im Jahr 2023 auf 750 im Jahr 2025. Vor drei Jahren kamen 2.544 Menschen in die Sprechstunde, im vergangenen Jahr waren es 3.116. "Kürzungen mit dem Rasenmäher sind die schlechteste Form, die man sich in einer solchen Situation vorstellen können - sie haben hohe, nicht kalkulierbare wirtschaftliche, soziale und gesellschaftliche Folgekosten", sagte die Direktorin der Stuttgarter Caritas, Alexandra Stork.
Auch die Liga der freien Wohlfahrtspflege in Baden-Württemberg betont: Jeder jetzt investierte Euro verhinderte Folgekosten in der Zukunft und stärke außerdem einen bedeutsamen Wirtschaftsfaktor im Land. Nach Angaben der Liga arbeiten rund 845.000 Menschen in Baden-Württemberg in der Sozial- und Gesundheitswirtschaft. Während andere Branchen Stellen abbauten, wachse der soziale Sektor seit Jahren kontinuierlich, sagte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Liga in Baden-Württemberg, Marco Lang.
Sozialgipfel ähnlich wie in der Automobilindustrie gefordert
Und was tun, um diesen Wirtschaftsfaktor zu stärken? Unter anderem forderte Vogt-Wuchter erneut einen Sozialgipfel ähnlich zu Gesprächsrunden in der Autoindustrie und gezielte Investitionen in die Sozialwirtschaft.
Vom Sozialministerium in Stuttgart hieß es auf Anfrage, man nehme die Forderungen der Liga ernst. "Soziale Leistungen sind kein Luxus und kein Schlaraffenland, sondern eine zentrale staatliche Aufgabe", teilte das Ministerium schriftlich mit. Es verwies darauf, dass viele Regelungen auf Bundesebene entstünden, zum Beispiel in der Pflegeversicherung und bei der Finanzierung von Kitas. Das Land investiere aber auch "sehr viel eigenes Geld", etwa in die Bekämpfung von Armut oder in die Prävention.