Interview: Endlager für Atommüll rund um Ulm denkbar

"Man kann hochradioaktive Abfälle nicht im Akkord einlagern"

Die Suche nach einem geeigneten Endlagerstandort für Atommüll läuft. Dagmar Dehmer von der Bundesgesellschaft für Endlagersuche erklärt im Interview, warum auch Ulm in Frage kommt.

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Von Autor/in Maja Nötzel

2021 ist der letzte Block des Atomkraftwerks Gundremmingen im Kreis Günzburg unweit von Ulm vom Netz gegangen. Atommüll gibt es dort aber noch immer. Bis 2046 ist hier ein Zwischenlager genehmigt. Bis dahin wird es aber in Deutschland noch kein Endlager geben.

Derzeit sucht die Bundesgesellschaft für Endlagersuche (BGE) mit wissenschaftlichen Kriterien nach einem möglichen Standort. Dafür kommt auch die Region um Ulm in Frage. Wie wahrscheinlich es ist, dass hier tatsächlich ein Endlager entsteht und wie kontrovers die Suche in der Bevölkerung diskutiert wird, darüber haben wir mit Dagmar Dehmer gesprochen. Sie ist Kommunikationschefin bei der Bundesgesellschaft für Endlagersuche.

Dagmar Dehmer ist eine deutsche Journalistin und ehemalige Politikerin (Grüne). Seit Oktober 2017 ist sie Leiterin der Unternehmenskommunikation der Bundesgesellschaft für Endlagerung.
Dagmar Dehmer ist eine deutsche Journalistin und ehemalige Politikerin (Grüne). Seit Oktober 2017 ist sie Leiterin der Unternehmenskommunikation der Bundesgesellschaft für Endlagerung. Privat

SWR Aktuell: Seit 2017 läuft die Suche Ihrer Behörde nach einem Standort für ein Atommüll-Endlager. Die Region um Ulm ist noch im Rennen. Wie wahrscheinlich ist es, dass dort ein Endlager hinkommt?

Dagmar Dehmer: Das kann ich Ihnen im Augenblick noch nicht sagen. Die BGE prüft alle 90 Teilgebiete in Deutschland auf ihre Eignung. Für den Raum Schwäbische Alb und Ulm haben wir im vergangenen November einen ersten Arbeitsstand erreicht. Ein Teil dieser Region ist als ungeeignet eingestuft worden.

Das ist der Teil, der nach Bayern hereinreicht. Da ist nicht genügend Opalinuston vorhanden, in der richtigen Tiefe, um sinnvoll ein Endlager zu planen. In Richtung Westen, also Richtung Schwäbischer Alb, dieses Gebiet ist wenig geeignet für die Endlagerung. Da haben wir unterschiedliche Indikatoren geprüft, bezogen auf die Sicherheit dieses Gebiets.

In der Mitte des Gebietes mit Opalinuston, da liegt auch Ulm. Wobei Ulm selbst auf einer Störungszone liegt. Ulm selbst wird höchstwahrscheinlich nicht zwingend ein guter Endlagerstandort sein. Aber die Region drumrum könnte es schon werden.

SWR Aktuell: Wann könnte es denn eine Entscheidung für dieses Gebiet rund um Ulm geben, das noch im Rennen ist?

Dehmer: Ende 2027 wird die BGE ihren Standortregionen-Vorschlag vorlegen, und spätestens dann wird klar sein, ob diese Flächen im Spiel bleiben oder nicht.

SWR Aktuell: Und wann fällt die endgültige Entscheidung über einen Standort?

Dehmer: Das hängt davon ab, ob es bei den drei Phasen, die aktuell im Gesetz stehen, bleibt, oder ob das Verfahren beschleunigt wird. Das wird höchstwahrscheinlich in dieser Legislaturperiode entschieden. Da gibt es mehrere Ansatzpunkte, wo man Zeit sparen kann. Ein Beispiel sind die Grundstücke, auf denen wir erkunden müssen. Das Eigentumsrecht hat in Deutschland einen sehr hohen Stellenwert. Das bringt enorme Schwierigkeiten mit sich, wenn man ein Grundstück für eine Erkundung braucht, der Grundstückseigentümer aber aus eigenem Antrieb oder weil das Dorf ihn unter Druck setzt, das Grundstück nicht hergeben will.

Dafür müssen wir Lösungen finden, sonst verliert man da einfach enorm viel Zeit. An diesem Beispiel merken Sie schon, das wird komplizierter, wenn man ins Detail geht. Und man braucht auch immer mehr Zeit. Wir hoffen, dass wir bis Mitte des Jahrhunderts den Standort festlegen können. Aber dafür müssen eben auch rechtlich noch Voraussetzungen geschaffen werden.

