Kurz nach Schuljahresbeginn wird im Herbst in Baden-Württemberg zum Elternabend geladen. Bei vielen scheint der Termin aber eher unbeliebt zu sein: Auf Social Media kursieren Comedy-Videos von entnervten Eltern, die schwören, sich dieses Mal nicht zum Elternsprecher wählen zu lassen oder vorgeben, Alkohol in einer Thermoskanne ins Klassenzimmer zu schmuggeln, um den Abend zu überstehen.
Dalloo Kobi aus Stuttgart ist Mutter von zwei Schulkindern und geht grundsätzlich gern zum Elternabend, doch manchmal ziehe sich dieser unnötig in die Länge. Banale Themen, wie etwa Läusebefall oder die genaue Ausgestaltung einzelner Matheübungen, würden oft viel zu lange besprochen, "und wir sitzen stundenlang auf diesen Ministühlen und können uns kaum bewegen." Sie verstehe, dass die Lehrkräfte, ausführlich informieren wollen, manche Eltern hätten dann aber keine Lust mehr, zum zweiten Elternabend zu kommen. Die wichtigsten Infos würden ja ohnehin protokolliert.
Warum der Elternabend mehr als eine Infoveranstaltung ist
Diese Entwicklung bereitet der Vorsitzenden des Landeselternbeirats Baden-Württemberg, Vanessa Scholz, große Sorgen. "Wir beobachten mit viel Wehmut, dass immer weniger Eltern zu Elternabenden kommen", sagt sie. In manchen Klassen seien oft nur noch die Hälfte der Eltern anwesend. Eltern würden sich dabei selbst ihr Mitspracherecht und eine Form der Teilhabe am Leben ihrer Kinder wegnehmen.
Elternabende sind jedoch ein zentraler Teil der schulischen Bildungszusammenarbeit. Laut Schulgesetz haben Eltern "das Recht und die Aufgabe, die Erziehungsarbeit der Schule zu fördern und mitzugestalten".
Vanessa Scholz nennt den Elternabend "den ersten vertrauensvollen Kontakt", bei dem Eltern Lehrkräfte und andere Eltern kennenlernen und Einblick in das Schulleben bekommen. "Umso mehr Eltern sich einbringen, desto mehr werden wir natürlich auch gehört und können verändern." Man könne die Schule nicht als Dienstleister sehen und sich nur über das beschweren, was nicht funktioniere, ohne sich einzubringen.
Mehr Wertschätzung für die Elternvertretung
Das Amt der Elternvertreter sei als demokratisches Amt unglaublich wichtig, werde aber nicht genug geschätzt, findet Kathrin Behfeld von der Elternstiftung Baden-Württemberg. "Elternvertreter sind nicht dafür da, Kuchenlisten für Schulfeste zu füllen, sondern ganz aktiv am Schulleben teilzuhaben." Die Schulen müssten Eltern als Teil der Schulgemeinschaft ansehen, aktiv in Entscheidungen einbinden und als wichtige Ressource schätzen, meint Behfeld.
Zudem sollten sich die Schulen auch Gedanken darüber machen, warum Eltern nicht erscheinen würden. Hinter dem abnehmenden Engagement von Eltern stecken oft triftige Gründe. Für Alleinerziehende sei die Uhrzeit abends beispielsweise oft nicht realisierbar und auch Sprachbarrieren spielten bei Eltern mit Migrationshintergrund oft eine Rolle.
Wie alle Eltern sich willkommen fühlen
Schulsozialarbeiterin Heike Witzemann, die zwei Schulen in Lauffen am Neckar (Kreis Heilbronn) betreut, berichtet, dass viele Eltern, die nicht in Deutschland zur Schule gegangen seien, gingen oft davon aus, die Schule regle alles allein und Eltern hätten kein Mitspracherecht. Zugleich wüssten sie oft auch nicht genau, welche Pflichten sie im Schulalltag hätten, etwa Praktikums- und Projekttage wie den Girls'- und Boys'Day mitzuorganisieren.
