Erst als ihr zweijähriger Sohn schon in Lebensgefahr schwebte, riefen die Eltern einen Arzt - die Hilfe kam zu spät. Im Prozess um ein totes Kleinkind vor dem Amtsgericht Horb haben die Angeklagten am Montag Stellungnahmen verlesen lassen. Sie waren festgenommen worden, nachdem sie beim vergangenen Gerichtstermin nicht erschienen waren. Die Angeklagten aus Waldachtal im Kreis Freudenstadt werden laut Staatsanwaltschaft Rottweil der sogenannten "Reichsbürger"-Szene zugerechnet.
Ihr Sohn habe nie größere gesundheitliche Probleme gehabt, so der Vater. Noch am Morgen des Tages vor seinem Tod habe er ganz normal mit einem anderen Kind gespielt - das war im Januar 2023. "Die Obduktion ergab, dass das Kind an einer chronischen und akuten Bronchitis verstorben ist", so die Pathologin, die als Sachverständige aussagte. Die Atemprobleme des Kindes hatten die Angeklagten, der 50-jährige Gärtner und die 44-jährige Kinderphysiotherapeutin und Heilpraktikerin, mit ätherischen Ölen bekämpft.
Eltern aus der "Reichsbürger"-Szene
Die Anklageverlesung verfolgte das Paar mit versteinerter Miene in dem engen, gut besuchten Saal des Amtsgerichts Horb. Laut Staatsanwaltschaft wollten die Eltern nach der Hausgeburt in Waldachtal-Salzstetten die rechtliche Existenz ihres Kindes verleugnen. Trotz mehrmaliger Aufforderung hatten sie ihr Kind nicht angemeldet, um es so staatlichem Einfluss zu entziehen, so der Vorwurf.
Außerdem sei der Junge noch nie bei einem Kinderarzt gewesen. Weil die Angeklagten erst mit erheblicher Verzögerung den Notarzt gerufen hatten, soll nun geklärt werden, ob es sich um fahrlässige Tötung handelt. Die Eltern werden der "Reichsbürger"- und Selbstverwalterszene zugerechnet.
Eltern des toten Kleinkinds wurden per Haftbefehl gesucht
Das Kind habe leblos mit bläulichen Lippen auf dem Boden gelegen, berichtete ein Rettungssanitäter über seinen Einsatz. Der Ersthelfer habe noch versucht, es zu reanimieren, ebenso wie eine dazu gerufene Notärztin - vergeblich. Auch ein Rettungshubschrauber wurde gerufen.
Bereits vor einem Jahr hätte der Prozess eigentlich stattfinden sollen. Doch die Angeklagten waren laut Gericht "unbekannten Aufenthalts". Per Haftbefehl wurden die Eltern gesucht. Erst kürzlich sind sie in Bayern festgenommen worden. In der Pause der Verhandlung am Montag sind die beiden in Tränen ausgebrochen.
Dass die Atemprobleme ihres Sohnes so dramatisch enden würden und sich sein Zustand derart schnell verschlechtern würde, habe sie selbst schockiert. Mit der Verhandlung erlischt auch der Haftbefehl gegen die Eltern. Dieser war verhängt worden, weil das Paar zuletzt nicht erschienen war. Ein Urteil wird am nächsten Verhandlungstag am 13. Juli erwartet.