Der Auftrag beginnt für Taxifahrer Jürgen Wanner eigentlich ganz gewöhnlich. Anfang August wird er von seiner Zentrale in Schwäbisch Gmünd (Ostalbkreis) in ein Wohngebiet im Südosten der Stadt gerufen. Er wartet kurz vor einem mehrgeschossigen Wohnhaus auf seine Kundin, eine 89-jährige Frau mit Rollator. Doch schon da kommt dem 57-Jährigen etwas komisch vor: "Ich dachte gleich, das ist ein medizinischer Notfall", berichtet Wanner im SWR-Interview.
Das Verhalten der Frau habe ihn zusätzlich stutzig gemacht: "Sie war sehr aufgebracht und hat geweint. Ich konnte sie kaum beruhigen". Die Seniorin will lediglich einige Straßen weiter fahren, um die Polizei zu treffen. Wanner fragt nach. Die Frau macht nur vage Andeutungen. Sie erzählt, dass ihr Enkelkind jemanden überfahren habe und sie der Polizei nun dringend Geld geben müsse.
Trickbetrüger wollten zunächst 30.000 Euro von Seniorin
30.000 Euro habe man am Telefon von ihr verlangt, damit ihr Enkelkind freikommt. Sie habe aber nur 2.000 Euro zu Hause. Doch als das Taxi schließlich am angeblichen Treffpunkt ankommt, ist niemand da. Spätestens da ist ihm klar: "Es gibt für uns nur ein Ziel. Und das ist die Wache der 'echten' Polizei in Schwäbisch Gmünd", erinnert sich Jürgen Wanner.
Er parkt sein Fahrzeug vor dem Eingang des Polizeireviers und geht hinein: "Ich habe dem Beamten hinter der Glasscheibe gesagt, ich bin Taxifahrer und habe wahrscheinlich ein Enkeltrick-Opfer im Wagen." Der Streifenpolizist begleitet Wanner zu der Frau. Doch auch er hat Schwierigkeiten, die aufgebrachte Rentnerin zu beruhigen.
Der "Enkeltrick": Wie Sie sich bei Betrügern am Telefon verhalten sollten
Dieser Telefontrick ist weit verbreitet: Ein Enkel bittet in Not um Geld. Trotzdem fallen Menschen immer wieder drauf rein. Warum das ganz natürlich ist und was Sie schützen kann.
Glücklicherweise hat die Frau die Telefonnummer ihres Sohnes dabei. Erst als der Polizist diesen in der Leitung hat, beruhigt sie sich langsam. "Der Beamte hat sich bedankt und sie dann ins Gebäude begleitet. Damit war für mich der Fall erledigt und ich bin wieder gefahren", sagt Taxifahrer Wanner nachdenklich.
Polizei: "Verhalten war vorbildlich"
Das Verhalten von Jürgen Wanner sei vorbildlich gewesen, lobt Markus Bareiß, Sprecher des Polizeipräsidiums Aalen. "Wir würden uns freuen, wenn alle Taxifahrer so reagieren", sagt Bareiß dem SWR. Die Zahl von erfolgreichen Anrufstraftaten sei gering. Vielen potenziellen Opfern sei das Vorgehen mittlerweile bekannt, auch dank der weit verbreiteten Präventionsarbeit. Dazu zählten auch Presseberichte.
Dennoch gebe es immer wieder Fälle mit hohen Schadenssummen. Denn beim Enkeltrick würden die meist älteren Angerufenen oft in einen Schockzustand versetzt. Dabei ließen sich Anrufe von falschen Polizisten mit einer Faustregel entlarven, so Bareiß: "Echte Polizisten verlangen nie die Herausgabe von Bargeld am Telefon. Sobald ein Geldbetrag verlangt wird, muss man hellhörig werden."
Jürgen Wanner jedenfalls wurde hellhörig und würde wieder genauso handeln. Doch obwohl er mit seinen 38 Dienstjahren der nach eigener Aussage erfahrenste Taxifahrer in Schwäbisch Gmünd ist, ging die aufregende Fahrt Anfang August nicht spurlos an ihm vorbei. Nachdem er die Seniorin zur Polizei gebracht hatte, habe er den Arbeitstag beendet und sei in den Feierabend gefahren.