Was tun, wenn eine Stadt wie Stuttgart einem kein Wärmenetz vor der eigenen Haustür anbietet, man aber nachhaltig heizen möchte? Privat eine Wärmepumpe einbauen? In dicht besiedelten Quartieren in den Stuttgarter Stadtteilen Weilimdorf und Botnang ist das nicht möglich, die Bebauung ist zu eng. Deshalb gibt es dort Initiativen für kleine Wärmenetze. Die Macher stellten am Mittwoch ihre Ideen im PopUp Studio von SWR und CORRECTIV in Stuttgart-Vaihingen vor. Eine Blaupause für andere Quartiere?
Weilimdorf: Nahwärme von privatem Anbieter
“Wenn es bei uns gut läuft, kann ich mir vorstellen, dass das funktioniert”, sagt Roland Berger. Er ist Mitstreiter bei der Energieoffensive Weilimdorf (EOW). Diese Initiative lotet seit 2017 aus, wie es rund um den Stadtteil im Stuttgarter Nordwesten mit dem Potenzial für Energieeinsparung und der Erzeugung erneuerbarer Energien aussieht. Aktuell erstellt ein privater Netzanbieter eine Machbarkeitsstudie: Lässt sich für die dicht bebauten Quartiere im Südosten Weilimdorfs ein Nahwärme-Netz aufbauen? Was würde das kosten? Und vor allem: Bekommt man dabei ein gutes Angebot für die Anwohner hin, das auch für den Betreiber attraktiv ist?
Rege Online-Beteiligung und viele Veranstaltungen in den PopUp Studios PopUp Studio in Lörrach zum Thema Heizen und Wärmewende
"Wärmepumpenpapst" Marek Miara, Erdwärme Riehen und eine Diskussion - im PopUp Studio Lörrach von SWR und CORRECTIV ging es ums Heizen und die Wärmewende. So war`s.
"Die Wärme muss natürlich konkurrenzfähig sein", erklärt Torsten Tusche, der wie Berger dem EOW-Steuerkreis angehört. Sie selbst sehen sich als Impulsgeber. Am Ende muss der privatwirtschaftliche Anbieter das Projekt übernehmen und Investoren finden. Dafür brauche es "Anker-Kunden", erklärt Berger - etwa größere Wohnungsbau-Genossenschaften oder städtische Einrichtungen, die als Zugpferde auftreten. Sie sollen einen "Prozess" anstoßen, bei dem immer mehr Wohnungseigentümer einsteigen und immer mehr Straßenzüge eingebunden werden können.
Botnang: Wärmenetz in Hand von Genossenschaft
Am Ende sollen in strombetriebenen Heizzentralen Warmwasser erzeugt und in die Gebäude geleitet werden. In Stuttgart-Botnang plant man ähnliches - allerdings in kleinerem Maßstab für nur rund 200 Wohneinheiten. Dort ist mit "Energie für Botnang" eine "Energetische Quartiersgenossenschaft" entstanden - anders als in Weilimdorf sollen die Bürger das Nahwärmenetz also in eigener Hand behalten. "Wir sind ein Experimentierfeld, ein Reallabor", erklärt Genossenschafts-Vorstand Robert Hoening. Die Stadt Stuttgart fördert das Projekt - als mögliche Blaupause für andere Stadtteile, die auch laut Wärmeplanung nicht an ein kommunales Wärmenetz angeschlossen werden sollen.
Die Maxime, die dabei erreicht werden muss, ist für Hoening klar: Wenn Wohnungseigentümer eine neue Heizung brauchen, muss ihr Netz-Angebot in Summe besser sein als eine individuelle Lösung. Das Problem dabei ist ein wenig die Psychologie: Wenn man privat etwa in eine Wärmepumpe investiert, hat man zwar einmalig eine hohe Investition, dann aber geringe monatliche Kosten. Ein Nahwärmenetz-Anbieter plant seine Anlage hingegen für längere Zeiträume, vielleicht 50 Jahre - und legt die Kosten dafür Monat um Monat auf die Kunden um. Vergleicht man also rein die monatlichen Betriebskosten, entsteht ein schräges Bild.
Stadt Stuttgart kommt wichtige Rolle zu
Ein Hürde neben vielen weiteren, die zu nehmen sind. Das vielleicht größte Fragezeichen ist das der kommunalen Unterstützung. Ob nun Botnang oder Weilimdorf, es geht nicht zuvorderst um städtische Fördermittel, sondern um praktische Unterstützung. Etwa bei der Suche von Betriebsflächen für die Anlagen des Wärmenetzes oder die schnelle Bearbeitung von Anliegen etwa was das Verlegen des Netzes angeht. Zudem merkt Tusche an, dass es für die Planung und Umsetzung von Wärmenetzen einen konkreten Ansprechpartner oder eine Kontaktstelle Stadtverwaltung gäbe.
Das Rundum-Sorglos-Paket für die Nutzer hat ja auch seine Qualität.
Denn immerhin: Die Stadt kommt so ihrem Ziel näher, schon 2035 - und damit fünf Jahre vor dem Land und zehn vor dem Bund - klimaneutral zu sein. Und: Am Ende bekämen die Bürgerinnen und Bürger in Weilimdorf wie Botnang ein "Rundum-Sorglos-Paket", sagt Hoening: Keiner muss sich dann mehr mit der Heizung im Keller beschäftigen. Sondern einfach nur Heizkörper aufdrehen - und es ist warm. "Und das hat ja auch seine Qualität", sagt Hoening.