Seit den 70er-Jahren war die Rock-Diskothek "Belinda" in Sulzbach an der Murr eine feste Anlaufstelle für Nachtschwärmer im Rems-Murr-Kreis. Aus der gesamten Region kamen damals die Rock-Fans angereist, um mitzufeiern. Vor ein paar Jahren stand die Diskothek dann aber vor dem Aus. Aber die Stammgäste von damals schlossen sich zusammen, um "ihre alte Dame" zu retten.
Bis zu 500 Menschen feierten damals regelmäßig in der "Belinda"
"Man hat versucht, möglichst früh da zu sein, weil es donnerstags und freitags noch die Doubletime gab", sagt Sascha Neumann. Der 52-Jährige war früher fast jedes Wochenende in der "Belinda". Die sogenannte Doubletime ließ er nie aus - zum einen, weil die Getränke in zweifacher Ausfertigung ausgegeben wurden, zum anderen, weil die Schlange mit jeder Stunde länger wurde. Rund 450 bis 500 Menschen feierten an den offenen Tagen in der Diskothek.
Auch seine Partnerin Julia Karl schwärmt von der damaligen Zeit: "Damals war ja noch bis 4 Uhr offen - auch donnerstags - und dann bist du heimgefahren, hast dich umgezogen und bist dann entweder zur Arbeit oder zur Schule gefahren."
2017 drohte der "Belinda" das Aus
Über ein paar Treppenstufen gelangt man in den Bauch der Diskothek. Überall hängen Relikte aus den vergangenen Jahrzehnten: Die Wände sind handbemalt mit großen Motiven von alten Rockbands wie "Kiss" oder "Guns’n’Roses". Genau diese Atmosphäre schätzen die Stammgäste noch heute, erzählen sie.
Vor ein paar Jahren sah es allerdings so aus, als müsse das Kultlokal schließen. Da der Betreiber nicht nur die Rock-Disco, sondern auch noch eine Brauerei und ein Restaurant betrieb und sich diese Kombination nicht mehr rechnete, musste er Insolvenz anmelden. Im Jahr 2017 stand die "Belinda" kurz vor dem Aus.
Rock-Fans retten ihre alte Dame
Der 69-jährige Willi Beck wollte die Kult-Disco nicht aufgeben - genau wie viele andere "Belinda"-Fans. Im Frühjahr 2017 gründete er gemeinsam mit drei anderen mutigen Freiwilligen eine Unternehmergesellschaft. Zunächst investierten sie ihr eigenes Geld und machten im ersten Halbjahr rund 28.000 Euro Schulden.
Schnell bekamen die vier Männer aber Unterstützung: Gemeinsam mit 500 anderen "Belinda"-Liebhaberinnen und -Liebhabern gründeten sie eine Genossenschaft und konnten das Areal für über eine Million Euro kaufen.
Zukunftsvision: Rockpartys und Kulturveranstaltungen
Heute stehen die ehemaligen Stammgäste als ehrenamtliche Helferinnen und Helfer hinter der Bar oder sorgen als DJs für gute Musik. Julia Karl freut sich, im Team der rund 70 Freiwilligen dabei zu sein: "Für uns war die 'Belinda' ein ganz großer Teil unserer Jugend. Sie hat uns damals viel gegeben. Das geben wir jetzt zurück."
In den nächsten Jahren wollen alle helfen, um das gesamte Areal zu sanieren. Dann sollen immer mehr Angebote dazukommen: eine Jugendsozialarbeiterstelle zum Beispiel oder Angebote zur Erwachsenenbildung und Demokratieentwicklung. Denn die "Belinda" soll weiterhin eine Ort der Begegnung bleiben.
Clubsterben: "Belinda" ist kein Einzelfall
Steigende Kosten und sinkende Besucherzahlen sind auch für andere Tanzlokale in der Region und in ganz Deutschland eine Herausforderung. Der Bundesverband der Musikspielstätten LiveKomm hat im November 2024 die Ergebnisse einer bundesweiten Erhebung veröffentlicht.
Dabei haben mehr als die Hälfte der befragten Musikspielstätten angegeben, dass sie den Betrieb ohne staatliche Unterstützung in den kommenden 12 Monaten nicht mehr fortführen können. Das trifft nicht nur die Party-Freunde, sondern ist auch für Nachwuchskünstlerinnen und -künstler ein Problem. Denn wenn die Clubs finanziell schlechter dastehen oder schließen müssen, gibt es auch immer weniger Bühnen für unbekannte Künstlerinnen und Künstler.