Laut Universitätsklinik ist die neue Rohrpost zwischen zwei Klinikgebäuden weltweit eine der längsten dieser Art. 1,6 Kilometer lang sind die zwei Röhren, durch die vom heutigen Campus Nord (ehemals das Rehabilitationskrankenhaus RKU) Patienten-Proben schnell ins Zentrallabor gelangen. Der rasante Transport ist auch deswegen wichtig, weil am Campus Nord die "Stroke Unit" ist, in der Schlaganfallpatienten eingeliefert werden.
Der lange Gang im Keller des Krankenhauses ist warm. Der Weg zwischen großen und kleineren Rohrleitungen ist eng - die großen Rohre dienen der Fernwärme und der Müllabfuhr aus den Stationen. Da fallen die zwei schlanken, kleinen Röhren für die Blutproben unter der Decke zunächst gar nicht auf. "Die Rohre sind relativ dünn (...) wir haben auch Gartenschlauch dazu gesagt", erkärt Sven Danckwardt, Leiter der Klinischen Chemie und damit auch des Zentrallabors. Das habe es leicht gemacht, sie in bestehenden Gängen und Räumen zu installieren.
Rohrpostsysteme gibt es in vielen Kliniken und bestehen in der Regel aus dickeren Rohrleitungen. Die Güter müssen für den Transport in einen Container gepackt werden. Die Uniklinik Heidelberg beispielsweise hat vergangenes Jahr eine solche Rohrpost extra für den Blutproben-Versand eingerichtet, zwei Kilometer lang und mit 20 Rohrpostbüchsen, so eine Sprecherin. Diese Verpackung entfällt im neuen System an der Uniklinik Ulm, erklärt Sven Danckwardt.
Der Transport der Blutproben in Minutenschnelle
Ein leises, schnelles Sausen ist zu hören: Ein Röhrchen ist gerade auf dem Weg zum Labor - das Prinzip funktioniert wie bei einer Rohrpost. Via Druckluft wird das Röhrchen Richtung Ziel geschossen. Die Proben werden ohne weitere Verpackung in die Röhren dieser "Blutproben-Autobahn" geschickt.
Fünf bis sieben Meter pro Sekunde rast das Röhrchen dann 1,6 Kilometer. Auch wenn das neue Transportsystem einen Umweg nehmen muss, weil es unterirdisch schon vorhandene Gänge nutzt: Es dauert nur wenige Minuten, bis es im Zentrallabor ankommt.
Unterirdischer Transport ist der schnellstmögliche
Der Grund für die 600.000 Euro teure Investition: Die Universitätsklinik hat das ehemalige Rehabilitationskrankenhaus (RKU) übernommen. Und danach die Labore der Häuser an der Uniklinik zusammengelegt. Doch am ehemaligen RKU-Gebäude, dem heutigen Campus Nord, ist unter anderem die Stroke Unit untergebracht, die Notaufnahme für Schlaganfallpatienten. In diesen Fällen zählt jede Sekunden, Blutwerte sind wichtig für die schnelle Diagnose und damit für die weitere Behandlung.
Wie also Blutproben, die in diesen Fällen schon im Krankenwagen genommen werden, schnell ins Labor bringen? Der oberirdische Weg scheidet aus: Zwischen den Klinikgebäuden liegt eine Straße, auf der auch eine Straßenbahn fährt. Außerdem trennt militärisches Sperrgebiet die Gebäude: das Bundeswehrkrankenhaus. Wenn der Weg dort aus Sicherheitsgründen versperrt wird, bräuchte der Transport mit dem Auto bestimmt 20 Minuten, so Sven Danckswardt. Im Notfall zu lang.
Die Kunst besteht darin, dass wir die Proben über große Distanzen transportiert bekommen. Zuverlässig, sicher, egal bei welcher Witterung.
Die Herausforderung lag laut Danckwardt darin, einen Weg zu finden, die Patienten-Proben unabhängig von Verkehr und Witterung schnellstmöglich ins Labor zu transportieren. Das sei mit dem neuen System gelungen. Von der schnelleren Bearbeitung der Proben sollen am Ende alle Patientinnen und Patienten profitieren, so Danckwardt.
"Blutproben-Autobahn" teilt sich Wege mit anderen Klinik-Transportsystemen
Die "Blutproben-Autobahn" biegt an einer Stelle ab und verläuft dann einen größeren, breiten Gang entlang. Unterirdisch geht es nun direkt auf die Uniklink zu. In dem Gang fährt und surrt auch der automatisierte Warentransport der Klinik, kurz AWT. Im Minutentakt sausen an der Decke hängende Container vorbei, mit allem, was auf den Stationen benötigt wird.
Die beiden Rohre verlaufen ebenfalls unter der Decke. Bis zu 125 Patientenproben können am Campus Nord auf einmal aufgegeben werden. "Die Besonderheit ist, dass es in dieser Art und Weise die längste Strecke weltweit ist, über die Blutproben, kritische Proben, versendet werden", erklärt Sven Danckwardt.
Zwei Rohre sind es deswegen, weil eines für Notfälle und schnelle Analysen reserviert ist. Der Normalbetrieb läuft über das andere Rohr. Im Zentrallabor der Universitätsklinik Ulm werden jeden Tag über 4.000 Proben analysiert - viele davon automatisiert. Ein Fünftel davon kommen nun von den Stationen und der Stroke Unit am Campus Nord.
Ankunft der Proben im Zentrallabor der Uniklinik - auch hier geht es schnell
Im Zentrallabor der Universitätsklinik Ulm ist ein stetes Summen zu hören. Reihe an Reihe stehen hier Maschinen, die Proben transportieren und in vielen Fällen automatisch analysieren. An der hinteren Wand des großen Raums gibt es zwei Stationen, an denen die Proben nach ihrer 1,6-Kilometer-Fahrt ankommen.
Auch hier muss es schnell gehen. Wenn ein Röhrchen in die Station für eilige Analysen fällt, leuchtet gleichzeitig ein Lämpchen an der Decke. Die Mitarbeiter werden dann sofort aktiv, erklärt Kerstin Stöhrer, Leitende MTL, also Medizinische Technologin für Laboratoriumsmedizin. "Weil das Proben sind, die wir unmittelbar erkennen müssen und wissen müssen, dass sie nicht in der Automation verschwinden, (...) müssen wir sie händisch herausnehmen und manuell vorverarbeiten."
So sollen Blutwerte schnell bei den behandelnden Ärzten sein und schnell zur richtigen Behandlung führen. Um beim Beispiel Schlaganfall zu bleiben: Hier zählt jede Minute. "Man sagt: time is brain (Zeit kostet Hirn, Anm. d. R.)", so Sven Danckwardt. Bei der Diagnose spiele die Labordiagnostik eine entscheidende Rolle.
Zwei Jahre Arbeit am neuer Rohrpost-System - folgen weitere?
Am neuen Transportsystem für Patienten-Proben wurde zwei Jahre gefeilt, zusammen mit einer Firma aus Dänemark. Schneller Transport, wegen Datenschutzes nicht von außen einsehbar, ein Weg ohne Unterbrechung von A nach B und im Notfall sehr schnell - diese Voraussetzung erfüllt es nun.
Ein Vorbild, um auch andere Teile der Klinik einzubinden? "Eine wichtige Frage", sagt Sven Danckwardt. Nun müsse sich das neue Transportsystem zunächst bewähren. Dem ersten Anschein nach funktioniere es sehr gut. Daher sei ein Ausbau grundsätzlich denkbar.