Die Tübinger Forscher haben sie mit Messer und Skalpell herausgeschält aus dem dunkelgrauen Sandboden: Bräunlich-schwarze Knochen, die zum Skelett einer über elfeinhalb Millionen Jahre alten Antilope gehören. Für das 25-köpfige Grabungsteam um die Tübinger Paläontologin Madelaine Böhme ist diese Antilope ein durchaus spektakulärer Fund, denn sie graben in einem ehemaligen Flussbett. Meist hat die Strömung die Knochen weiträumig verteilt und sie finden eher Einzelstücke. Das Antilopenskelett dagegen ist abgesehen von ein paar Wirbeln komplett und liegt direkt an einer Stelle.
Tübinger Paläontologen graben in der Hammerschmiede
Der Ort, an dem die Fossiliensucher mit Spaten, kleinen Plastikschaufeln und Messern den Sand zur Seite schieben, ist eine Tongrube im bayerischen Allgäu: die "Hammerschmiede" in der Nähe von Kaufbeuren.
Halbmondförmig ragen die steilen Wände der Grube nach oben – wie in einem Steinbruch. Auf der rechten Seite steigt das Gelände in Stufen an. In etwa zehn Metern Höhe hat das Team mehrere weiße Pavillonzelte aufgebaut. In deren Schatten stehen, knien und sitzen rund 25 Helfer, die dunkelgrauen Quarzsand Schicht um Schicht erforschen.
Ich möchte dieses Puzzle der Vergangenheit so komplett wie möglich zusammensetzen, damit wir an die Vergangenheit ähnliche Fragen stellen können wie an die Gegenwart.
Urzeitskelette aus einem Flussbett
Zwei Schichten interessieren besonders: ein ehemaliges Flussbett, das in etwa acht Metern Höhe liegt. Und ein Bach, der unten verlief. In diesen Schichten haben sich extrem viele fossile Knochen erhalten, erklärt Madelaine Böhme.
Während Knochen, die an Land liegen, durch Sonne, Wind und Wetter schnell zerstört werden, bleiben sie im Wasser gut erhalten. Denn im Wasser gibt es wenig Sauerstoff. Außerdem hat der Schlamm, den der Fluss oder der Bach mitführten, die Knochen schnell abgedeckt.
Die Hammerschmiede: Heimat des "ersten Fußgängers"
Unten im Bachbett haben die Tübinger massenweise Knochen von Menschenaffen gefunden. Darunter auch den berühmten "Udo" – den ersten Menschenaffen, der auf zwei Beinen ging, wie Böhme vermutet.
174 verschiedene Wirbeltierarten haben die Forscher in der Hammerschmiede bereits nachgewiesen: Biber, Schildkröten, Hyänen, Elefanten und vieles mehr.
Den Biberzahn einfach mal ablutschen
Manchmal wird gefühlt im Minutentakt etwas gefunden. Oft sind es kleine Objekte: Ein Knochensplitter, der von einer Antilope stammt. Ein Stück von einem Schildkrötenpanzer.
Es ist kaum zu glauben, aber Grabungsleiter Thomas Lechner erkennt selbst solche Splitter meist auf den ersten Blick. Denn durch seine Hände und durch die von Madelaine Böhme sind schon mehr als eine Tonne an Funden gewandert. Sie haben alle genau bestimmt – und jetzt eine regelrechte Fossilien-Bibliothek im Kopf.
Als er einen Biberzahn findet, steckt sich Thomas Lechner den einfach mal eben in den Mund. Er lutscht den Sand ab. Grinsend meint er: Das mache man als Paläontologe schon mal, wenn man am Grabungsort etwas auf die Schnelle saubermachen und genauer anschauen wolle! Dann verkündet er: "Das ist der rechte untere letzte Backenzahn im Unterkiefer eines Bibers." Alles klar!
Fossilien: Vom Knochen zum Stein
Fossilie Funde von Pflanzen und Tieren erhalten viele informationen über die Geschichte. Wie entstehen die Versteinerungen? Und wie bestimmt man ihr Alter?
Eine Wetter-Zeitleiste der Vergangenheit?
Neben den Wirbeltieren interessiert sich Paläontologin Madelaine Böhme aber noch sehr für eine andere Spezies: für Flussperlmuscheln. Auch diese ovalen, meist handtellergroßen Muscheln gibt es in der Hammerschmiede. Sie können bis zu 200 Jahre alt werden – und sie dokumentieren in ihrer Schale die Wasserchemie vor elfeinhalb Millionen Jahren: Sauerstoffgehalt im Wasser, Wasserqualität und so weiter.
Die Wasserqualität wiederum wird laut Böhme stark durch das Wetter bestimmt. Durch die Niederschlagsmenge, zufließendes Grundwasser, die Temperatur oder den Sauerstoffgehalt im Wasser.
Madelaine Böhme hofft, dass sie irgendwann mit Hilfe der Flussperlmuscheln eine 500 Jahre dauernde Zeitleiste erstellen kann, die detaillierte Auskünfte zum Wetter vor elfeinhalb Millionen Jahren geben kann. Das wäre dann weltweit einmalig, sagt sie.