Sogenannte Elternmentoren, die selbst eine Migrationsgeschichte haben, gut Deutsch sprechen und das Schulsystem kennen, könnten als sprachliche wie kulturelle Brücke zwischen Eltern und Schule fungieren, findet Witzemann. Ihrer Meinung nach spielten auch veränderte Familienstrukturen eine zentrale Rolle. In vielen Familien seien heute oft beide Elternteile berufstätig. Viele hätten nicht mehr die Zeit, sich neben dem Beruf noch ausgiebig ehrenamtlich in der Schule einzubringen.
In vielen Klassen sind es laut Kathrin Behfeld nach wie vor die Mütter, die die Elternarbeit übernehmen. Väter seien bei Elternabenden oft deutlich in der Minderheit. Dalloo Kobi und Vanessa Scholz bestätigen das. Schulen könnten Väter gezielt ansprechen und deutlich machen: Engagement ist keine "Frauenaufgabe".
Was einen guten Elternabend ausmacht
Dalloo Kobi wünscht sich von Elternabenden vor allem Transparenz und Wertschätzung. "Die Eltern müssen mit ins Boot geholt werden", findet sie - etwa indem ihre Anliegen über den Elternbeirat gesammelt und eingebracht werden. Es müsse auch nicht immer so ernst sein, ein kleines Vorstellungsspiel und eine Snackpause mit frischer Luft könnten den Abend schon deutlich auflockern. Auch Kinderstühle müssten nicht sein, so die Landeselternbeirats-Vorsitzende Scholz. Man könne auch auf Besprechungsräume ausweichen und die starre Struktur aufbrechen.
Schon kleine Änderungen wie Gummibärchen oder Schokolade auf den Plätzen oder die Idee, nach dem offiziellen Teil noch kurz zusammen etwas zu trinken, könnten viel ausmachen. "Ich finde es auch gut, wenn ab Klasse neun mal die Kids mit dabei sind, um dieses demokratische Format mitzubekommen." Wichtig sei zudem, dass auch Nicht-Muttersprachler dem Gesagten folgen könnten. In vielen Kommunen gebe es dafür Dolmetscherpools, bei denen Eltern Unterstützung finden könnten.
Ein gelungener Elternabend sollte aus ihrer Sicht viel Information, Miteinander und Interaktion bieten. Konstruktive Diskussionen hätten ihren Platz, solange sie sich auf die gesamte Klasse bezögen. Am Ende solle "keiner mit dem Gefühl nach Hause gehen, oh, jetzt habe ich hier zwei Stunden meines Lebens verschwendet", so Scholz.
Eine positive Einstellung kann viel bewirken
Auch Kathrin Behfeld von der Elternstiftung plädiert dafür, Atmosphäre und Haltung zu verändern. Lehrkraft und Elternvertretung sollten den Abend gemeinsam vorbereiteten und mit einer Haltung starteten, die aus dem Pflichttermin ein "Schön, dass wir uns wiedersehen "mache. Zudem solle die Elternvertretung nicht als unangenehmer Punkt verkauft werden, bei dem "leider" jemand gewählt werden müsse, sondern als Chance, sinnvoll zu unterstützen, meint Behfeld.
In den Augen der Elternvertreterinnen müssen Elternabende nicht aus endlosen Diskussionen auf Ministühlen und betretenem Schweigen bei der Elternbeiratswahl bestehen. Lehrkräfte und Eltern sollten daher gemeinsam darauf achten, dass die wichtigsten Themen klar strukturiert sind. Außerdem solle auch ein wenig Leichtigkeit Platz haben. Dann könne daraus ein Abend werden, der einen besseren Blick auf das eigene Kind und seine Klasse bringt und sogar nette Gespräche mit anderen Eltern und Lehrkräften ermöglicht.