Blick auf die schwäbische Gemeinde Gundremmingen mit dem abgeschalteten Atomkraftwerk.
Blick auf die Gundremmingen im Kreis Günzburg mit dem abgeschalteten Atomkraftwerk. Dort gibt es ein Zwischenlager, dass bislang bis 2046 genehmigt ist. Alexander Rochau

SWR Aktuell: Wie kontrovers und wie faktenorientiert wird die Endlagersuche denn in der Bevölkerung diskutiert?

Dehmer: Das ist regional total unterschiedlich. Was wir immer merken, egal wo wir unterwegs sind, gibt es ein großes Verständnis dafür, dass es auf Dauer keine Lösung ist, die Abfälle übertage zu lagern. Ich glaube, dass insbesondere die Ereignisse in der Ukraine vielen deutlich gemacht haben, dass sich die Dinge übertage so schnell bewegen können, dass man die Sicherheit nicht dauerhaft garantieren kann.

Wenn es dann um die Frage geht: 'Was wäre, wenn der bestmögliche Standort bei Ihnen um die Ecke wäre?' - dann gibt es Regionen, dazu gehört auch Baden-Württemberg, wo es ein großes Verständnis dafür gibt, wenn es wirklich aus Sicherheitsgründen und wissenschaftlich begründet der beste Standort ist, dass man es dann akzeptieren muss. Es gibt andere Regionen, die sehen das ganz anders. Die sagen, auf gar keinen Fall bei uns.

Ich bin überzeugt, dass es alle diese Positionen in einer Bevölkerung immer geben wird. Wenn die Entscheidung näher rückt, wird das auf jeden Fall eine kontroverse Diskussion. Die Frage ist, ob die Menschen über diesen Moment des Schocks hinauskommen und man dann ins Gespräch kommt, wie man es denn so machen kann, dass es für die lokale Bevölkerung akzeptabel sein könnte. Wenn man in diesen Dialog kommt, bin ich ganz zuversichtlich, dass wir das Problem auch lösen. Aber ohne Konflikte wird es nicht abgehen können.

SWR Aktuell: Wie kann eine Bürgerbeteiligung bei dieser Endlagersuche aussehen?

Dehmer: Wir haben hier mit dem Forum Endlagersuche ein Instrument, wo einmal im Jahr ein Diskussionsforum oder ein Diskussionsort angeboten wird, wo man zum einen natürlich viele Fragen loswerden kann, zum anderen aber auch Vorschläge machen kann. Und tatsächlich bemühen wir uns auch sehr, diese Vorschläge, die da gemacht werden, so gut es geht umzusetzen.

Wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass diese fortlaufende Auseinandersetzung sowohl mit den wissenschaftlichen Gesprächspartnerinnen, als auch mit interessierten Leuten dazu führt, dass wir noch mal einen Anstoß von außen bekommen. Und diese Art von Beteiligungen, die ist für das gesamte Verfahren vorgesehen. Uns hilft das sehr. Wir bemühen uns sehr, das dann auch so sichtbar wie möglich zu machen, wenn Anregungen von außen bei uns zu veränderten Entscheidungen oder Vorgehensweisen geführt haben.

SWR Aktuell: Wenn wir jetzt noch mal bei uns in die Region hier rund um Ulm gucken: Gundremmingen ist nicht weit weg, da gibt es ein Zwischenlager, das ist bis 2046 genehmigt. Wie dringend ist es da, eine Lösung zu finden?

Dehmer: Wenn das Zwischenlager nicht für immer da bleiben soll, dann wäre es, glaube ich, ziemlich dringlich.

SWR Aktuell: Seit 2017 läuft die Suche nach einem Endlager durch die BGE. Werden wir noch miterleben, wo es am Ende gebaut wird, also Sie und ich?

Dehmer: Wenn der Standort gefunden ist, dann muss geklärt werden, ob das, was davor erarbeitet worden ist, den Tatsachen auch standhält. Wenn das der Fall ist, dann wird es trotzdem noch länger dauern, bis die Genehmigungen da sind, dieses Endlager auch wirklich fertig zu bauen. Und dann wird es Genehmigungen brauchen, um mit der Einlagerung zu beginnen.

Die Einlagerung selbst wird noch mal Jahrzehnte dauern, weil man hochradioaktive Abfälle eben nicht im Akkord einlagern kann. Das ist einfach gefährliches Zeug, und das muss mit der notwendigen Sorgfalt gemacht werden. Das dauert ein paar Jahrzehnte. Wir werden die Schließung vielleicht nicht mehr miterleben, aber den Start der Befüllung vielleicht.

SWR Aktuell: Wie ist es denn, bei so einem Projekt mitzuarbeiten, bei dem man weiß, man wird wahrscheinlich gar nicht mitbekommen, ob es dann am Ende erfolgreich ist?

Dehmer: Also, ich denke da immer an das Ulmer Münster. Das ist ja auch nicht in einer Lebenszeit gebaut worden. Es ist eine Arbeit, die bis heute anhält. Teil von so etwas Großem zu sein, ist schon auch was Cooles.

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Autor/in
Maja Nötzel
Porträt der Redakteurin Maja Nötzel im blauem Pullover